Aufbruch der Sparkassen in das Web 2.0

by Dirk Elsner on 4. Februar 2013

Ende vorvergangener Woche blickte ich in der Wartelounge eines Bahnhofs erstaunt und erfreut auf die Überschrift in der Börsen-Zeitung: “Zäsur im Sparkassenlager Fahrenschon läutet Web-2.0-Ära ein”, war auf der Titelseite zu lesen.  Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, hat auf dem 10. Internationalen Retail-Bankentag den „größten kulturellen, technologischen und organisatorischen Wandel“ in der Geschichte der Sparkasse angekündigt. “Die Weiterentwicklung der Sparkasse zur „Sparkasse 2.0“ werde den Sektor jahrelang beschäftigen,” war dort zu lesen.

Diese Ansprache erfolgte übrigens am gleichen Tag wie die Ankündigung der Allianz, ihre Bank 1.0-Tochter schließen zu wollen, nachdem man etwa 400 Millionen Euro vergeblich in das Banking der alten Schule investiert hatte.

Zwar ist der Web 2.0-Begriff mittlerweile ein wenig ausgefranst und bewegt sich bereits in Richtung 3.0, dennoch wissen regelmäßiger Leser dieses Blogs, dass Banken bisher nicht gerade zu der Innovationsavantgarde im Web gehören. Die Finanzbranche nähert sich sehr zögerlich den neuen Anforderungen der digitalen Gesellschaft. Erfreulich kann man also festhalten, dass die Sparkassen nun Gas geben wollen. Inhaltlich blieb Fahrenschon leider sehr unkonkret. Die Beratung solle deutlich technikbasierter erfolgen. Die technische Infrastruktur des Web 2.0 solle dazu dienen, die Kommunikation zwischen den Menschen zu ermöglichen. Was das konkret bedeutet und wie man das umsetzen will, blieb offen. Auf dem Sparkassentag im April in Dresden soll man mehr dazu erfahren.

Auch der Vorstandschef der Sparkasse  Nassau, Stephan Ziegler, sieht dringenden Handlungsbedarf. In der Printausgabe zitiert die Börsen-Zeitung seinen Appell an die Kollegen: “Machen Sie die Digitalstrategie in Ihren Häusern zur Chefsache, wir brauche hier dringend mehr Tempo, mehr Taten, mehr Tun.” Die Digitalisierung sei der Treibstoff der Zukunft für die Finanzbranche, “und wir haben bislang dafür keine Tanks gebaut.” Diese erinnerte mich an einen Auftritt des Vorstands der Sparkasse Hannover, Axel Dankert, auf der CeBIT 2010. Er sagte vor Vertretern der Sparkassen: “Gehen Sie hier einmal durch die Hallen der CeBIT und lassen sich ein wenig treiben. Bleiben Sie dann dort stehen, wo es voll ist und sich viele junge Leute aufhalten. Schauen Sie, wofür die sich interessieren und überlegen dann, was das für Ihr Geschäft bedeutet.”

Das sind jedenfalls deutlich Worte, die Aufbruch vermitteln. Ich bin gespannt, wie das Projekt angegangen wird. Ideen für Weiterentwicklungen gibt es ja jede Menge, wie man etwa beim Surfen durch die Mindmap des Next Generation Finance feststellen oder im gerade erschienen Buch “Finanzdienstleister der nächsten Generation”, zu dem ich einen Beitrag über das Crowdfunding beigesteuert habe, nachlesen kann. 

Als Kind des Sparkassensektor weiß ich, dass es mehr gute Ideen und kreative Leute gibt, als manch einer glaubt. Die Herausforderung für die Sparkassenorganisation dürfte daher weniger in der Generierung der Ideen liegen, als in der Umsetzung. Das wird keine so einfache Aufgabe werden. Die meisten Sparkassen haben ihre IT-Dienstleistungen mittlerweile bei der Sparkassen Finanz Informatik zentralisiert. Die Wertpapierabwicklung vieler Institute ist darüber hinaus zur dwpbank ausgegliedert. Das hat unter Kostengesichtspunkten unbedingt Sinn gemacht. Es könnte aber auch dazu führen, dass individuelle Bedürfnisse einzelner Häuser nicht so schnell umgesetzt werden können. Und gerade beim Web 2.0 kommt es darauf an, individuell zu probieren und sogar mit den Kunden weiterzuentwickeln. Hier warten also enorme Koordinationsanstrengungen auf die Beteiligten. In einem Segment, in dem man schnell und flexibel auf die sich ständig wandelnden Bedürfnisse der Kunden reagieren sollte, wird man daher auch neue Formen der Projekt- und Zusammenarbeit entwickeln müssen. Gerade die Entwicklung vieler Web 2.0-Unternehmen zeigt, dass hier Trial and Error zur Unternehmensphilosophie gehört. Für das Banking wäre das in der Tat ein großer Kulturwandel.

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