Überdosis Facebook Bashing nach dem Börsenflopp – Potenzial ist wieder da

by Dirk Elsner on 6. August 2012

Was hat Facebook mit Nicolas Berggruen dem Multimilliardär und Karstadt Investor zu tun? Beides oder sind gefallene Stars. Besser sollte man sagen, es sind fallen gelassene Stars. Sowohl das soziale Netzwerk als auch der vermeintliche Karstadt-Retter genossen bis vor kurzem noch die volle oder sagen wir besser die gefühlte Sympathie der Medien. Das hat sich nun geändert.

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Während bei dem Karstadt-Investor, der bisher durch seine geschickte PR auffiel, etwa das Handelsblatt zum Kern der übrigens nicht schlechten Absichten des amerikanischen Investors vorgedrungen ist und seine gebrochenen Versprechen aufs Korn nimmt, sieht sich Facebook seit seinem verpatzen Börsengang plötzlich einer ganzen Armada kritischer Berichte ausgesetzt.

Bei Facebook ist das besonders interessant zu beobachten. Bis zum Börsengang hatte man den Eindruck, es gäbe keine bessere Geldanlagemöglichkeit als die in Facebook-Aktien. Während die Technik- und Kulturressorts der Medien schon länger auf Distanz zu dem sozialen Netzwerk gegangen waren, begannen plötzlich Ökonomen und nüchterne Banker sich mit Social Media zu beschäftigen. Während vielen, die sich schon länger im Netz bewegen seit mindestens zwei Jahren klar ist, dass auch Social Media nicht das große Heilsversprechen über die Welt bringt, bekamen Investmentbanker, denen sonst alles verhasst ist, was die Web 2.0-Philosophie ausmacht, plötzlich feuchte Augen beim Gedanken an die Facebook-Aktie.

Nun wissen wir seit einigen Wochen, dass der Börsengang grandios gefloppt und einige Banken sich erheblich die Finger verbrannt oder dabei blamiert haben. Besonders putzig, nach dem Wissen um den gefloppten Börsengang wollen es die Analysten schon vorher besser gewusst haben. Ich könnte mich jetzt selbst feiern, weil ich sowohl Anfang 2011 als auch kurz vor der Emission vor der großen Euphorie gewarnt habe und riet, die Finger von der Facebook-Aktie zu lassen. OK, ich feiere mich dafür jetzt 1 Sekunde (für Insider: Jimmy Breuer klatscht im Hintergrund). Aber das ist langweilig.

Ausgesprochen bemerkenswert finde ich, wie schnell sich die Herde gedreht hat und plötzlich eine regelrechte Vendetta gegen das Unternehmen aus Menlo Park eingesetzt hat. Plötzlich stößt man sich auf jede Schwachstelle, konstruiert gar Verschwörungen (gut enttarnt von Spiegel Online) und schmeißt den Titel medienwirksam aus dem Investmentfonds-Depots. Und wow, Hut ab Fidelity, da gehört ne ganze Menge Chuzpe dazu, die Aktie die man vor 8 Wochen noch mit 38 US$ für fair bewertet hielt, nun bei 20$ für überbewertet zu halten und öffentlichkeitswirksam aus dem Depot zu werfen und zu glauben, Fondskäufer honorieren das. Mich überrascht derart durchschaubare PR eines sonst sich so hoch professionell gebenden Fondsgesellschaft wie Fidelity. Substantiell geändert haben sich sich die Daten des sozialen Netzwertes nämlich nicht. Ich glaube, es ist kein Wunder, dass sich Anleger massenhaft von Fonds abwenden, wenn sie so einfallsreich agieren. Aber das wäre an anderer Stelle zu vertiefen.  

Zurück zu Facebook. Das Netzwerk jetzt abzuschreiben und Social Media für erledigt zu erklären ist genau so ein Blödsinn, wie es vorher als das ultimative Instrument zur Neupositionierung aller Unternehmen hochzujazzen und deren Aktien für die sorgenfreien Altersversorgung zu pushen. Das Platzen der Internet-Bubbel um die Jahrtausendwende hat auch nicht zur Abschaltung des Internets geführt, das damals ebenfalls viele für nutzlos und überflüssig hielten. Das Netz hat sich durchgesetzt und ist aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken.

Genauso werden Social Media Netzwerke mit ihren Errungenschaften erhalten bleiben und weiter entwickelt werden. Und wie auch sonst wird natürlich nicht jede Geschäftsidee, die 2.0 auf ihrem Businessplan pinnt, automatisch zum Blockbuster werden. Social Media ist in der Realität angekommen. Es war längst Zeit, dass die Luft aus den hohen Erwartungen gelassen wird. Das ist jetzt passiert. Auch im Mainstream verankert sich nun endlich, dass mit sozialen Netzwerken keine Wunder vollbracht werden oder gar Probleme gelöst werden, die es vorher gar nicht gab. Aber damit ist Social Media nicht tot. Die Philosophie wird vielmehr Bestandteil der privaten Welt bleiben und mehr noch der Wirtschaftswelt werden.

Facebook selbst wird weiter Geld verdienen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bald sehr viel höhere Gewinne machen. An den Potenzialeinschätzungen hat sich nämlich im Prinzip nicht viel geändert, auch wenn nun einige Autoren bei Twitter und Facebook an den MySpace Effekt denken. Das neue Kursniveau spiegelt vermutlich realistischer die Risiken wieder. Die Berichterstattung löst sich aber aktuell von allen Chancen der neuer Geschäftsmodelle. Ich bin hier weiter bei egghat, der in verschiedenen Beiträgen (hier und hier) die Chance aufgezeigt hat. Ich habe zwar seine Marktbewertungen nicht geteilt, finde aber seine Beschreibungen des geschäftlichen Potenzial treffend. Und das ist nicht über Nacht verloren gegangen. Klar, das Unternehmen wird mehr mit Werbung, aus mobilen Inhalten, aus Shop- und vor allem aus Finanztranskationen holen. Daneben wird Facebook sicher noch einige Asse im Ärmel haben, die uns überraschen werden. Es muss ja nicht immer das Erwartete sein. Und in Zeiten, in denen die Erwartungen sich so sehr ins Negative gedreht haben, reicht oft ein kleiner Anstoß für eine Wende.

Ob diese Wende heute kommt, nach Ablauf der verschiedenen Mindesthaltefristen der Altaktionäre (Aufstellung dazu unten in diesem Beitrag) oder irgendwann dazwischen, weiß ich natürlich nicht. Aber mittlerweile ist die Aktie auf einem Niveau angekommen, wo ich selbst ich als Skeptiker und Kritiker der Emissionsbewertung schwach werden könnte.

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