Las Vegas als Lehrstunde für Kapitalismus?

by Dirk Elsner on 2. August 2012

VegasGestern twitterte @teraeuro mir einen älteren Bericht von Spiegel Online über drohende Milliarden-Verluste der Deutschen Bank aus dem Betrieb eines Spielcasinos in Las Vegas. Vor einigen Wochen konnte ich mich davon selbst überzeugen und hatte getwittert, dass im Cosmopolitan vergleichsweise wenig los ist. Dazu am Ende mehr. Während unseres Urlaubs haben wir also ein paar Tage in Las Vegas verbracht. Ich kenne keinen Ort, der die Kernwidersprüche, die Schattenseiten und auch die Sonne des Kapitalismus so überzeichnet, wie das vermeintliche Glückspielparadies in der Wüste Nevadas.

Las Vegas ist darauf programmiert, den Besuchern mit maximaler Kreativität das Geld aus der Tasche zu ziehen. Diese Erkenntnis ist weder neu, noch originell. Aber es lohnt sich, schon einmal im Detail zu schauen, wie die Stadt das macht und mit welchen subtilen Tricks Besucher um ihre Ersparnisse gebracht werden:

 

  • Promotion für "sensationellen Shows", die tatsächlich aufwendig und spektakulär produziert sind,
  • einen Starkult, auf den wir Menschen ja offensichtlich anspringen und der vielleicht sonst nur in Los Angeles ausgeprägter ist,
  • Schaffung von Exklusivität durch Clubkarten und besondere Spielerzirkel, zu denen nicht Jedermann Zutritt hat,
  • tausende kostspielige Ablenkungen, mit denen versucht wird, den Menschen weiteres Geld aus der Tasche zu ziehen. Für den flüchtigen Wow-Effekt, über den man bei den Kollegen angeben kann, vergessen viele Menschen, wie hart sie für das plötzlich ganz locker sitzende Geld gearbeitet haben,
  • die Ablenkungen dieser Stadt sind emotional so konstruiert, dass man fast ein schlechtes Gewissen hat, wenn man kein Geld ausgibt und nicht spielt,
  • Und natürlich ist es ein Spiel mit der Irrationalität der Menschen, die zum Teil verbissen vor den Automaten oder den Spieltischen in der Hoffnung sitzen, dass gerade sie nun endlich dran sind, die Gesetze der Wahrscheinlichkeit zu brechen.

Man mag das abschreckend finden, viele Menschen finden es aber offenbar anziehend, denn Las Vegas funktioniert und polarisiert. Und es gibt kaum Zweifel, die Stadt zieht jedes Jahr mehr Menschen an, als kulturelle Ereignisse oder historische Orte in anderen Teilen der Welt. Offensichtlich lässt sich mit professionell organisierter Oberflächlichkeit mehr Geld machen als mit anderen kulturellen Leistungen.

Und Las Vegas schafft Arbeitsplätze, sehr viele Arbeitsplätze für Bauindustrie, Planungen, Croupiers, Sicherheitskräfte, Unterhaltungskünstlern, Serviceangestellten, Schönheitschirurgen und, und und. Man spricht zu Recht von Glückspielindustrie. Die Hotels, wie das Wynn-Encore oder das mittlerweile der Deutschen Bank gehörende Cosmopolitan kosten mehrere Milliarden Dollar. Für die Inszenierung der Dekadenz sind bzw. waren die Kassen der Banken weit geöffnet, die bis 2008 bereitwillig jedes Wagnis mitfinanzierten. 2009/2010 schien sich nun erstmals etwas wie eine Wende abzuzeichnen.

Im Zuge der globalen Finanzkrise gingen die Besucherzahlen zurück und einige Finanzierungen platzen. Tatsächlich begannen sich die Finanzhäuser zu fragen, welche Sicherheiten sie eigentlich haben, wenn der Spielbetrieb zusammen bricht, wenn also den Besuchern bewusst wird, wie teuer hier eigentlich oberflächliche Ablenkungen verkauft werden. Was würde passieren, wenn plötzlich die Nachfrage wegbrechen würde, weil sich die Menschen nicht mehr zu Muppets machen lassen wollen? Was wären Casinohotels als Sicherheit wert, wenn die Besucherströme ausbleiben würden? Das Caesars Palace etwa wäre gar nichts mehr wert, wenn die Besucherströme nicht mehr die laufenden Betriebskosten decken würden. Damit sind solche Immobilien aber kaum als Sicherheiten geeignet. Ihr Wert basiert allein auf der Hoffnung, dass sich möglichst viele Menschen vom Mythos Vegas anziehen lassen.

Was wäre also, wenn den Menschen auf einmal bewusst würde, wie sie hier ausgenommen werden und die Inszenierung der Oberflächlichkeit erkennen und plötzlich abschreckend fänden? Das Kartenhaus würde einklappen. Es würden nicht nur die Investoren ihre Gelder verlieren, hunderttausende Menschen ihre Arbeitsplätze, sondern auch die finanzierenden Banken würden so viel Kapital in den Wüstensand setzen, dass sie wegen der plötzlich wertlosen Sicherheiten möglicherweise sogar gestützt werden müssten oder in die Pleite gehen. Das hätte Konsequenzen weit über Las Vegas hinaus.

Wie oben bereits erwähnt, macht die Deutsche Bank gerade die Erfahrungen mit dem Cosmopolitan, ebenfalls ein “epochales Bauwerk”, das aber nicht die Erwartungen der Investoren und Finanziers erfüllt. Ich kenne die Kostenrechnung des Casinohotels nicht, aber ein subjektiver Blick in die Räume vermittelt den Eindruck, hier sei deutlich weniger los als in anderen spektakulären Häusern. Ja, das Cosmo ist edel und macht was her, aber um in Vegas erfolgreich zu sein, ist Spektakel notwendig, von dem man seinen Kollegen erzählen kann. Das Cosmo schafft das bisher nicht und hat noch keine Duftmarke gesetzt. Es ist nicht für Muppets gemacht, die sich durch Inszenierungen das Geld aus der Tasche ziehen lassen, es ist einfach nur ein edles Casinohotel mit viel zu hohen Preisen.

Braucht also die Welt mehr Orte wie Las Vegas? Nein. Aber Kapitalismus braucht vor allem Ideen, um anderen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie zu zerstreuen. Und sie müssen dabei das Gefühl haben, irgend etwas besonderes für ihr Geld zu erhalten, selbst wenn die Leistung objektiv banal und oberflächlich ist. Einige Leser mögen sich aufregen oder erheben über die vielen Menschen, die sich durch Orte wie Las Vegas anziehen lassen. Wenn wir aber ehrlich sind und genau auf uns selbst schauen, dann unterscheiden wir uns alle nicht groß davon. Im Alltag sorgen die Themen für Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff, die von der Norm abweichen, etwas Sensationelles versprechen, uns Annehmlichkeiten bereiten oder uns unterhalten. Und genau dafür sind wir bereit auch Geld auszugeben. Las Vegas überspitzt und persifliert damit letztlich nur das, was den Kapitalismus auch ausmacht. Und wenn das nicht mehr funktioniert, dann macht es plopp und wir sehen nur noch staubige Wüste.

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