Besuch beim Handelsblatt: Business as usual bei Handelsblatt Online nach der Netzdebatte

by Dirk Elsner on 9. Mai 2012

Anfang April fühlte nicht nur ich mich provoziert durch einen Beitrag im Handelsblatt von Sven Prange “Hundert Kreative provozieren die Netzpiraten”. Dort schrieb er u.a. die Sätze: “Es ist kein Zufall, dass viele Blogs und Foren vor allem reproduzieren. Alle schmarotzen aus der reellen Welt.” Kommentiert habe ich das bereits in “Warum mich die Debatte zum Urheberrecht provoziert”. Auf mich wirkte die Debatte insgesamt etwas hochgekocht. Immerhin entsprang daraus eine spannende, bisweilen fantasievolle Online Schlacht zwischen Verlagsvertreter und Teilen des Netzes (siehe dazu diese Sammlung bei Rivva).

imageVöllig unabhängig von dieser Debatte hatte mich Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin beim Handelsblatt, zu einem Besuch in die Kasernenstraße eingeladen. Wer jetzt denkt, jetzt wolle das Handelsblatt Schadensbegrenzung bei den Bloggern betreiben, der irrt. Die Einladung bestand schon lange vor der wilden Netzdebatte. Und ich habe mich darüber gefreut, weil ich nach meinem Besuch 2009 mal wieder Gelegenheit zu einem Blick hinter die Kulissen hatte. 

Ich reiste für den Besuch früh an, weil ich an der Morgenkonferenz der Onlineredaktion teilnehmen durfte. Vorbehalte gab es dort überhaupt keine gegen meine Teilnahme. Ich wurde nett begrüßt, einige kannten mich, andere hielten mich für einen neuen Praktikanten.

Die Runde wirkte auf mich, wie schon 2009, hoch professionell, sorgfältig und vielleicht etwas konservativ in der Themenauswahl. Da wurde über die Themen des Tages gesprochen, wann welche Beiträge platziert werden, Selbstkritik geübt und über einige Überschriften nachgedacht. Das lief so ab, wie man sich das sonst so vorstellt. Für Themen, die keinen unmittelbaren Bezug zur Wirtschaft haben, wie an diesem Tag die Halbfinals der Champions League, wurden in der Konferenz wirtschaftliche Aufhänger gesucht.

Wie gesagt, die besprochenen Themen empfand ich mehr oder weniger mainstreammäßig und damit zu unspektakulär. Ich war hier ja nur als stiller Zuhörer geladen. Aber wie ich höre, will man auch einmal Blogger offiziell zu einer der wöchentlichen Themenkonferenzen einzuladen, um Anregungen zu diskutieren. Ich finde nach wie vor haben die deutschen Wirtschaftsonlinemedien einen hohen Nachholbedarf, wenn man mal schaut was blognahe Seiten wie FT Alphaville, das Dealbook der New York Times, Business Insider oder Zero Hedge so zu Finanzmärkte und Ökonomie produzieren. Da werden trockene Themen der Ökonomie und Finanzmärkte richtig spannend und sexy aufbereitet ohne flach zu wirken.

Mit Tina Halberschmidt habe ich dann anschließend beim Kaffee über einige Ideen gesprochen, die ich aber hier nun nicht vertiefen will 😉 Mehr hätte ich natürlich gern erfahren über die interne Debatte in den Handelsblatt Räumen zu der oben angesprochenen Debatte. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass alle Mitarbeiter die Position von Sven Prange, Gabor Steingart oder Oliver Stock teilen. Natürlich war das auch intern ein Thema, verriet Tina. Mit mich interessierenden Details hielt sie sich leider zurück. Ich bin ja kein Journalist und stellte vielleicht nicht hartnäckig genug Fragen. Sie versprach mir aber, wenn ich weitere Fragen hätte, diese gern an Oliver Stock weiterzuleiten.

Insbesondere das Social Media Team von Handelsblatt Online schaut übrigens sehr genau auf die Debatte und ist ja über Facebook und Twitter auch Teil davon. Mein Eindruck aus dem Gespräch und übrigens aus vielen früheren Gesprächen ist, dass man Blogs und andere Social Media Kanäle durchaus sehr ernst nimmt. Die von Prange vertretene Position zu Blogs ist jedenfalls kein Dogma im Onlinebereich.

Wir diskutierten außerdem über die Kommentarkultur. Mich nervt zuweilen die Kommentarkultur in den Onlinemedien. Mein Eindruck ist nicht, dass dort sachlich und themenbezogen diskutiert wird. Mir sind da weiter zu viele Verschwörungstheoretiker, Utopisten und immer mal wieder schimpfende Trolle unterwegs, die nur provozieren wollen. Ich kann daher das derzeit den Kommentaren vorangestellte Anliegen von Oliver Stock verstehen, Kommentare unter Klarnamen zu führen, um die Debattenkultur anzuheben. Jedenfalls soll, so Tina Halberschmidt, die Debattenkultur auf der Facebookseite des Handelsblatts zivilisierter verlaufen. Dennoch will Handelsblatt Online Kommentare grundsätzlich weiter nicht löschen (Ausnahme natürlich Rechtsverstöße etc.), wie das Olaf Storbeck im vergangenen Jahr für den Handelsblog eingeführt hat.

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