Warum ist Preisstabilität eine notwendige Bedingung für Stabilität des Finanzsystems?

by Dirk Elsner on 6. Juni 2012

Am Wochenende stieß ich auf eine interessante Studie des Münchner Makroökonoms Gerhard Illing. Die Studie “Zentralbanken im Griff der Finanzmärkte” befasst sich vorwiegend mit Gründen, warum Finanzmärkte reguliert werden sollten und erklärt recht gut einige Mechanismen, die aus Sicht des Autors zur Finanzkrise geführt haben. In der Studie zitiert Illing auf S. 15 den ehemaligen EZB-Präsidenten Jean Claude Trichet. Der machte 2010 in einer Laudatio für Hans Tietmeyer, dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, folgende Aussage, die ich vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die Geldpolitik interessant finde:

„Der beste Beitrag, den die Zentralbanken für die Stabilität des Finanzsystems leisten können, ist Preisstabilität. Preisstabilität ist sogar eine notwendige Bedingung für Finanzstabilität. Hinreichende Bedingung ist sie jedoch nicht. Finanzstabilität liegt in der Verantwortung vieler. Und alle müssen ihrer Verantwortung gerecht werden.“

In der Studie geht Illing auf verschiedene Maßnahmen ein, die das Finanzsystem nebst Schattenbankensektor stabiler machen sollen. Leider erklärt er nicht, warum mangelnde Preisstabilität eine Gefahr für die Finanzstabilität ist. Ich finde die Frage gerade deswegen interessant, weil vor dem Hintergrund der aktuellen ökonomischen Debatte man immer häufiger liest (z.B. in diesem Beitrag von Paul Krugman für Spiegel Online), dass die Zentralbanken mehr Inflation (ergo weniger Preisstabilität) in Kauf nehmen sollten und damit genau das Gegenteil von Preisstabilität gefordert wird.

Ich bin leider nicht fündig geworden auf der Suche nach einer Erklärung für den Zusammenhang zwischen Preisstabilität und Finanzstabilität, wobei ich Finanzstabilität hier im Kontext der Studie als Stabilität des Finanzsystems verstehen würde, also auch als eine Maßnahme, um Finanzkrisen zu verhindern.

Axel Weber, ehemaliger Präsident der Bundesbank, hat sich zwar ebenfalls in einer Rede in Mannheim 2010 so geäußert, den Kausalzusammenhang aber ebenfalls nicht erläutert. Weber zweifelte darin den “Mehrwert einer willkürlichen Anhebung des Inflationsziels” an und stellt dem die “erheblichen Kosten” gegenüber: “Die Inflationserwartungen würden destabilisiert und die über Jahrzehnte aufgebaute Glaubwürdigkeit der Zentralbanken untergraben. Dies gilt umso mehr, als eine solche Maßnahme – auch wenn sie nur geldpolitisch motiviert ist – von vielen Bürgern als Bestätigung ihrer schon jetzt latenten Befürchtung verstanden würde, der Staat wolle die Last der krisenbedingt rapide gestiegenen Staatsverschuldung durch höhere Inflation verringern.”

Zum Zusammenhang zwischen Finanzsystemstabilität und Geldpolitik sagte er dann: “Auf der einen Seite ist ein stabiles Finanzsystem eine unabdingbare Voraussetzung für die Implementierung und Transmission der Geldpolitik. Auf der anderen Seite wirken geldpolitische Maßnahmen aber auch auf die Finanzstabilität, etwa indem sie das Risikoverhalten der Akteure beeinflussen.” Aber auch dies ist keine Erklärung. Etwas später spricht er gar von möglichen Zielkonflikte bei der gleichzeitigen Verfolgung von Preis- und Finanzstabilität.

In einem Bericht der AG Finanzstabilität über die makroprudenzielle Aufsicht in der Schweiz habe ich auf S. 3 den Satz gefunden:

“Die jüngste Finanzkrise hat gezeigt, dass eine auf die Solvenz und Stabilität von einzelnen Finanzmarktteilnehmern ausgerichtete Aufsicht sowie eine auf die Preisstabilität fokussierte Geldpolitik keine Gewähr für die Stabilität des Finanzsystems bieten.”

In weiteren Texten werden eher Finanzsystemstabilität als konkurrierende oder komplementäre Ziele genannt. So wirklich zufrieden bin ich also nicht mit dem was ich gefunden habe.

Mir ist angesichts der Mechanismen der letzten Finanzkrise schon klar, dass Preisstabilität allein keine Finanzkrise verhindert. Aber was ist mit dem Umkehrschluss: Leistet eine Inflationspolitik, die derzeit häufiger gefordert wird, den Vorschub für eine neue Finanzkrise? Wenn diese These so stimmen würde, dann würde man erneut den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Die Bankenkrise 2008 hat zur Finanzkrise geführt, diese zur Wirtschaftskrise. Finanz- und Wirtschaftskrise wiederum haben zur Schuldenkrise geführt, die nun starke Wachstumseinbußen nach sich zieht. Dies sollen gemildert werden durch expansive und Inflation in Kauf nehmende Geldpolitik der Zentralbanken.

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