Aufbruch nach Eurotopia?

by RalfKeuper on 5. September 2012

Es mag in der aktuellen „Euro-Krise“ ein wenig extravagant erscheinen, sich Gedanken um die weitere Zukunft der europäischen Staatengemeinschaft zu machen, die darauf abzielen, die Vereinigten Staaten von Europa, „Eurotopia“, zu errichten – so jedenfalls die Idee bzw. Vision des niederländischen Brauereibesitzers und Multi-Milliardäres Alfred Heineken, wie sie in dem Buch „The United States of Europe (a Eurotopia?)“ http://bit.ly/wW87is skizziert wurde.

Darin wird die Aufteilung Europas in 75, weitgehend autonome Regionen vorgeschlagen. Dadurch soll einerseits der Nationalismus überwunden und andererseits der Zentralismus, wie er durch die EU-Behörden repräsentiert wird, durch eine Dezentralisierung, d.h. eine Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse auf lokale bzw. regionale Ebene, so weit wie möglich zurückgedrängt werden. Hauptgliederungsprinzip der Regionen soll die ethnische Zugehörigkeit in Form von gemeinsamer Sprache, Kultur und landschaftlicher Verbundenheit sein. Ein in mehrerer Hinsicht nicht umproblematischer Ansatz.

Die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“, entsprechend dem großen Vorbild, der Vereinigten Staaten von Amerika, ist nicht ohne Reiz. Nur – was anderswo funktioniert, muss nicht zwangsläufig an anderer Stelle zum selben Effekt führen. Der Geschichtsverlauf in Europa ist ein ganz anderer als der in den wesentlich jüngeren USA. Eine Übertragung im Format 1:1 ergibt daher keinen Sinn.

Wieviel Zentralisierung und Standardisierung ist nötig, damit ein aus so unterschiedlichen Regionen bestehender Staatenverbund, wie Eurotopia es vorsieht, überhaupt funktionieren kann? Braucht es dazu eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Sprache, gemeinsames Recht?, eine gemeinsame Wirtschaftspolitik? eine gemeinsame Außenpolitik? eine gemeinsame Militärstrategie?

Über all das verfügen die USA.

Damit eine Währungsunion auf Dauer erfolg haben kann, müssen für den Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe drei Kriterien erfüllt sein:

1. Es muss ein Lender of last resort existieren
2. Die Wirtschafsstrukturen und die Wirtschaftskraft der Länder dürfen nicht zu stark voneinander abweichen. Also Unterschiede wie zwischen Deutschland und Griechenland dürfen nicht vorkommen – zumindest nicht über Jahre oder Jahrzehnte
3.Der Konjunkturverlauf muss auf Dauer positiv sein, d.h. es darf keine längeren Phasen von Rezessionen im Währungsraum oder Teilen davon geben.

Laut seinen Forschungen hat noch kein Währungssystem eine große strukturelle Krise überstanden, wie sie im Euroraum immer offensichtlicher wird. Daran schloss sich bisher stets ein neues Währungssystem an. Über Optionen sollte daher rechtzeitig nachgedacht werden. (Eigenzitat http://bit.ly/NGAfMl)

Auch hier ist die Lage in den USA eine andere als in Europa. Sollte eine gemeinsame Währung nötige Bedingung für die Vereinigten Staaten von Europa sein, stehen die Aussichten schlecht.

Angenommen, eine gemeinsame Währung ist kein „Show Stopper“?

Wie lässt sich ein Staatenverbund von 75 oder mehr Teilnehmern steuern bzw. wie kann er in bestimmten Fragen mit einer Stimme sprechen oder einheitlich agieren? Wo wird die Grenze zur Kleinstaaterei überschritten?

Komplexität und Steuerung

Um komplexe Systeme oder Gebilde auch nur ansatzweise steuern zu können, benötigt laut Fredmund Malik „das Control-System mindestens ebenso viel Varietät, wie das zu kontrollierende System selbst hat; oder: ein System kann nur insoweit unter Kontrolle gebracht werden, als das Conrol-System Varietät aufbringt; .. Einfache Systeme haben wenig Varietät und sind daher leicht unter Kontrolle zu bringen; komplexe Systeme mit sehr grosser Varietät erfordern sehr hohe Varietät für ihre Regulierung – und dies ist exakt das Problem des Managements komplexer Systeme“. (in: Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation)

Auch nicht gerade ermutigend. Welche Institution in Europa soll bzw. kann diese Funktion übernehmen?

Gemeinsame Sprache

Das bedarf keiner weiteren Erläuterung – zumindest wenn man die USA zum Vorbild nimmt. Auch hier fällt die Prognose eher negativ aus, wenngleich Englisch die allgemein akzeptierte Verkehrssprache sein dürfte.

Wirtschafts- und Industriepolitik

Hier verweise ich auf einige Gedanken aus dem Buch „Die amerikanische Herausforderung“ des französischen Publizisten Jean-Jacques Servan-Schreiber:

„Um angesichts der amerikanischen Herausforderung unser Schicksal wieder in die Hand zu bekommen, müssen wir uns, .. , zuerst einmal den Sachverhalt klarmachen und sodann beharrlich die Anstrengungen unternehmen, die wir nun aufzeigen wollen. Doch die Voraussetzungen dafür sind einfach aufzuzählen. Die Wege der Gegenoffensive liegen klar vorgezeichnet vor uns:
1. Schaffung großer Industriekomplexe, die nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern durch die Art ihrer Geschäftsführung in der Lage sind, den Kampf mit den amerikanischen Riesen aufzunehmen.
2. Auswahl der >großen Vorhaben< in den Schlüsseltechniken, die Europa auf den wichtigsten Gebieten eine autonome Zukunft sichern.
3. Ein Minimum an Föderalismus als Motor und Garant für die gemeinschaftlichen Unternehmungen.
4. Umgestaltung der Assoziationsmethoden, der Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen, Universität und Staat.
5. Intensive und umfassende Erziehung der Jugend, ständige Weiterbildung der Erwachsenen
6. Schließlich, und davon hängt alles übrige ab, Befreiung der in veralteten Strukturen gefesselten Energien durch einen grundlegenden Wandel, der die Erneuerung der Eliten und der sozialen Beziehungen nach sich ziehen muß. …

Wenn die Europäer ihr Wachstum, das heißt ihr Schicksal, mittels einer eigenständigen Politik selbst bestimmen wollen, müssen sie zuallererst einen geographischen und menschlichen Raum schaffen, der groß genug ist, damit die wirtschaftliche Expansion sich darin kraftvoll entfalten kann und der Pro-Kopf-Verbrauch, die Infrastrukturinvestitionen sowie die Aufwendungen für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt entsprechend gesteigert werden können.
Sodann muß die Verwendung der Mittel aus dem Volkseinkommen in den zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossenen Ländern nach dem gleichen Prinzipien erfolgen: Wir können uns nicht mit einem Markt begnügen, wir müssen eine Wirtschaftspolitik betreiben. In Zukunft ist eine Planung auf innerstaatlicher Ebene nicht mehr möglich, es sei denn, man zöge sich vom Gemeinsamen Markt zurück, was gleichbedeutend wäre mit einem rapiden Rückgang des Lebensstandards. ..
Wir stehen also mit dem Rücken zur Wand: Die Rückkehr zum Nationalstaat ist in der Expansion nicht mehr möglich; entweder wir entwickeln eine europäische Industriepolitik, oder die amerikanische Industrie wird weiterhin die Zukunft des Gemeinsamen Marktes bestimmen. Dieser erste Punkt steht bereits eindeutig fest. Er ist nicht ohne Folgen für die Gegenreaktion. „ (Quelle: http://bit.ly/TEaGyn)

Das Buch erschien 1968. Einige der Forderungen wurden erfüllt wie z.B. der Bau eines gemeinsamen Flugzeugs (Airbus) oder in der Raumfahrt. Auch die EZB muss man wohl hierzu zählen. Aus den Zeilen spricht eine für einen Franzosen nicht überraschende Tendenz zum Zentralismus. Einige der Aussagen halte ich jedoch nach wie vor für überlegenswert, zumindest sind seitdem so weit ich blicken kann, keine originelleren Gedanken veröffentlicht worden, von „Eurotopia“ einmal abgesehen und auch das Konzept stammt aus dem Jahr 1992.

Aktuelle Veröffentlichungen

Wer allerdings zu stiller Resignation tendiert, sei an Eberhard Sandschneider verwiesen: http://bit.ly/QJ7uEF Deutlich optimistischer, fast schon euphorisch ist dagegen Jeremy Rifkin in seinem Buch „Der Europäische Traum.
Die Vision einer leisen Supermacht“. http://bit.ly/O2zaV4 Das Buch ist in der Kritik auf wenig positive Resonanz gestossen. Meine Lektüre liegt schon einige Zeit zurück. Werde es nochmals in die Hand nehmen und berichten, falls sich darin fruchtbare Gedanken finden. Spontan kann ich mich an keine erinnern.

In seiner integrativen Kraft nicht zu unterschätzen ist ein gemeinsames Rechtswesen bzw. Rechtsverständnis, wie es Jürgen Habermas propagiert http://bit.ly/OQt4Wm Vgl. dazu: http://bit.ly/QWxpJh & http://bit.ly/OKNsGm & http://bit.ly/Thob9K. Demgegenüber räumt sein ehemaliger Assistent Oskar Negt einer gemeinsamen Bildungs-und Arbeitsmarktpolitik höhere Priorität ein. http://bit.ly/OSEgjI Eher polemisch argumentiert Hans-Magnus Enzensberger in seiner Streitschrift „Sanftes Monster Brüssel. Oder die Entmündigung Europas“. Mag die Diagnose der genannten Autoren auch treffend sein, zur Lösung der Probleme tragen ihre Gedanken nur bedingt bei. Da war nach meinem Eindruck Servan-Schreiber schon weiter.

„Never Mind the Markets“ widmet sich in seinem aktuellen Beitrag der Frage, warum Europa so zersplittert ist, China dagegen nicht. http://bit.ly/OfZMxE 
Die Geschichte Chinas verlief, anders als im Westen häufig angenommen, keineswegs gradlinig auf die Bildung eines gemeinsamen Staates hinaus. Detaillierter setzte sich vor einigen Jahren Peter Dittmar mit dem Thema auseinander http://bit.ly/TQLF2R Nach dieser Lesart wurde das chinesische Großreich erst 1949 unter Mao nach Jahrhunderten der Zersplitterung wieder errichtet. Ob das nun so vorbildlich ist …

Weitaus Interessanter wäre m.E. der Vergleich mit dem Römischen Reich. Dort ließe sich einiges über die Bedeutung von Kommunikations-Infrastrukturen lernen, ohne die das Römische Reich nicht diese Expansion und Dauer erreicht hätte.

Wirtschafts- , Industrie und Bildungspolitik sind m.E. die einzigen Felder, die für einen weiteren Zusammenschluss der Staaten auf europäischer Ebene sprechen. Ob die Idee, Europa in 75 oder mehr Regionen aufzuteilen, dafür geeignet ist, darf zumindest bezweifelt werden. Einfacher wird es dadurch nicht.

Kommunikationstechnologien

Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler, durch sein Postulat „Structure follows strategy“ berühmt geworden, hat die Bedeutung moderner Kommunikationstechnologien für die Bildung und den Erhalt eines gemeinsamen Staates in seinem Buch „A Nations Transformed by Informaton – How Information has shaped the United States from Colonial Times to the Present“ hervorgehoben.

Die Zielsetzung seines Buches beschreibt er im Vorwort u.a. so:

.. Americans have been preparing for the Information Age for more than 300 years. It did not start with the introduction of the World Wide Web in the early 1990s. The purpose of this book is to demonstrate this fact, pointing out how North Americans embraced information as critical building block of their social, economic, and political world, and invested in the development and massive deployment of the infrastructures and technologies that made it possible for all the „hype“ about Information Age that we read today.

Ähnliche Gedanken wie Chandler entwickelte einige Jahrzehnte zuvor der sein Landsmann und Soziologe Charles Horton Cooley in seiner Theorie des Transportwesens. Hans-Joachim Schubert fasst das in die Worte:

Für die Konstitution stabiler Handlungsbereiche ist die Erfindung und Veränderung der Transport- und Kommunikationswege von besonderer Bedeutung. Wenn Handlungsbereiche wie Ökonomie und Politik nicht als evolutionär differenzierte Systeme gelten, sondern Ergebnis von Aushandlungsprozessen sind, dann spielen natürlich die Formen und Wege der Aushandlung, also Verkehr und Kommunikation, eine herausragende Rolle für deren Institutionalisierung“. (in: Demokratische Identität.

Eine Staatengemeinschaft ohne freien Informationsfluss und eine einheitliche Kommunikationsinfrastruktur mit entsprechen Standards ist demnach zum Scheitern verurteilt.

Währungspolitik

Die Währungspolitik ist ein Sonderfall. Was, wenn jede Region ihre eigene Währung hat? Wie bekommt man das unter einem Hut. Vollgeld? … Zurück zum EWS?

Gemeinsame Geschichte

Nach all dem stellt sich die Frage: Wie weit müssen wir in die Geschichte zurückgehen, um einen gemeinsamen Ursprung zu finden, der es ermöglicht, ein gemeinsames Haus darauf zu errichten oder wenigstens Anleitungen dafür zu gewinnen?

Der Mediävist Henryk Samsonowicz legt diesen Zeitpunkt/Zeitraum in das 10. Jahrhundert. http://bit.ly/T9UU2p

Tocqueville´s ernüchterndes Fazit

Aber wenn wir „nur“ 160 Jahre zurückgehen und uns an Alexis de Tocqueville halten, sollte uns klar werden, vor welchen Herausforderungen wir noch immer stehen:

Man muss aufpassen, wenn man sagt, ein Staat könne nicht handeln, weil er nicht zentralisiert sei; fast immer meint man, ohne es zu wissen, die Zentralisierung der Regierung. Man erwähnt, Deutschland habe seine Kräfte nie zu voller Wirkung gebracht. Einverstanden. Aber weshalb? Weil die Kraft der Nation nie zentralisiert wurde; weil der Staat niemals seine allgemeinen Gesetze zum Gehorsam bringen konnte; weil die getrennten Teile dieser großen Gesamtheit immer das Recht oder die Möglichkeit hatten, den Trägern der gemeinsamen Oberhoheit ihre Mithilfe zu versagen, selbst in Dingen, die alle Bürger angingen; mit anderen Worten, weil es dort keine zentrale Regierung gab. Die gleiche Bemerkung gilt für das Mittelalter: alles Elend der Feudalherrschaft rührt daher, dass nicht bloß die Macht der Verwaltung, sondern die des Regierens in unzähligen Händen lag und auf tausenderlei Arten zersplittert war; das Fehlen jeglicher Zentralregierung hinderte damals die Nationen Europas, irgendein Ziel zu verfolgen. (in: Über die Demokratie in Amerika)

An exakt dieser Stelle stehen wir wie es scheint noch heute. Ausweg Eurotopia oder doch eher Sackgasse ?

Mehr Fragen als Antworten …

P.S.
Da ich mich in den Bereichen Militärstrategie und Außenpolitik zu wenig auskenne, enthalte ich mich einer Einschätzung.

Das Buch von Heineken kenne ich nur in groben Zügen. Selber habe ich es nicht gelesen. Vgl. dazu auch: http://bit.ly/NBeofa

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Xing veröffentlicht.

Wirtschaftswurm September 6, 2012 um 17:57

@FS
„Das löst sich da durch Abwanderung.“ – Richtig. In den USA interessiert es auch kein Schwein, wenn in Norddakota niemand mehr wohnt. Wie steht es aber um die vielbeschworene kulturelle Vielfalt in Europa, wenn aus Griechenland und Portugal unbewohnte Nationalparks, Verzeihung Europaparks, gemacht werden?

Mehr zum Thema: http://www.wirtschaftswurm.net/2012/eurotopia/

Detlef Guertler September 6, 2012 um 20:37

Aus Portugal oder Andalusien sind über viele Jahrzehnte Menschen abgewandert, weil es vor Ort keine berufliche Perspektive für sie gab. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Bewegungsrichtung erstmals umgedreht. Es ist kein Drama, sondern eher eine Rückkehr zum Normalzustand, wenn diese Regionen wieder Abwanderungsgebiete werden. Lissabon und Malaga, Algarve und Kreta werden schon nicht untergehen.
Auch in Vorpommern gibt es Kreise, in denen es sowohl zu DDR-Zeiten als auch danach Jahr für Jahr einen negativen Wanderungssaldo gab. Und wohl auch weiter geben wird. So what?

Detlef Guertler September 5, 2012 um 08:23

Ich gehe, angeregt durch Ulrike Guérot http://bit.ly/nLtsIc, den Weg eher andersherum als Keuper. Nicht: Braucht ein föderales Europa eine gemeinsame Währung? Sondern: Wie muss ein Europa aussehen, das eine dauerhaft funktionierende gemeinsame Währung hat?
Das geht
1. nicht ohne eine gemeinsame Haftung für Schulden, in welcher Form und wann auch immer sie eingeführt wird.
2. nicht ohne eine mit weitaus größeren Befugnissen als bisher versehene Legislative: Wer gemeinsam für die Schulden haftet, muss gemeinsam über die Ausgaben entscheiden. (Man nennt das derzeit gemeinhin Fiskalunion)
3. nicht ohne eine mit weitaus größeren Befugnissen als bisher versehene Exekutive: Gemeinsame Ausgaben-Entscheidungen bedeuten u.a. auch gemeinsame außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen, also Krieg und Frieden. „Oder sollen wir“, fragte Guérot vor einem Jahr, „Frankeich nächstes Jahr als Defizitsünder vorführen, weil es monatelang viele Millionen Euro für den Einsatz in Libyen ausgegeben hat?“
Letzteres nennt man derzeit gemeinhin Politische Union. Und sieht gemeinhin keinen Weg, wie es dazu kommen kann: Diejenigen Staaten, die zu borniert sind, um sich in relativ kleinen Fragen wie Inflationsrate oder Arbeitsrecht anzunähern oder gar zu einigen, sollen, um ihre gemeinsame Währung zu retten, in derart gravierendem Ausmaß Kompetenzen an eine europäische Zentralregierung abgeben?
Woraus schließlich folgt:
4. Eine starke europäische Zentrale (die Voraussetzung ist für eine dauerhafte gemeinsame Währung) verträgt sich nicht mit dem Nationalstaats-Konzept der letzten zwei Jahrhunderte. Weshalb
5. Der Begriff der Vereinigten Staaten von Europa nicht richtig ist: Wenn sich da etwas vereinigt, werden es keine Staaten sein.
An dieser Stelle kommt dann das Heineken-Konzept ins Spiel: eine große Zahl ähnlich großer und in sich relativ homogener Regionen, die sich recht ordentlich selbst regieren können, aber für einige Politikbereiche (Außen-, Sicherheits-, Industriepolitik) ihre Souveränität an die Zentrale einer „Europäischen Republik“ abgeben (auch dieser Begriff ist von Guérot entlehnt).
In der Konsequenz heißt das also: Wer letzteres nicht will, sollte ersteres, also die gemeinsame europäische Währung, auch nicht wollen. Fiele die wieder weg, ergäbe sich logischerweise ein völlig anderer Entwicklungspfad (der allerdings wesentlich weniger stringent wäre und in viele verschiedene Richtungen führen kann).
Um also einen Lieblingssatz von Angela Merkel hier logisch zu ergänzen:
Fällt der Euro, so fällt auch Europa.
Aber fällt der Euro nicht, so fällt Deutschland. (Und Frankreich und Italien und Spanien etc.)

Wirtschaftsphilosoph September 5, 2012 um 14:41

Herr Keuper stellt die richtige Frage, in Ihren Worten: „Braucht ein föderales Europa eine gemeinsame Währung?“ Die Antwort ist einfach: Nein, ganz im Gegenteil, der Euro schadet Europa massiv und jeder gute Europäer sollte dagegen sein.

Ihre Umkehrung der Frage ist hingegen absurd: „Wie muss ein Europa aussehen, das eine dauerhaft funktionierende gemeinsame Währung hat?“ Sie vertauschen hier Mittel und Zweck. Eine Analogie mag das veranschaulichen: Das ist so, als wenn Sie zuerst einen Ehering mit Gravur kaufen und dann eine Frau mit zur Gravur passendem Namen und auch noch der richtigen Fingergröße suchen.

Sie mögen Deutschland oder auch Nationalstaaten allgemein hassen und abschaffen wollen. Aber das nur wegen einer nicht funktionierenden Währung zu fordern, ist keine saubere Argumentation.

„Fällt der Euro, so fällt auch Europa.“ Auch das ist nicht richtig. Es ergibt sich ohne Euro nicht „ein völlig anderer Entwicklungspfad“, sondern die Rückkehr zum ursprünglichen Entwicklungspfads eines „Europas der Vaterländer“, nicht ahistorischer oder zumindest historisch überholter Regionen.

Detlef Guertler September 5, 2012 um 15:56

@Wirtschaftsphilosoph:
Da wir nicht mehr im Jahr 1992 sind, in dem man ebenso locker wie theoretisch über das Für und Wider einer gemeinsamen Währung streiten konnte, und da alle derzeit maßgeblichen Akteure sagen, dass es zur real existierenden gemeinsamen Währung keine Alternative gibt, ist es eben NICHT absurd, die Frage zu stellen, wie ein Europa aussehen muss, in dem eine solche Währung funktionieren kann – es ist sogar geradezu NOTWENDIG.
Meine Schlussfolgerung, über die man ja gerne diskutieren kann, ist dass ein solches Europa ziemlich zwangsläufig ein Europa ohne Nationalstaaten sein wird. Begeistert oder nicht, Hass oder nicht spielt da keine Rolle, es geht um ebenso schlichte wie logische Konsequenzen.
Den Satz “Fällt der Euro, so fällt auch Europa” habe ich jahrelang heftig bestritten und bekämpft. In den vergangenen zwei Jahren allerdings haben Merkel u.a. sich, uns und den Kontinent so tief in die Sackgasse hineingetrieben, dass der Satz so langsam doch richtig werden dürfte.
Disclaimer: Ich hasse weder Deutschland noch andere Staaten. Ich hasse Dummheit.

RalfKeuper September 5, 2012 um 18:32

Auch ich tue mich schwer mit dem Slogan „Fällt der Euro, fällt Europa“. Das klingt doch sehr nach Tina = There is no alternative. Die arme Währung, die solche Erwartungen erfüllen muss! Anscheinend ist die Währung aber aktuell der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich die Staatschefs und auch die „Öffentlichkeit“, wenn auch nur der Not gehorchend, überhaupt noch verständigen können. Der Euro wurde m.E. von Anfang an mit Ansprüchen und Hoffnungen überfrachtet, die er nicht erfüllen kann – und auch nicht muss. Es muss bzw. müsste mehr geben, was eine Staatengemeinschaft zusammenhält – vielleicht keine Vision, wohl aber eine Idee, oder auch mehrere tragfähige Ideen. Neben Ideen fehlt es auch an Personen, die diese verkörpern könnten. Nach Adenauer – de Gaulle, Schmidt – d´Estaing und Kohl – Mitterrand ist keine neues Tandem auf der Bildfläche erschienen. Eher widmet sich jeder auf seine Weise und mit unterschiedlichem Erfolg der Verbesserung der eigenen „Wettbewerbsfähigkeit“. Durchwurschteln und operative Hektik sind angesagt. Auch ein neuer Jean Monnet http://bit.ly/On1q0w ist nicht in Sicht. Ebensowenig ein neuer Robert Schumann http://bit.ly/jgt9a0. Heineken hat es wenigstens versucht. Aber auch von den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten und Instituten kommt erstaunlich wenig. Dabei müsste das doch geradezu eine Flut von Veröffentlichungen und Diskussionen auslösen. Stattdessen sind es rüstige Rentner kurz vor und jenseits der 80, die uns mit ihren Statements beglücken. Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln beispielsweise müsste hier nach meinem Eindruck eine weitaus aktivere Rolle übernehmen. Dafür sind sie da. Aber auch Gewerkschaften, Unternehmerverbände, Sozialverbände, Kirchen etc. sind hier gefordert. Wie hieß es doch noch im Manifest der CDU von 1976: „Europa ist ein Kontinent größter Vielfalt, aber auch tragfähiger Gemeinsamkeiten.“ Mehr dazu in dem lesenswerten Beitrag von Thomas Schmid in der „Welt“ von heute: http://bit.ly/Qm8v42

Passend dazu dradio Kulur vom 10.09.2012: Europa ist längst nicht am Ende.
Die europäische Idee beruht auch auf Kultur und Wissenschaft http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1860455/?utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter

FS September 5, 2012 um 08:00

Also bzgl. Plumpes drei Kriterien: Der Pro-Kopf-GDP-Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland ist geringer als der Unterschied zwischen einigen amerikanischen Bundesstaaten (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_sovereign_states_in_Europe_by_GDP_(nominal)_per_capita, http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_U.S._states_by_GDP).

Plumpes dritter Punkt ist ziemlich endogen und banal, und es gibt auch in den Vereinigten Staaten Bundesstaaten mit länger anhaltenden Wirtschaftsproblemen. Das löst sich da durch Abwanderung.

Das Zitat von Malik ist vollkommener Quatsch, da fragt man sich, wo der gute Mann Systemtheorie gelernt hat. Wenn man mit Luhmann davon ausgeht, dass alle Systeme Komplexität reduzieren sollen, dann kann ein System ein anderes überhaupt erst reduziert darstellen. Wenn es dieses andere dann auch noch steuern soll, ist die aller Erfahrung nach beste Strategie, besonders einfache und flexible Steuerungsstrategien zu wählen, damit die Gesamtkomplexität nicht erhöht wird und das gesteuerte System immer noch einen Beitrag zur Komplexitätsreduktion leisten kann.

RalfKeuper September 6, 2012 um 18:54

Anhaltende Wirtschaftsprobleme lassen sich in den USA eher durch Abwanderung bewältigen als in Europa. Die Mobilität und die Bereitschaft, die Zelte abzubrechen ist dort ungleich höher als bei uns, sie gehören zur Kultur. Außerdem müssen sie dazu keine Sprachgrenzen überschreiten und die Kultur ist fast identisch. Da sind wir in Europa sesshafter. Betriebswirtschaftlich formuliert: Unsere „Sunk Costs“ sind zu hoch.

Zur Frage, inwieweit die USA als Vorbild für ein Vereinigten Staaten von Europa taugen, hat sich Jenny vor einigen Tagen geäußert:
http://jennyger.blog.de/2012/09/03/um-die-krise-zu-loesen-bieten-uns-politiker-nur-eine-14663050/

Malik orientiert sich in dem Zitat an der Kybernetik von Stafford Beer. Diese zählt für Luhmann, so weit ich weiss, zur alten Schule.
In „Organisation und Entscheidung“ steht: Die operative Unerreichbarkeit der Umwelt (oder anders: die Grenze des Systems) ist selbst Voraussetzung für induziertes Wachstum, für Steigerung von Komplexität. Komplexitätszunahmen scheinen sich mithin unter zwei Voraussetzungen nahezu zwangsläufig zu ergeben, nämlich wenn die Gesellschaft Kommunikation ermöglicht und in die Kommunikation Systemgrenzen einbaut, so dass alles, was auf der Außenseite der Grenze passiert, auf der anderen Seite als Anlass für Wachstum interpretiert werden kann.“

Daran schließt sich für mich die Frage an, wo wir die Systemgrenzen in einem geeinten Europa ziehen sollen – entlang alter bzw. noch bestehender Staatsgebiete/Nationen, Sprachen, Ethnische Zugehörigkeit, Kultur etc. Je nachdem, wie wir uns entscheiden und wieviele Grenzen wir ziehen, steigt oder fällt vielleicht auch die Komplexität mit entsprechenden Auswirkungen auf die Steuerung. Eine Regierung, Schaltzentrale müsste sich dem anpassen. Denn, wie es einige Zeilen weiter bei Luhmann heisst: „Die Reduktion von Komplexität führt, wenn sie die Form von Systemgrenzen mit Insulierung eines operativen Bereichs einnimmt, zum Aufbau von Komplexität in diesem Bereich.“
Wieviel Hierarchie und wieviel Selbststeuerung und Autonomie brauchen wir in einem vereinten Europa, wo ist die Balance?

Martin Burch Oktober 2, 2012 um 23:43

@RalfKeuper: Auf Basis von „Sunk cost“ sollte man nie eine betriebswirtschaftliche Entscheidung begründen, die darf man getrost vergessen (deshalb auch der Name).

Und nein sooo homogen war und ist die USA gar nicht wie hier beschrieben. Nicht mal die Sprache (in Kürze reden mehr Amerikaner Spanisch als Englisch und genügend viele Leute verstehen kein Englisch)! Man kann da gerne auch die Schweiz heranziehen, ich für meine Teil rede kein Italienisch, Französisch oder Rätoromanisch und die GDP Unterschiede zwischen Zürich und Tessin / Jura werden sicherlich auch genügend gross sein, dass Tessin und Jura eigentlich aus der Frankenzone müsste 😉

Guenni7 September 5, 2012 um 07:17

Ein ganzer Berg an Zitaten, und fast alle sind m.M. nach richtig. Ich glaube Europa befindet sich an einem Scheideweg. Entweder man baut ein föderales Europa (gerne so wie Heineken es beschrieben hat), oder man geht zurück in die Nationalstaatlichkeit wie zu Zeiten der EWG (könnte ich auch mit leben).

Diese „halbe Sache“, die wir im Moment haben erzeugt doch nur Unsicherheiten sowohl in der Aussenpolitik, als auch bei der Währungspolitik.

Leider haben unsere und auch die Politiker der anderen Länder da aber keine Vsision, wie es in Zukunft aussehen soll. Alle lavieren irgendwie um den Status Quo aber keiner will eine Richtung vorgeben.

Dabei wären beide Optionen – ein föderales Europa oder auch ein Europa der Nationalstaaten ohne Beamtenkropf in Brüssel – wesentlich besser für alle.

Mfg
Guenni

RalfKeuper Oktober 12, 2012 um 06:55

@Martin Burch. Stimmt. Die USA sind nicht so homogen, wie ich es beschrieben habe. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die USA homogener sind als Europa, wobei man jetzt lange diskutieren könnte, was unter homogen zu verstehen ist. Ist aber subjektiv.

Die Schweiz ist ohnehin ein Sonderfall 😉

Never Mind the Markets vergleicht heute (12.10.2012) die Europäische Währungsunion mit dem Zentralbankensystem der USA und kommt zu einem recht ernüchternden Fazit: http://bit.ly/OsrRVR

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