Dokumentation aus dem BIZ-Jahresbericht: Schattenbankensystem

by Gastbeitrag on 4. Oktober 2012

Ich habe diesen Text erst kürzlich im Jahresbericht 2012 der Bank of International Settlements (BIS) entdeckt und halte ihn für so spannend, dass ich ihn hier in einem Eintrag dokumentieren möchte:

Dieser Kasten gibt einen knappen Überblick über Schattenbanken und ihre Tätigkeit; im Zentrum  
stehen dabei deren zunehmende Bedeutung in der Finanzintermediation und entsprechende
Regulierungsinitiativen. Es gibt zwar unterschiedliche Definitionen, doch im Allgemeinen werden mit „Schattenbankgeschäften“  Finanzgeschäfte bezeichnet, die von  Nichtbankfinanzinstituten ausgeführt werden, die mit Fremdkapitalhebeln arbeiten und/oder Fristen- und Liquiditätstransformation betreiben. In der Tat arbeiten Schattenbanken und traditionelle Banken nebeneinander, wenn auch in unterschiedlichen  Regulierungsrahmen. Schattenbanken existieren, weil historische und institutionelle Faktoren sowie rasante Finanzinnovation und Spezialisierung es attraktiver gemacht haben, bestimmte Finanzgeschäfte außerhalb traditioneller Bankenstrukturen auszuführen. Unter normalen Umständen stärkt das Schattenbankensystem die Widerstandskraft des Finanzsystems insgesamt, indem es spezielle Finanzprodukte anbietet sowie eine Palette von Möglichkeiten zur Steuerung von Kredit-, Liquiditäts- und Laufzeitrisiken verfügbar macht. Doch das Schattenbankensystem schafft auch Risiken, die ohne regulatorische Vorkehrungen die Finanzstabilität gefährden können.

Schattenbankgeschäfte können Finanzzyklen verstärken, da sie tendenziell in Boomphasen wachsen und im darauffolgenden Einbruch schrumpfen. Das war so in der weltweiten Finanzkrise wie auch schon in den 1990er Jahren in den Krisen in Schweden und Japan. Zurzeit nährt das Schattenbankensystem in China Meldungen zufolge den dortigen Kredit- und Vermögenspreisboom. In einer Boomphase erleichtert das Schattenbankensystem eine Aufstockung der Fremdfinanzierung sowie eine Ausweitung von Liquiditäts- und Fristeninkongruenzen; damit trägt es zur Entstehung von Schwachstellen bei. Eine wesentliche
Rolle spielt dabei, dass die Risiken der Nichtbankfinanzintermediation oft nicht auf dem Radar der Aufsichtsinstanzen erscheinen. Außerdem liegen sie außerhalb der Reichweite staatlicher Instrumente wie Einlagensicherung, Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen sowie der Bereitstellung von Zentralbankmitteln. Diese Risiken können eine Gefahr für das traditionelle Bankensystem darstellen. Dieses bietet den Schattenbanken nämlich eine Reihe von Dienstleistungen an, u.a. Garantien, Kreditlinien oder die Verwahrung von Aktiva für Verbriefungen. Anlass zur Sorge gaben in den letzten Jahren vor allem die Verbriefungskette, die Repo-Märkte und die Tätigkeit von Geldmarktfonds.

Wenn das Schattenbankensystem wächst, wächst auch der Teil der Finanzintermediation, der für die öffentlichen Entscheidungsträger nur schwer einzuschätzen und zu kontrollieren ist. Wegen mangelnder Daten und uneinheitlicher statistischer Definitionen ist es schwierig, Ausmaß und Zusammensetzung des Schattenbankensystems abzuschätzen. Grobe aggregierte Messgrößen lassen allerdings darauf schließen, dass sich diese Geschäfte in den Jahren vor der globalen Finanzkrise ausweiteten (Grafik VI.A links). Daten des Financial Stability Board (FSB) für eine Stichprobe fortgeschrittener Volkswirtschaften zeigen: Von 2002 bis Ende 2007 stiegen die von „sonstigen Finanzintermediären“ gehaltenen finanziellen

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Vermögenswerte von schätzungsweise $ 23 Bio. – oder rund 23% der Gesamtaktiva des Finanz  –
systems – auf über $ 50 Bio. (oder 27%)*. Das Wachstum der von sonstigen Finanzintermediären gehaltenen Aktiva verlangsamte sich zwar während der weltweiten Krise, weil die Verbriefungs- und Repo-Märkte einbrachen. Der Bestand dieser Aktiva ist jedoch immer noch beträchtlich. Ende 2010 entfiel rund ein Drittel dieser Bestände auf strukturierte Anlagevehikel, Finanzgesellschaften, Wertpapierhändler und -broker sowie Geldmarktfonds, ein weiteres Drittel entfiel auf sonstige Investmentfonds (Grafik VI.A rechts).

Angesichts der Größe des Schattenbankensystems und des rasanten Tempos der Finanzinnovation konzentrierten sich jüngste Regulierungsinitiativen darauf, basierend auf breit gefassten Grundsätzen eine regelmäßige Überwachung zu gewährleisten und gezielte Interventionen vorzunehmen. Hinter diesen Initiativen steht die Notwendigkeit, den Aufbau von Verschuldung sowie von Fristen- und Liquiditätsinkongruenzen zu verhindern, die die Finanzstabilität untergraben könnten. Das FSB arbeitet derzeit daran, die Überwachung des Schattenbankensystems zu verbessern. Außerdem prüft es die Regulierung der Verbriefungs- und Wertpapierleihegeschäfte traditioneller Banken sowie deren Interaktion mit den Repo-Märkten, mit Geldmarktfonds und mit anderen Akteuren des Schattenbankensystems. Andere  Initiativen versuchen, die Offenlegungsstandards zu verbessern und mehr Informationen über Finanzintermediation durch Nichtbanken verfügbar zu machen.

Der Run auf die Geldmarktfonds während der Krise und die gezielten Reaktionen der Behörden 
zeigen, wie allgemeine Grundsätze auf besondere institutionelle Strukturen angewendet werden können. Obwohl es in vielen Ländern Geldmarktfonds gibt, spielen sie in den USA eine besonders wichtige Rolle: Unternehmen und Privatanleger nutzen sie als Vehikel für kurzfristige Finanzierungen, Cash-Management oder Finanzanlagen. Mitte 2011 beliefen sich die von Geldmarktfonds verwalteten Mittel in den USA auf $ 2,7 Bio., in Europa auf $ 1,5 Bio. und in der übrigen Welt auf rund $ 400 Mrd. Wegen ihrer Struktur müssen die meisten US-Geldmarktfonds und viele europäische Geldmarktfonds einen stabilen Nettoinventarwert halten. Dieser wird definiert als das Verhältnis zwischen dem Wert des Gesamtvermögens, bereinigt um jegliche Verbindlichkeiten, und der Anzahl umlaufender Anteile. Eine solche Struktur erleichtert zwar die Liquiditätssteuerung, sie erhöht aber auch das Risiko eines Runs von nicht versicherten Anlegern, wenn infolge fallender Preise für Vermögenswerte die Gefahr droht, dass der Nettoinventarwert des Fonds unter pari sinkt. Die Aussicht auf einen Run veranlasste mehrere Fondsbetreuer, ihren Fonds sowohl vor als auch nach dem Kollaps von Lehman Brothers Nothilfe bereitzustellen**.
Die US-Behörden hielten es für notwendig, nach dem Lehman-Kollaps eine Reihe von Notfazilitäten bereitzustellen, um zu verhindern, dass die Probleme der Geldmarktfonds zu weiteren Verwerfungen im Finanzsystem führten.

Die Gefahr von Runs nicht versicherter Anleger auf Geldmarktfonds spiegelt eine zugrundeliegende Inkongruenz wider: Die Aktiva der Fonds sind im Allgemeinen kurzfristig, aber in unterschiedlichem 
Grad liquide, während ihre Passiva hochliquide sind, da die meisten Fonds versprechen, Anteile auf
Verlangen zurückzunehmen. Die Securities and Exchange Commission der USA versuchte, das Risiko dieser Inkongruenz anzugehen, und erließ 2010 Vorschriften, mit denen die Liquiditäts- und Kreditrisikostandards für Geldmarktfonds verschärft wurden. Darüber hinaus veröffentlichten europäische Wertpapierregulierer harmonisierte Standards für europäische Fonds, die als Geldmarktfonds eingestuft werden.

In jüngerer Zeit hat eine Arbeitsgruppe des FSB, geleitet von der International Organization of 
Securities Commissions (IOSCO), weitere Optionen für eine verstärkte Regulierung der Geldmarktfonds geprüft. Vorgeschlagen wird u.a., einen variablen Nettoinventarwert vorzuschreiben und Eigenkapitalanforderungen für solche Fonds einzuführen, die einen konstanten Nettoinventarwert gewährleisten müssen. Gleichzeitig sollen „Rückhaltemechanismen“ eingeführt werden, die im Falle einer großen Anzahl gleichzeitiger Rücknahmebegehren die Rücknahme von Anteilen einschränken. Falls derartige Vorschläge umgesetzt würden, würde sich die Regulierung von Geldmarktfonds derjenigen herkömmlicher Banken angleichen.


* „Sonstige Finanzintermediäre“ sind solche, die in den Statistiken zur gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung nicht als Banken, Versicherungen, Pensionsfonds oder öffentliche Finanzinstitute klassifiziert werden.
** Siehe N. Baba, R. McCauley und S. Ramaswamy, „US dollar money market funds and non-US banks“ (nur in Englisch verfügbar), BIZ‑Quartalsbericht, März 2009, S. 65–81.

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