Gleichheit und Gerechtigkeit: Von Präferenzen, Theorien und Menschen

by Gastbeitrag on 27. Juni 2013

Wer denkt bei einem Symbol für Gerechtigkeit nicht an die Waage, deren Waagschalen ins Gleichgewicht gebracht werden sollen und somit für eine gerechte Abwägung der Sachlage stehen? Die Waage weist insofern Gleichheit als Element der Gerechtigkeit aus. Aber kann Gleichheit als Richtschnur für eine gerechtere Ökonomie dienen?

Gastbeitrag von Nazim Cetin*

Individuelle Präferenzen

In der modernen Ökonomie wird das Entscheidungsverhalten der Konsumenten gänzlich mit deren „Präferenzen“ beschrieben. Unter Präferenzen (präferieren: bevorzugen, vorrangig behandeln) versteht der Ökonom die Verschiedenartigkeit der „Geschmäcker“ der einzelnen Marktteilnehmer. Je nach Geschmack entscheidet sich der Konsument für dieses oder für jenes Gut. Da wir es in der modernen Warenwelt jedoch, beispielsweise bei einem Einkauf, zumeist mit mehreren Gütern zu tun haben, spricht man in der Ökonomie von Güterbündeln. Ein Güterbündel besteht aus mindestens zwei Gütern, kann aber auch, wie zum Beispiel beim sogenannten Warenkorb, etwa 700 Waren (und Dienstleistungen) umfassen.

INFOBOX Warenkorb: Aus der Fülle des Güterangebots, das heißt aus allen Waren und Dienstleistungen, die für den Konsum infrage kommen, werden einige Hundert Güter, stellvertretend für den gesamten Konsum, ausgewählt. Dieses Güterbündel wird als Warenkorb bezeichnet. Der Warenkorb dient dazu, die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die für Konsumzwecke gekauft werden, zu berechnen (Verbraucherpreisindex). Der Warenkorb in der Bundesrepublik Deutschland umfasst zurzeit etwa 700 Waren und Dienstleistungen. Steigt der Verbraucherpreisindex, spricht man von einer Inflation, sinkt er, spricht man von einer Deflation.

Was für die Güter gilt, gilt also auch für die Güterbündel: Welches für das „beste“ gehalten wird, das heißt, mit welchem der höchsten Nutzen verbunden wird, hängt von der individuellen Präferenz des Marktteilnehmers ab.

Nun ist der Nutzen eine sehr subjektive Angelegenheit. Um ihn quantifizierbar und volkswirtschaftlich berechenbar zu machen, ordnen Ökonomen jedem Güterbündel entsprechend der Präferenz des Konsumenten eine Zahl zu. Je höher der Nutzen, desto höher die Zahl. Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl zwischen zwei Güterbündeln: Das erste Bündel besteht aus Walnüssen und Haselnüssen und das zweite Bündel aus Sardellen und Kapern. Sie würden das erste Bündel dem zweiten Bündel nur dann vorziehen, wenn mit dem ersten Bündel für Sie ein höherer Nutzenwert verbunden wäre. In diesem Fall würde, entsprechend Ihrer Präferenz, dem ersten Bündel eine höhere Zahl zugewiesen als dem zweiten Bündel.

Der Zufall und die Erbse

Führt eine gleiche Verteilung aller Güter zur Gerechtigkeit?

Gehen wir zunächst einmal von dem Fall aus, dass jeder Mensch Güter nach dem Zufallsprinzip zugeteilt bekommen würde und anschließend über diese Güter frei verfügen könnte. Welche Möglichkeiten bestehen? Die zugeteilten Güter können konsumiert werden; sie können aufbewahrt werden; oder aber sie können getauscht und gehandelt werden. Bei einer zufälligen Zuteilung der Güter wird sich mit ziemlicher Sicherheit ein reger Tausch- und Handelsprozess entwickeln. Jeder möchte seinen Nutzen maximieren und wird über diesen Tausch- und Handelsprozess versuchen, das „Beste“ für sich entsprechend der individuellen Präferenz zu wählen. Es ist kaum verwunderlich, dass dieses zufällige Verteilungsprinzip manch langes Gesicht zur Folge hat. Denn wer vom Zufall nur mit einer einzelnen Erbse bedacht wurde, kann sich vielleicht noch eine Prinzessin angeln – sonst nützt ihm aber diese Erbse nicht viel.

Gleich = gerechter?

Wie sieht es nun aus, wenn alle Menschen das Gleiche erhalten, das heißt vollkommene Gleichheit in der Güterausstattung herrscht? Auch dann werden die verschiedenen Präferenzen der Marktteilnehmer zu einem Tausch- und Handelsprozess führen. Jeder wird bestrebt sein, seinen Nutzen zu maximieren und entsprechend über den Tausch- und Handelsprozess versuchen, das „Beste“ gemäß seiner individuellen Präferenz zu wählen. Was hat in diesem Fall der Tausch- und Handelsprozess zur Folge?

Lassen wir zunächst nur den Tauschhandel zu, führt das zu einem Resultat, das sich mit dem Sprichwort „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ beschreiben lässt. Warum? Bei einer gegebenen Anzahl von Gütern und einer gegebenen Anzahl von Marktteilnehmern mit unterschiedlichen Präferenzen werden die Tauschmöglichkeiten begrenzt sein. Diejenigen, die noch ihre weniger präferierten Güter gegen von ihnen bevorzugte tauschen können, stellen sich entsprechend ihren Präferenzen besser. Diejenigen, die zu spät kommen und eine Situation vorfinden, in der sie nicht mehr tauschen können, müssen jene Güter, die für sie eine geringe Präferenz haben, behalten. Obwohl der Tauschprozess in einen Zustand mündet, den Ökonomen als Pareto-effizient bezeichnen, wird der erreichte Zustand von denjenigen, die nicht tauschen konnten, als ungerecht empfunden.

Infobox Pareto-Effizienz: Ein nützliches Kriterium zum Vergleich der Ergebnisse, die aus dem Tausch- und Handelsprozess resultieren, ist das Konzept der Pareto-Effizienz, benannt nach dem italienischen Ökonomen Vilfredo Pareto (1848–1923). Ein Ergebnis wird als Pareto-effizient bezeichnet, wenn es keine Möglichkeit gibt, jemanden besser zu stellen, ohne dadurch jemand anderen zu benachteiligen.

Jene, die zu spät kamen, werden diejenigen beneiden, die tauschen konnten, weil diese durch den Tausch ein optimales Güterbündel zusammenstellen konnten. Im reinen Tauschhandel führt demnach Gleichheit in der Güterausstattung nicht zur Gerechtigkeit.

Gleich + Geld = endlich gerecht?

Inwiefern verändert sich die Situation in einem Marktgeschehen, in dem nicht nur Ware gegen Ware getauscht werden kann (Tauschhandel), sondern der Handel durch Geld bestimmt wird? Dann hat jedes Gut einen Preis, der sich durch Angebot und Nachfrage bildet (das heißt die Preise der Güter sind nicht vorgegeben). Ein solcher Konkurrenzmarkt, wie ihn die Ökonomen nennen, spiegelt unser Marktsystem wider.

Wie im obigen Modell des reinen Tauschmarktes gehen wir davon aus, dass jeder Marktteilnehmer exakt die gleichen Güter erhält. Außerdem erhält jeder Marktteilnehmer den Betrag an Geld, der dem Wert dieser Güter entspricht. Das heißt, die Marktteilnehmer sind sowohl in Bezug auf Güter wie auch auf Geld gleichgestellt.

Auch in dieser Marktsituation wird jeder Marktteilnehmer das „Beste“ entsprechend seinen Präferenzen wählen – das „Beste“, das er sich zu den Marktpreisen (in diesem Fall Gleichgewichtspreise) leisten kann.

INFOBOX: Gleichgewichtspreis: Über den Preis regulieren sich Angebot und Nachfrage. Von einem Gleichgewichtspreis spricht man dann, wenn das Angebot der Nachfrage entspricht. Angenommen, eine Wohnung soll zum Preis von 500 Euro vermietet werden. Wenn niemand bereit ist, für diesen Preis die Wohnung zu mieten, dann ist zu diesem Preis keine Nachfrage vorhanden. Der Preis muss gesenkt werden, und zwar so lange, bis sich ein Mieter findet. Bei dem Preis, zu dem die Wohnung schließlich vermietet wird, entspricht die Nachfrage dem Angebot – ein Gleichgewichtspreis liegt vor. In komplizierter Form findet dieser Prozess täglich millionenfach an der Börse statt.

Und auch in diesem Markt wird der Handelsprozess in einem Pareto-effizienten Zustand münden, weil jeder so lange kauft beziehungsweise verkauft, bis ein Zustand erreicht wird, in dem eine Besserstellung des einen ohne eine Benachteiligung eines anderen nicht mehr möglich ist.

Kann auch in diesem Markt ein Marktteilnehmer am Ende des Handelsprozesses von einem anderen Marktteilnehmer um seine Güter beneidet werden (Neid bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Neider die Güter eines anderen den eigenen Gütern vorzieht)? Wenn jeder Marktteilnehmer das Güterbündel gemäß seinen Präferenzen zusammengestellt hat, kann es zu einer solchen Situation eigentlich gar nicht kommen. Denn jeder Marktteilnehmer hat beim Handeln manche Güter mehr und andere weniger präferiert; das heißt, er hat sich die Güter, über die ein potenziell zu Beneidender verfügt, gar nicht leisten wollen. Dass er sich etwas nicht leisten konnte, was sich ein anderer geleistet hat, ist in diesem Modell nicht möglich, da alle Marktteilnehmer zu Beginn über das gleiche Vermögen verfügten. Das heißt, das hier beschriebene Modell des Konkurrenzmarktes führt zu einer Pareto-effizienten Verteilung, in der keiner einen anderen beneidet und kommt somit der Gerechtigkeitsvorstellung am nächsten. In der modernen Ökonomie nennt man dies auch eine „faire“ Verteilung.

P. S.

So weit die Theorie. Was spricht also dagegen, die Krise hinter uns zu lassen und in ein neues und gerechtes ökonomisches Zeitalter einzutreten? Nun, es dürfte in der Praxis schwierig werden, alle Menschen mit den gleichen Gütern und den gleichen monetären Mitteln auszustatten, allen den gleichen Zugang zum Markt zu ermöglichen, Monopole und Lobbygruppen zu entmachten sowie Tricks und Betrügereien auszuschließen. Doch so wie Gerechtigkeit kein Zustand ist, sondern ein Ziel, auf das hin wir uns bewegen (Paul Kirchhof), sollten solche Schwierigkeiten uns nicht davon abhalten, der – national wie global – katastrophalen Verschlechterung der Chancengleichheit entgegenzutreten und Justitia eine bessere Zukunft zu ermöglichen.


 

Sach-/Fachbuch: „Der große Entwurf“ von Stephen Hawking und Leonard Mlodinow (Rowohlt Verlag, 2010), weil ersichtlich wird, wie unbedeutend die vermeintlich bedeutungsvollen Themen sind.

Roman: Der Autor liest keine Romane.

Film: „Snatch – Schweine und Diamanten“ (2000), weil er zeigt, dass man auf der Suche nach dem Besten für sich bei Schweinen oder Diamanten landen kann – man weiß es eben nicht vorher.


* Nazim Cetin ist Consultant bei der Bertelsmann SE & Co. KGaA und Mitherausgeber des Magazins agora42. Die Wiedergabe des Beitrags erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Agora42, dem philosophischen Wirtschaftsmagazin. Der Beitrag ist in der Printausgabe 6/2012 erschienen. Sie hatte den Schwerpunkt Ökonomie und Gerechtigkeit.

Die neue Ausgabe von Agora42 erscheint morgen unter dem Titel “Wohlstand”. Darin geht es z.B. um folgende Fragen:

  • Kann Wachstum unseren Wohlstand retten?
  • Wozu reich sein?
  • Ist Wohlstand messbar?
  • Macht Wohlstand süchtig?
  • Muss James Bond erwachsen werden?

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