Blick Log Retro: Raguram Rajan: Warum Politiker nicht die “richtigen” Entscheidungen treffen

by Dirk Elsner on 20. Mai 2013

Es ist weiter Ferienzeit im Blog. Zeit also, um ein wenig im Blog zu stöbern.

Manchmal sind die Gastkommentare im Handelsblatt richtig gut. Den vom vorvergangenen Donnerstag sollte man vielleicht sogar einrahmen. Der Ökonom Raguram Rajan hat sich in dem Beitrag “Hoher Preis für Halbherzigkeit” mit den halbherzigen Entscheidungen der Politik befasst. Insbesondere bezogen auf die europäische Schuldenkrise fragte er, warum es für Politiker so schwierig ist, Führerschaft zu übernehmen? Er schreibt in seinem Text über Axel Weber, der aus seiner Sicht die beste Antwort auf diese Frage gegeben habe:

“Webers Ansicht zufolge verfügen politische Entscheidungsträger einfach nicht über das Mandat, Probleme im Vorfeld anzugehen, vor allem, wenn es sich um neuartige Probleme handelt, die anfangs klein erscheinen, aber potenziell hohe Kosten verursachen, wenn sie nicht gelöst werden.

Tritt das Problem zum ersten Mal auf, ist die Öffentlichkeit von den potenziellen Kosten der Untätigkeit nicht überzeugt. Wird das Problem durch Maßnahmen abgewendet, hat die Öffentlichkeit keine Ahnung von der verhinderten Misere, und die Wähler strafen die Politiker deshalb für die unmittelbaren, durch diese Maßnahmen entstandenen Kosten ab. Selbst wenn Politiker die Katastrophe zur Gänze voraussehen könnten, die ohne Gegenmaßnahmen eintritt, haben sie wenig Möglichkeiten, ihre Wähler oder weniger einsichtsvolle Parteimitglieder von den kurzfristig zu bezahlenden Kosten zu überzeugen.”

So bleibe es dann bei Lippenbekenntnissen. In Ermangelung gegenteiliger Beweise erscheine die Erhaltung des Status quo bequem genug. Weiter schreibt Rajan:


“Die Möglichkeiten politischer Entscheidungsträger, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen, werden erst mit der Zeit größer, wenn manche Kosten der Untätigkeit spürbar werden. Die Misere kann noch immer abgewendet werden, wenn die Kosten der Untätigkeit kontinuierlich eskalieren. Die schlimmsten Probleme ergeben sich allerdings aus den „Untätigkeitskosten“, die lange Zeit unsichtbar bleiben, aber dann plötzlich und explosionsartig steigen. Zu dem Zeitpunkt, da der Politiker über das Mandat zu handeln verfügt, kann es zu spät sein. Die nicht-linearen Kosten der Untätigkeit sind auf dem Finanzsektor am deutlichsten. Gleichzeitig jedoch könnten die Probleme auf dem Finanzsektor besonders schwierig zu lösen sein: Wenn Politiker nämlich die Notwendigkeit von Maßnahmen allzu stark betonen, um ein Mandat zu bekommen, könnten sie genau den Aufruhr herbeiführen, den sie eigentlich in Grenzen halten wollten.”

Im Gegensatz zu Rajan glaube ich allerdings, dass diese Verhaltenseinschätzung nicht nur bei Politikern zu beobachten ist. Ich kenne sie jedenfalls auch von vielen Managern aus der Privatwirtschaft. Klar, dass mich das als Anhänger der Neue Institutionenökonomik nicht überrascht. Der methodologische Individualismus interpretiert Entscheidungen vom Handeln der einzelnen Personen her. Diese verfolgen eigene Interessen, um so eher, je unübersichtlicher die Informationslage ist und je weniger ihnen die negativen Konsequenzen aus heutigen Handlungen oder Unterlassungen zugerechnet werden können.

Aber ich will hier nicht vom Thema abkommen und in die Tiefen der Neuen politischen Ökonomie abgleiten. Rajan verschweigt letztlich, dass Ökonomen selbst auch nicht von dem oben beschriebenen Verhalten frei sind. Außerdem dürfte es Politikern schwer fallen, auf Ökonomen zu hören, weil ihr Werkzeug- bzw. Empfehlungsspektrum derzeit unglaublich breit ist.

Für problematisch halte ich es freilich, wenn Politiker (und Manager) nicht nur nicht die “richtigen” Entscheidungen treffen, sondern die falschen, allein um die eigene Handlungsfähigkeit zu beweisen. Ein Beispiel aus dem nicht ökonomischen Bereich ist der Ruf nach einer Regulierung bestimmter Computerspiele nach einem Amoklauf. Solche Entscheidungen suggerieren, dass es nach dem Verbot keine Amokläufe mehr gibt, was Quatsch ist. Ähnlich ist es mit der aktuellen Finanzmarktregulierung, mit der die Politik ebenfalls die Erwartung verknüpft, künftige Finanzkrisen zu vermeiden.

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