Antworten auf Schülerfragen zur Eurokrise

by Karl-Heinz Thielmann on 26. Februar 2013

Am 20. Februar hat Dirk Elsner an dieser Stelle dazu aufgerufen, Schülerfragen zur Eurokrise zu beantworten. Im Folgenden möchte ich meine Vorschläge präsentieren. Ich hoffe, mein Beitrag hilft weiter und wird durch viele andere gute Texte ergänzt!

Liebe Schüler,

vielen Dank für Eure berechtigten Fragen. Viele Menschen haben derzeit Angst vor einem Zerfall des Euroraums und sind verunsichert, weil viele sogenannte Experten sich mit Schreckensszenarien für eine fürchterliche Zukunft überbieten. Deshalb erlaubt mir eine Vorbemerkung, bevor ich auf die Fragen antworte:

Diese Wirtschaftskrise ist nicht die erste auf der Welt und wird auch nicht die letzte sein. Eine Krise heißt immer, dass vorher etwas schief gelaufen ist. Durch eine Krise wird vieles zerstört, aber auch die Voraussetzung geschaffen, dass etwas Neues und Besseres entsteht. Deswegen: Lasst Euch von dieser Krise keine Angst machen! Auch sie geht – egal in welcher Form – irgendwann vorbei. Und wenn die Menschen aus ihren Fehlern lernen, kann sogar das Ergebnis am Ende besser sein, als wie es vorher war.

1) Wer ist schuld an der Krise?

Krisen sind immer die Konsequenz von wirtschaftlichen Fehlentwicklungen. Diese wiederum kommen daher, dass Menschen sich und ihre eigene Situation zu positiv einschätzen und sorglos Schulden anhäufen, die sie nicht mehr zurückzahlen können.

Bei den einzelnen Problem-Ländern der Eurozone sehe ich neben zu vielen Schulden darüber hinaus verschiedene spezifische Gründe:

• Portugal: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit
• Spanien: exzessive Immobilienspekulation, unfähige und korrupte Politiker
• Irland: exzessive Immobilienspekulation
• Italien: unfähige und korrupte Politiker
• Griechenland: extreme Misswirtschaft, unfähige und korrupte Politiker, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, kein funktionsfähiges Steuersystem

2) Haben wir das Schlimmste hinter uns oder steht uns das erst bevor?

2013 wird möglicherweise in Spanien und Portugal noch sehr schwierig. Für Italien und Irland sollte das Schlimmste überstanden sein, es sei denn, in Italien kommt Berlusconi wieder an die Macht. In Griechenland ist alles möglich, sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht.

Größter Risikofaktor ist, dass die Eurokrise auf Frankreich überspringt. Die Regierung Hollande hat im Wahlkampf letztes Jahr einige Versprechungen gemacht, die langfristig die Wirtschaft schwächen und die Staatsverschuldung aufblähen, wie z.B. die Absenkung des Rentenalters. Diese Politik ist kurzsichtig und offensichtlich zum Scheitern verurteilt, die Frage ist nur wann und welcher Schaden vorher angerichtet wird.

3) Sind die Schulden eigentlich rückzahlbar?

Irland, Spanien, Italien: ja. Portugal: vielleicht. Griechenland: nein.

4) Kann man den Politikern eigentlich noch trauen?

Politikern sollte man grundsätzlich nicht trauen. Allerdings muss man sagen, dass die Krise durch besonders schlechte Politik noch verstärkt wurde, sei es durch Unfähigkeit (Spanien) oder sogar durch korruptes Verhalten (Griechenland, Italien).

5) Warum bekommen die Banken Geld, die Armen aber nicht?

Die Banken bekommen Geld, weil mit ihrem Kollaps das verflochtene Wirtschaftssystem zusammenbrechen würde. Insofern sind große Banken in der Lage, quasi den Staat zu einer Rettung zu erpressen. Die Frage ist natürlich, warum die Banker, die durch ihre Spekulationen die Krise verursacht haben, hierfür nicht bestraft werden.

Die armen Leute bekommen aus folgenden Gründen kein Geld: Zum einen haben sie keine Lobby und können sich bei Sanierungsmaßnahmen deswegen schlechter gegen Kürzungen zur Wehr setzen. Im Übrigen sind durch den Wirtschaftseinbruch die Sozialsysteme in den Krisenländern überlastet: Es ist schlicht und einfach immer weniger Geld für immer mehr Hilfsbedürftige da.

6) Können Griechenland, Italien etc. eigentlich ihre Schulden abbauen?

Italien ist mit jährlich ca. 6 Mrd. € (2011) einer der größten Nettozahler in die EU, also alles andere als ein Hilfsempfänger. Vor Zinszahlungen hat der Staat sogar einen Budgetüberschuss. Der private Sektor ist kaum verschuldet, die mittelständische Industrie ist im internationalen Maßstab sehr wettbewerbsfähig. Allerdings sind Staat und private Großkonzerne relativ ineffizient und in Korruption verstrickt. Ohne Berlusconi als Ministerpräsidenten wäre Italien vielleicht gar nicht in das Fahrwasser der anderen Krisenländer geraten.

In Griechenland ist die Lage hingegen völlig desolat. Eine industrielle Infrastruktur fehlt, die Arbeitsproduktivität ist sehr viel niedriger als im übrigen Europa. Der Staat ist sehr ineffizient, für Wohlhabende ist es nach wie vor zu einfach, Steuern zu hinterziehen. Egal ob das Land den € behält oder nicht, es bleibt auf Hilfe angewiesen. An die Rückzahlung von Schulden ist nicht zu denken.

In Spanien und Irland ist die Verschuldung letztlich Resultat einer geplatzten Spekulationsblase am Immobilienmarkt. Beide Länder brauchen vor allem Zeit, um die Wirtschaft wieder in Ordnung zu bringen. In Portugal ist die Lage sehr schwierig zu beurteilen, weil einerseits das Land wirtschaftlich noch nicht den Anschluss an das übrige Europa gefunden hat, sich andererseits aber sehr viel Mühe gibt, den Rückstand aufzuholen.

7) Was würde passieren, wenn diese Länder keinerlei finanzielle Unterstützung mehr bekämen?

Italien als EU-Nettozahler würde wahrscheinlich entlastet. In Griechenland wäre ein Staatsbankrott unvermeidlich, in Portugal wahrscheinlich. In allen Ländern würde es wahrscheinlich zu einer noch ausgeprägteren Wirtschaftsschwäche kommen, da die Regierungen dann noch mehr sparen müssten. Austritte aus dem Euro mit einer folgenden Inflationswelle oder massive Lohnkürzungen wären unvermeidlich, beides hätte kurzfristig verheerende soziale Konsequenzen. Langfristig würde sich aber alles wieder einrenken, da diese Schocktherapie natürlich dabei hilft, schneller wieder an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Die Anpassungslast würden aber ganz klar die sozial Schwächeren in den Krisenländern tragen.

8) Was können WIR BÜRGER zur Verbesserung der Finanzen/Weltwirtschaft beitragen?

Zur Verbesserung der Situation in der Eurokrise kann man ganz praktisch beitragen, in dem man Produkte aus den Krisenländern kauft oder in diesen den Urlaub verbringt. Damit hilft man der dortigen Wirtschaft.

Grundsätzlich sollte man persönlich Verschuldung vermeiden und allen Politikern entgegentreten, die ihre Politik mit Schulden finanzieren wollen. Der Kern jeder Krise ist, dass Menschen oder Staaten sich verschulden, ohne über die Konsequenzen oder Risiken nachzudenken. Wenn etwas schiefgeht, ist die Krise da. Deshalb sollte man Schulden nur dann aufnehmen, wenn man sich 1) über die Rückzahlung sicher ist und 2) wenn damit Investitionen finanziert werden, man also als Ergebnis mehr Geld verdient. Verschuldung, um Konsum oder politische Prestigeprojekte zu finanzieren, ist hingegen extrem gefährlich und führt meistens in die Krise.

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