Qualitatives Wachstum durch sanften Paternalismus fördern (Teil 2)

by Dirk Elsner on 26. April 2012

Das ist die unmittelbare Fortsetzung des ersten Teils, der gestern erschienen ist.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Britta Kuhn , Hannes Hoberg, Marc Fensterseifer*

Überlegene Kooperationslösungen durch paternalistische Ansätze

Weniger Flüge nützen der Allgemeinheit: Anstatt sechs Mal im Jahr für ein Wochenende mit einer Billigfluggesellschaft zu reisen, wäre ein einmaliger Flug für einen Urlaubszeitraum von 14 Tagen nachhaltiger und vernünftiger. Die absolute Konsumentensouveränität ist hier gesamtgesellschaftlich suboptimal, da sich Millionen Einzelentscheider nicht absprechen können. Aus der Spieltheorie aber ist bekannt, dass Kooperation der individuellen Entscheidungsfreiheit überlegen sein kann. So beschreibt das berühmte Nash-Gleichgewicht eine Situation, in der „miteinander verbundene Akteure ihre bestmögliche Strategie mit Blick auf die Strategie der anderen gewählt haben.“[11] Als Gruppe stellen sie sich dadurch insgesamt besser. Da die Kooperation aber nicht institutionell geregelt und daher in anonymen Kollektiven unmöglich ist, verfolgen die einzelnen Akteure weiterhin ihr individuelles (Gewinn-)Maximum anstelle eines gemeinsamen (Gewinn-)Maximums, womit sich letztlich jeder Einzelne schlechter stellt als mit Zusammenarbeit. Angewandt auf das Beispiel Flugverkehr bedeutet dies: Der Paternalismus muss so ausgestaltet sein, dass sich die Emissionen insgesamt stark verringern, ohne dass die individuelle Freiheit unnötig stark beschnitten wird. Die Mehrheit der Menschen muss immer noch die Möglichkeit haben zu fliegen, dies aber nur in Maßen. Der Staat bewegt die Menschen durch seine „Anstups-Politik“ also in Richtung Nash-Gleichgewicht, so dass es allen besser geht, gerade weil sie durch die Kombination aus Steuern und veränderter Subventionspolitik geneigter sind, auf ihr individuelles Maximum zu verzichten.

Gerechtigkeitsprobleme lösbar

Doch auch der sanfte Paternalismus bleibt nicht ohne Nachteile. So stellen die Globalisierungsgegner von Attac heraus, dass angesichts sehr teurer Flugpreise nur noch die Reichen fliegen könnten. Dadurch würden Flugreisen sogar dauerhaft zu einem Statussymbol aufgewertet [12]. Tatsächlich kann der Nudge-Ansatz dieses Gerechtigkeitsproblem nicht lösen, denn es wird dem umweltpolitischen Ziel untergeordnet. Allerdings sind auch heute schon weite Teile der deutschen Bevölkerung nicht mehr in der Lage, Flugreisen zu bezahlen, während sich immer mehr Vermögende sogar Privatjets leisten. Um mehr Verteilungsgerechtigkeit zu erzielen, müssten andere Instrumente greifen, z.B. die von Paech vorgeschlagenen individuellen, aber handelbaren CO2-Kontingente [13]. Diese Maßnahme würde reiche Konsumenten wesentlich stärker zur Kasse bitten als heute, weil ihr CO2-Verbrauch vergleichsweise hoch ausfällt.

Praktische Schwächen vollkommener Freiheit

Liberale Ökonomen, Journalisten und Politiker argumentieren, dass individuelle Freiheit das oberste Gut einer Volkswirtschaft darstelle. Dieser Freiheitsgedanke beruht auf der Annahme, dass jeder erwachsene Mensch ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führt und dieses Leben jederzeit durch bewusste Entscheidungen in die eine oder andere Richtung lenken könne. Die Neigung, Freiheit und Gerechtigkeit als Gegensätze zu interpretieren, verschärfte sich rund um die Kür des neuen Bundespräsidenten Gauck. In seinem Windschatten erfuhren auch paternalistische Ansätze viel Kritik [14]. Aber Gauck selbst stellte in seiner Antrittsrede klar:

„Freiheit ist eine notwendige Bedingung von Gerechtigkeit. (…) Umgekehrt ist das Bemühen um Gerechtigkeit unerlässlich für die Bewahrung der Freiheit. (…) Unser Land muss also ein Land sein, das beides verbindet. Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Bedingung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen.“[15]

Die Annahme vollkommener Freiheit hält einem Praxistest nämlich nicht stand. Menschen treffen die wenigsten Entscheidungen restlos selbstbestimmt und frei. Eine große Rolle spielen Elternhaus und Erziehung, das Herkunftsland, der individuelle Charakter, Glück und Pech sowie viele weitere, kaum beeinflussbare Umweltfaktoren. Vielleicht sind es vornehmlich diese externen Rahmenbedingungen, die zu Erfolg oder Misserfolg führen. Selbstverständlich gibt es hier große individuelle Unterschiede: So dürfte es intelligenten, gebildeten, charakterstarken und reifen Individuen leichter fallen, einen freien Willen zu reflektieren und auch gegen äußere Widerstände durchzusetzen. Aber wie hoch ist der Anteil dieser Menschen an der gesamten Gesellschaft? Und sind selbst diese immer bei klarem Verstand? Schließlich darf bezweifelt werden, dass selbst extrem rationale Menschen in der Lage sind, in einer globalisierten Wirtschaft ihr Schicksal vollständig zu bestimmen [16].

Auch Ultraliberale für Freiheitseingriffe zum Wohle der Mehrheit

Weicht man also das Diktat des immer und überall „mündigen Bürgers“ aufgrund seiner empirischen Schwachstellen auf, stellen staatliche Eingriffe in die individuelle Entscheidungsfreiheit kein Tabu mehr dar. Überhaupt handelt es sich bei der gesamten Freiheits- versus Gerechtigkeitsdebatte vielfach um reines Schattenboxen. Denn nicht einmal Ultraliberale kritisieren staatliche Freiheitsbeschränkungen, soweit diese die Lebensqualität einer Bevölkerungsmehrheit erhöhen. So gilt beispielsweise im Straßenverkehr ein Fahrverbot an roten Ampeln. Da der Staat grundsätzlich nicht in der Lage ist, zwischen den faktischen Entscheidungsmöglichkeiten innerhalb der Bevölkerung zu differenzieren, gilt dieses Verbot für alle. Sicher wäre es dem erfahrenen Fernfahrer ein Leichtes, auch eine komplexe Verkehrslage komplett zu überschauen und also auch bei Rot zu fahren. Aber wer soll entscheiden, welcher Verkehrsteilnehmer diese Fähigkeit besitzt und welcher nicht? Wenn also anzunehmen ist, dass die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer nicht die überragenden Fähigkeiten des erfahrenen Fernfahrers besitzt, sollte der Staat ein allgemeines Fahrverbot bei Rot verhängen, das zwar die Minderheit der Fahrkünstler individuell einschränkt, aber die große Mehrheit vor Unfällen schützt.

Qualitatives Wachstum durch Human-Development-Index messbar

Der Mensch strebt vor allem nach einem glücklichen Leben. Dies sollte eine Volkswirtschaft möglichst vielen Individuen ermöglichen. Es ist daher ein praktikabler Indikator nötig, der die Schwächen des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausgleicht und das allgemeine Wohlbefinden der gesellschaftlichen Mehrheit wiederspiegelt. Der neue Indikator könnte qualitatives Wachstum messen, indem er auch Aussagen über die Qualität des Bildungs- und Gesundheitswesens, der Umwelt, der Einkommens- und Vermögensverteilung, der Chancengleichheit oder der kulturellen Versorgung einer Gesellschaft träfe.

Die bekannteste und praktischste Alternative zum BIP, die diese Voraussetzungen weitgehend erfüllt, ist der Human-Development-Index (HDI) der Vereinten Nationen. Er ist einfach zu ermitteln und wird bereits seit 1990 regelmäßig für alle Länder erhoben. Neben dem Pro-Kopf-Einkommen, der Lebenserwartung, der Brutto-Schuleinschreibungsquote und der Alphabetenquote fließen auch die Faktoren Kaufkraft, Gesundheit und Bildung in die Berechnung ein [17]. Zwar korrelieren die Werte von BIP und HDI häufig, es ergeben sich aber trotzdem interessante Unterschiede: Beim BIP pro Kopf etwa liegt Brasilien auf Platz 61 und Indien auf Rang 140, beim HDI dagegen schneidet Brasilien auf Position 73 schlechter und Indien an Stelle 119 besser ab [18]. Der HDI eignet sich bereits jetzt als Ersatz für das BIP, müsste allerdings noch um die wichtigen ökologischen Daten ergänzt werden.

Bereits bestehende Initiativen zu „qualitativem Wachstum für die Mehrheit“

In Literatur und politischer Diskussion herrscht inzwischen zwar ein weitreichender Konsens, dass ein ausschließlich auf quantitatives Wachstum ausgelegtes System wegen natürlicher und gesellschaftlicher Begrenzungen langfristig keinen Bestand hat. Die Diskussion bleibt jedoch häufig abstrakt, utopisch oder inkonsequent. Tatsächlich aber gilt es, Alternativen für das tägliche Wohlergehen zu entwickeln, durch die es den Menschen auch langfristig besser geht. Das Projekt “besser-wachsen” stellt daher greifbare Vorschläge qualitativen Wachstums zu verschiedenen gesellschaftlich relevanten Themengebieten vor. Der Vorschlag, den Sonntag in Deutschland einkaufsfrei zu gestalten, würde echte Erholungszeit, mehr familiäres oder freundschaftliches Beisammensein, weniger Verkehrs- und Lärmbelästigung und damit letztlich eine erhöhte individuelle Produktivität bringen [19]. Eine weitere Initiative liegt darin, dass Unternehmen ihre Beschäftigten durch firmeninterne Gesundheits- und Sozialangebote zu einem bewussteren und gesünderen Lebensstil ermutigen könnten. Hiervon profitierten nicht nur unmittelbar die Beschäftigten, sondern die gesamte Unternehmensproduktivität [20]. Große gesamtwirtschaftliche Wachstumsreserven würde drittens der Gedanke heben, die Arbeitszeiten insbesondere von Männern und Führungskräften zu flexibilisieren, sprich: zu verringern [21]. Viertens könnten Subventionskürzungen bei begünstigten Minderheiten die Umverteilungsspielräume für die Mehrheit der Bevölkerung steigern [22]. Schließlich käme die Anregung, deutsche Innenstädte weitgehend autofrei zu gestalten, in erster Linie der Umwelt sowie der körperlichen und seelischen Gesundheit der Menschen zugute [23].

 


* Der Beitrag wird hier mit Genehmigung der Autoren veröffentlicht. Zu diesem Beitrag gibt es eine eigene Projekthomepage unter dem Titel “Besser-Wachsen”. Dort findet man auch ein Porträt der Autoren. 

Quellen:

[11] N. Gregory Mankiw/Mark P. Taylor, a.a.O., S. 440-442, Zitat S. 441. Details zum Nash-Gleichgewicht z.B. bei Professor Rieck’s Spieltheorie-Seite, „Nash-Gleichgewicht“, http://www.spieltheorie.de/Spieltheorie_Grundlagen/Nash-Gleichgewicht.htm, abgerufen am 02.03.2012.

[12] Werner Rätz/Doris Meisterernst/Dagmar Paternoga, (Attac AG Genug für Alle), „Statt Verdammung »falscher« Bedürfnisse: Demokratische Debatte über Inhalt und Gestalt der Produktion“, Seite 102.

[13] Niko Paech, „Vom vermeintlich nachhaltigen Wachstum zur Postwachstumsökonomie“, in: Werner Rätz, Tanja von Egan-Krieger u.a.(Hrsg.), „Ausgewachsen!“, Hamburg, 2011, S. 40. Paech schlägt dort ein individuelles CO2-Kontingent pro Person und Jahr von ca. 2,7 Tonnen vor.

[14] Z.B. Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Rainer Hank, „Ein Hoch auf die Freiheit“, 26.2.2012, S. 40-41; Kritik der Wachstumskritik in einer Sonderbeilage „Die Grenzen des Wachstums“, 04.03.2012, S. 41-46; Philip Plickert, „Die große Bevormundung“, 11.03.2012, S. 24.

[15] Süddeutsche.de, Gauck-Grundsatzrede im Wortlaut, „Ängste vermindern unseren Mut“, 23.03.2012, http://www.sueddeutsche.de/politik/grundsatzrede-im-wortlaut-aengste-vermindern-unseren-mut-1.1316442,abgerufen am 25.03.2012.

[16] „Der Gedanke, dass der Einzelne durch harte Arbeit sein Einkommen erwirtschaftet und Herr seines Schicksals ist, ist für die heutige Wirtschaftswelt nur bedingt tauglich. In einer globalisierten, von Finanzkonzernen beherrschten, hochgradig interdependenten und zyklischen Wirtschaft ist die Freiheit des Einzelnen höchst prekär, und das alte Lied von der Leistungsgerechtigkeit klingt ziemlich hilflos angesichts der Netzwerkeffekte und „winner takes it all“-Phänomene der Internetökonomie. “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Lisa Herzog, „Freiheit gehört nicht nur den Reichen“, 04.03.2012, S. 36.

[17] Details: Siehe z.B. UNDP, “Human Development Report 2011”,http://hdr.undp.org/en/, abgerufen am 2.3.2012.

[18] Nina V. Michaelis, „Reform der Wohlstandsmessung als Grundlage für eine nachhaltige Ökonomie – Bewertung alternativer Ansätze und Umsetzung“, in: Thomas Sauer, „Ökonomie der Nachhaltigkeit“, a.a.O., S. 28 f.

[19] Britta Kuhn, besser-wachsen, „Einkaufsfreier Sonntag: Raus aus dem Hamsterrad“, http://besser-wachsen.com/2012/02/29/einkaufsfreier-sonntag-raus-aus-dem-hamsterrad-von-prof-dr-britta-kuhn/, abgerufen am 02.03.2012.

[20] Marc Fensterseifer, besser-wachsen, „Wege zu besseren Arbeitsplatzbedingungen“, http://besser-wachsen.com/2012/02/15/wege-zu-besseren-arbeitsplatzbedingungen-von-marc-fensterseifer/, abgerufen am 02.03.2012.

[21] Britta Kuhn, besser-wachsen, „Flexible Arbeitszeitmodelle: Mehrwert für alle“, http://besser-wachsen.com/2012/02/19/flexible-arbeitszeitmodelle-mehrwert-fur-alle-von-prof-dr-britta-kuhn/#more-174, abgerufen am 02.03.2012.

[22] Hannes Hoberg, besser-wachsen, „Qualitatives Wachstum finanzierbar machen, Teil I: Subventionspolitik in Deutschland neu ausrichten“, http://besser-wachsen.com/2012/03/10/qualitatives-wachstum-finanzierbar-machen-teil-i-subventionspolitik-in-deutschland-neu-ausrichten/#more-301, abgerufen am 29.03.2012.

[23] Ders., besser-wachsen, „Das Konzept einer autofreien Innenstadt am Beispiel Wiesbadens“, http://besser-wachsen.com/2012/02/17/das-konzept-einer-autofreien-innenstadt-am-beispiel-wiesbadens-von-hannes-hoberg/, abgerufen am 02.03.2012.

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