Anmerkungen zum Fall Hoeneß

by Karl-Heinz Thielmann on 2. Mai 2013

Ich gebe es zu, auch ich habe eine gewisse Schadenfreude empfunden, als herauskam, dass Uli Hoeneß als Steuerschwindler entlarvt wurde. Wer sich großsprecherisch als moralisches Vorbild für andere empfiehlt und dann seine eigenen Ansprüche nicht einmal ansatzweise erfüllen kann, der fällt tief, und das ist gut so.

Angesichts der Empörungswelle, die seit der Entlarvung des Steuersünders über dieses Land schwappt, muss man allerdings fast Mitleid mit Uli Hoeneß bekommen. Das Ausmaß an Selbstgerechtigkeit, das Kommentatoren und Kritiker in ihrem Bemühen offenbaren, sich auf seine Kosten zu profilieren, setzt in der Tat neue Maßstäbe, wie schon in diesem Blog angemerkt wurde.

Ich möchte deshalb nur einige Aspekte anmerken, die mir besonders übel aufgestoßen sind:

– Glaubt man der Berichterstattung, ist Deutschland jetzt zum einig Land der braven Steuerzahler geworden, die Steuerhinterziehung als schweres Verbrechen betrachten. Natürlich ist Steuerhinterziehung gewisserweise Diebstahl an der Allgemeinheit und damit schon eine Straftat, aber schwere Verbrechen sind für mich Dinge, die mit brutaler Gewalt zu tun haben, wie Raub, Vergewaltigung, Körperverletzung oder Mord. Zur Erinnerung: Vor einigen Jahren galt Steuerhinterziehung noch als Kavaliersdelikt. Das dies im Gegensatz zu einigen Regionen Südeuropas heute nicht mehr so ist, ist grundsätzlich richtig, weil dies auch ein Zeichen für die Reife des modernen Staatswesens ist. Allerdings macht dies die Steuerhinterziehung noch nicht zu einem ekelerregenden Schwerverbrechen.

– Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass auf einmal so viele Menschen öffentlich und in Meinungsumfragen erklären, dass sie gerne hohe Steuern zahlen. Dies erinnert doch stark an gewisse Befragungen aus sozialistischen Zeiten, in denen Werktätige begeistert von der Planübererfüllung schwärmten. Niemand zahlt gerne hohe Steuern. Vielleicht akzeptiert die Mehrheit der Deutschen hohe Steuern als Notwendigkeit, dies ist jedoch etwas anderes, als sein Geld begeistert dem Staat zu überlassen. Und ist Deutschland nicht auch das Land, in dem die Massen bislang kritiklos jede noch so schlechte Geldanlage gekauft haben, Hauptsache, sie hat das Etikett steuersparend angeheftet?

– Es mag ja sein, dass Herr Hoeneß jetzt seine Vorbildfunktion verloren hat, weil er Steuern hinterzogen hat. Was ist aber mit all den anderen Sportlern und Ex-Sportlern, die völlig legal in Deutschland keine Steuern zahlen, weil sie ihre Residenz z. B. in die Nordschweiz verlegt haben. Herr Hoeneß hat fast immer seine hohen Steuern in Deutschland entrichtet, andere von den Medien hochgejubelte Prominente fast nie.

– Wenn Steuerhinterziehung ein so schweres Verbrechen ist, was ist dann bitteschön mit Steuerverschwendung? Im Sinne einer Steuergerechtigkeit müsste konsequenterweise nicht nur der fahrlässige Umgang mit dem knappen Gut Steuergeld auf der Einnahmeseite als Straftat gewertet werden, sondern auch auf der Ausgabeseite. Denkt man so, hätte man allerdings ein Problem: Viele Politiker, die sich jetzt über Uli Hoeneß öffentlich ereifern, könnten sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Der Jade-Weser-Port, die Flughäfen Kassel-Calden und Schönefeld, die Elbphilharmonie, Stuttgart 21, der Nürburgring, usw. sind Fanale staatlicher Fehlplanung und Verschwendungssucht. Sie werden von der Presse aber nicht mehr mit Empörung, sondern – wenn überhaupt noch – nur noch mit resigniertem Zynismus kommentiert.

– Ein kritischer Punkt ist weiterhin das Heraussickern von vertraulichen Informationen über den Steuerfall Hoeneß. Ich persönlich halte grundsätzlich mehr Transparenz für hilfreich, allerdings darf diese dann nicht nur für Uli Hoeneß gelten, sondern auch für andere und insbesondere auch darüber, wie der Staat Ausgabeentscheidungen trifft. Wie man in Skandinavien sieht, erhöht Transparenz bezüglich Steuereinnahmen und –verwendung die Akzeptanz sowohl von hohen Einkommen wie auch von hohen Steuern.

– Es gibt einen Grundsatz im Faustkampf: „Wenn jemand am Boden liegt, dann soll man ihn nicht noch treten“. Der Fall Hoeneß demonstriert wieder einmal eindrücklich, dass sich dieses Prinzip in der modernen Medienwelt anscheinend umgekehrt hat: Wer oben ist, dem wird kritiklos zugejubelt, wer unten ist, der wird hemmungslos getreten. Wenn Medienvertreter sich darüber beklagen, dass sie zunehmend weniger ernst genommen werden, sollten sie vielleicht einmal darüber nachdenken, ob die Leser bzw. Zuseher das permanente Wechselbad zwischen Hofberichterstattung und Skandalisierung noch haben wollen.

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