Wann macht es Plopp? Der Popcorn-Faktor des Facebook-Börsengangs

by Dirk Elsner on 8. Mai 2012

So schön explodiert Popcorn

Mit dem Börsengang von Facebook dürfte nun endgültig Social Media in der Finanzwelt wahrgenommen werden. Der IPO (wie das in der Fachsprache heißt) des Jahres elektrisiert die Nutzer der Plattform, Beobachter und vor allen “die Märkte” (wer die Märkte sind steht hier). Klar, als Wirtschaftsblog darf man diesen  Hype natürlich nicht ignorieren, denn Beiträge dazu werden in den nächsten Wochen mindestens so viele Klicks generieren, wie Beiträge zu den Piraten.

In den letzten Tagen konnten wir vor allem zwei Arten von Meinungen lesen: Diejenigen, die uns erzählen, warum die Facebook Aktie selbst bei einer Marktbewertung von 100 Mrd. US$ günstig ist und diejenigen, die sagen, warum man die Finger von dem Papier lassen sollte. Diese Analystenbattle ist nicht mein Ding, insbesondere nicht bei dieser irrsinnigen schon vorher festgelegten Werten. Außerdem brauch ich mich so nicht durch die 200 Seiten des Börsenprospektes quälen.

Bei der Lektüre der vielen Meldungen wird man feststellen, dass jeder für seine Empfehlung genügend Argumente finden würde. Egghat und ich haben das schon Anfang 2011 durchexerziert:

Der frühestens für den 18. Mai geplante Börsengang von Facebook erinnert mich vor allem an den Lebenszyklus eines Popcorns (Danke an den Der_Demagoge für das Stichwort via Twitter). Ein Popcorn ist ja zunächst ein ziemlich langweiliges Stück Mais. Das Erhitzen zieht die Aufmerksamkeit an, weil wir wissen, dass es irgendwann Plopp macht (oder heißt es Popp?) und sich dieses Stück Mais verwandelt in ein großes Etwas (siehe Video oben).

Bei ca. 200 °C, so lesen wir in der Wikipedia, platzt die dichte Hülle des Maiskorns und dehnt sich zu einer schaumigen Struktur aus. Danach kühl es rasch ab und erstarrt (bei mir verbrannte es beim letzten Mal übrigens zu Kohle). Popcorn sollte man dann schnell essen, sonst wird es fade und zerfällt irgendwann wieder (oder schimmelt?) Und woran erinnert der Begriff “schaumige Struktur”? …. Genau an Blasen, Bubbles, also jenen Phänomenen an den Finanzmärkten, die immer erst nach ihrem Platzen erkannt werden und deren Ursache anschließend mit spekulativer Überhitzung erklärt wird. Niemand weiß, ob es sich bei Facebook wirklich um eine Blase handelt. “Niemand kann Blasen präzise vorhersagen”, schrieb der von mit hoch geschätzte Ökonom Robert Shiller. Und irgend jemand warnt ja sowieso immer. Damit wird zwangsläufig auch irgend jemand im Nachhinein Recht bekommen. Nur weiß niemand vorher, wer das sein wird.

Während man also bei einem Maiskorn ziemlich genau weiß, dass es bei 200 Grad zu Popcorn wird, ist das bei Facebook schwer zu sagen. Die von der FAZ schön aufbereiteten Vergleichsdaten (hier ansehen) zum Börsengang sprechen zwar eine klare Sprache und schreien nach Blase. Außer durch viel Fantasie auf neue, bisher nicht existierende Geschäftsmodelle, lässt sich schwer sagen, warum eine Facebook-Aktie höher bezahlt werden sollte als Apple, Google, Volkswagen oder Siemens (siehe dazu auch FTD “das Preisschild stört!”).

Interessenten an der Facebook-Aktie könnte aber die Bewertungsdaten vollkommen ignorieren und sich an markttechnischen Tatsachen orientieren. Ein Aktie wie Facebook verkauft sich nämlich allein durch die Größe fast wie von selbst. Facebook wird sehr schnell in verschiedene Marktindizes aufgenommen werden (zumindest in den Technologieindex Nasdaq). Dann werden viele Fonds, die sich an diesem Index orientieren, Facebook automatisch kaufen. Das gilt erst recht für die Indexfonds, die alles kaufen, was im Index steckt, Preise spielen keine Rolle. Allein die schiere Masse dieser Fonds erzeugt eine gigantische Nachfrage, die auf ein vergleichsweise dünnes Angebot trifft. Das haben sich die Alteigentümer prima ausgedacht (siehe Spon: Wer mit Facebook reich wird).

Anleger könnten auch auf den Herdentrieb setzen, der in diesen Tagen durch das Facebook-Fieber ausgelöst wird. K. Singer hat das im Februar im Blog TimePatternAnalysis anhand des “Beauty Contest” von Keynes erklärt:

“Entscheidend ist, was die Mehrheit, der „Markt“, tun wird. Das Modell erklärt den Herdentrieb bei Investment-Themen, sowie die Wirkung von sogenannten heißen Insider-Tipps. Je stärker die Bewegung in Gang gekommen ist, je eher werden Anleger in steigende Preise hineinkaufen und so erweist sich mit zunehmenden Kursgewinnen die Meinung der Mehrheit als selbsterfüllende Prophezeiung. So lange in einem späten Stadium einer solchen Bewegung noch genügend kaufkräftige Nachfrage vorhanden ist, finden die Besitzer solcher Assets immer noch einen „Dümmeren“, der ihnen ihre Bestände abkauft (“greater fool theory”).”

Einige Investoren werden natürlich auf einen Paukenschlag vor dem Börsengang hoffen. Vor einem IPO versuchen Unternehmen ja möglichst viele positive Schlagzeilen zu produzieren, um die Phantasie der Herde anzuheizen. Das führt schon mal dazu, dass man spektakulär positive Entwicklungen oder Ankündigungen in die Nähe der Zeichnungsfrist rückt und umgekehrt versucht, negative Darstellungen zu vermeiden. Das ist alles schon da gewesen (siehe zuletzt FTD: Das Schweigen der Groupons).

In jedem Fall hat es das ausgezeichnete Storytelling der PR-Berater und Investmentbanken rund um den Börsengang geschafft, den Wert 100 Mrd. US Dollar als Marktwert geschickt zu verankern. An diesem Wert arbeiten sich derzeit die Analysten und andere Berichterstatter ab. Ökonomisch rational betrachtet dürfte ein solcher Wert gar nicht existieren. Nach der ökonomischen Theorie müsste jeder Kaufinteressent sich eigene Gedanken machen, welchen Wert er Facebook beimessen würde. Durch das geschickte Setzen der 100 Mrd. US Dollar als Ankerwert*, wird den Anlegern eine Emissionsbewertung von 90 Mrd. US$ günstig erscheinen**. Andere Interessenten werden dann gern an der Börse zugreifen und den Kurs nach oben treiben. Es gibt übrigens bereits die ersten Analysten, die höhere Zielpreise ausgeben, als die Emissionspreisspanne von 28 bis 35 US$. So rechnet Wedbush Securities mit einem Zielpreis von 44$, wie Bloomberg hier schreibt. Aber das gehört zum Spiel dazu.

Was auch immer in den nächsten Tagen passieren wird, es wird nicht nur die Finanzfachleute interessieren. Der Hype um die Börsennotierung ist schon jetzt gigantisch. Facebook startete gestern seine Roadshow für die institutionellen Anleger, an die die Aktie vorwiegend verkauft werden soll (75% der zum Verkauf stehenden Aktien). Für die Privatanleger entsteht so ein künstliche Knappheit. Einige werden dann wohl am freien Markt nach der Börseneinführung zuschlagen und den Kurse zunächst weiter nach oben treiben. Ich persönlich werden auf jeden Fall die Finger von Facebook lassen. So viel Wachstumsphantasie können selbst Phantasten nicht entwickeln, um einen hundertfachen Marktwert auf den Gewinn 2011 zu rechtfertigen.


* Ökonomen sprechen ja tatsächlich von einem Ankereffekt, der in wissenschaftlichen Experimenten nachgewiesen wurde und der in der Wirtschaftspraxis geschickt zur Manipulation eingesetzt wird. Der Begriff stammt aus der Kognitionspsychologie, erklärt uns die Wikipedia. Er wird für die Tatsache verwendet, dass Menschen bei bewusst gewählten Zahlenwerten von momentan vorhandenen Umgebungsinformationen beeinflusst werden, ohne dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. Die Umgebungsinformationen haben selbst dann Einfluss, wenn sie für die Entscheidung eigentlich irrelevant sind. Die Folge ist, dass wir Menschen unsere Urteile und Einschatzungen systematische in Richtung des Ankers verzerren.

** Tatsächlich errechnen sich nach den Emissionsbedingungen bzw. der Preisspanne zwischen 28 und 35 US$ und den im Umlauf befindlichen Aktien verschiedene Marktwerte (zwischen 60 Mrd. US$ und 96 Mrd. US$), wenn man etwa Optionen oder Aktien im Zusammenhang mit Kauf des Bilderdienstes Instagram berücksichtigt (siehe dazu Handelsblatt und Bloomberg)

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