Leistungsgerechtigkeit, eine Farce

by Gastbeitrag on 4. Juli 2013

Wer mehr leistet, soll auch mehr verdienen – so, oder so ähnlich, scheint der gesellschaftliche Konsens hinsichtlich einer gerechten Entlohnung auszusehen. Aber wie bemisst man Leistung? Und: Hat Leistung heute überhaupt noch etwas mit Gerechtigkeit zu tun?

Gastbeitrag von Patricia Nitzsche*

Es ist wohl ein Paradox unserer Zeit, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren Zukunft völlig offen scheint, in der jeder Tag eine persönliche Veränderung bringen kann, eine Innovation die nächste jagt – und trotzdem die meisten Dinge erstaunlich gleich bleiben. So steht heute wieder ein Problem im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, welches so oder so ähnlich seit Anbeginn der Gesellschaft besteht: soziale Ungleichheit. Wer die mediale Berichterstattung verfolgt, kommt an Themen wie Umverteilung und Reichensteuer, die Ergebnisse des Armuts- und Reichtumsberichts, Altersarmut und die Abstiegsängste der Mittelschicht etc. nicht vorbei. Im Gegensatz zu vielen früheren Debatten steht jedoch nicht die Frage im Mittelpunkt, ob die weniger Begünstigten selbst an ihrer Situation schuld sind; vielmehr wird die Diskussion um die zunehmende Kluft zwischen den Einkommen und im Bereich der privaten Vermögen vor dem Hintergrund der Frage geführt, an welchem Maßstab ungleiche Verteilungen grundsätzlich festgemacht werden können. Insofern steht diese Diskussion auch stellvertretend für eine Krise des Selbstverständnisses der modernen westlichen Gesellschaft. Zwar gilt soziale Ungleichheit darin als unverzichtbarer Motor für Produktivität und Kreativität, ab einem bestimmten Niveau allerdings lässt sie sich nicht mehr mit dem allgemein verbindlichen Wertekonsens vereinbaren.

Leistung, Leistung, Leistung

Neben „(Eigen-)Verantwortung“ und „Mündigkeit“ wird in der modernen Gesellschaft wohl kaum ein anderer Begriff so hoch veranschlagt wie „Leistung“. An Leistung macht sich sowohl die individuelle Identität als auch die soziale Anerkennung fest – und im Idealfall eben auch der materielle Wohlstand. Das Leistungsprinzip ist kulturell tief verankert im Modernisierungsprozess, der die geschichtliche Entwicklung in die menschliche Hand gelegt, das heißt Fortschritt an die individuelle Bereitschaft zur Leistungserbringung gekoppelt hat. Leistung gilt fortan als Legitimation für soziale Ungleichheit und zwar sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Letzteres zeigt sich auch am bis heute unveränderten Common Sense, wonach die Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen auf anderen Kontinenten damit zu rechtfertigen sei, dass diese Länder eben (noch) nicht die „Leistung“ erbracht hätten, die Aufklärung nach europäischem Vorbild zu durchleben und effiziente staatliche und wirtschaftliche Institutionen zu etablieren. Und auch in Bezug auf die den südlichen EU-Ländern auferlegte Sparpolitik ist dieses Denkschema unverkennbar: Griechenland & Co. müssten nun die „Leistung“ des vernünftigen Haushaltens nachholen, der sie sich bisher verweigert hätten; alles andere würde dem Gerechtigkeitsmaßstab der Staaten- beziehungsweise Währungsgemeinschaft zuwiderlaufen.

Generell wird mit Leistung stets Anstrengung, Selbstüberwindung und Disziplin verbunden. Nichts ist umsonst oder „einfach so“ da, sondern muss erst erarbeitet und mit einem Tauschwert versehen werden. Diese Logik ist indes längst nicht nur auf den materiellen Bereich beschränkt. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der nahezu alle relevanten Faktoren des Lebens provisorisch geworden sind: Weder Wohlstand noch Partnerschaften, weder die eigene Identität noch die soziale Anerkennung sind auf Dauer stabil; sie müssen quasi immer wieder aufs Neue „verdient“ werden, wobei „Verdienst“ allgemein mit „Leistung“ übersetzt werden kann. Wie präsent die Vorstellung des Verdienstes tatsächlich ist, lässt sich etwa daran ablesen, dass die meisten Menschen ihren Lebensstil – gerade wenn dieser sich durch ausgiebigen Konsum und/oder wenig nachhaltiges Verhalten auszeichnet – damit rechtfertigen, hart dafür gearbeitet – es sich verdient – zu haben. Und zwar nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst.

Welche Leistung – und wozu?

Das moderne Selbstverständnis „Wer arbeitet (Leistung erbringt), soll mehr haben als der, der nicht arbeitet (keine Leistung erbringt)“ war und ist ohne Konkurrenz, wenn es darum geht, den Gerechtigkeitsmaßstab unserer Gesellschaftsordnung zu definieren.

Allerdings muss hier eine entscheidende Ergänzung vorgenommen werden: Die Gleichsetzung von Leistung mit Arbeit bezieht sich allein auf die Erwerbsarbeit, sodass viele andere Tätigkeiten vom Leistungsprinzip ausgeschlossen bleiben. So wie die Moral außerhalb gesetzlicher Regelungen kaum Bedeutung hat, ist auch die Leistung außerhalb der marktförmig organisierten Arbeit heute höchstens ein lobenswerter Zusatz, aber letztlich irrelevant. Wenn also individuelle Leistung in Form von Erwerbsarbeit gerecht entlohnt werden soll, dann kommt man um die Frage nicht herum, worin diese Leistung konkret besteht.

Darauf eine Antwort zu finden, ist gar nicht so einfach angesichts einer extrem ausdifferenzierten Arbeitswelt, in welcher der Sinn vieler Tätigkeiten oft nur erahnt werden kann. Zwei Varianten dieser Sinnproblematik seien hier genannt. Zum einen die Arbeitsteilung in der industriellen Produktion: Ein Produkt geht, anstatt von einem einzelnen Menschen gefertigt zu werden, bis zu seinem Endzustand durch viele Hände, die je einen spezifischen Arbeitsschritt ausführen. Dies hat zur Folge, dass der einzelne Arbeiter, beispielsweise ein Fließbandarbeiter in einer Keksfabrik, keinerlei Bezug mehr zum fertigen Produkt – dem eigentlichen Sinn und Zweck seiner Tätigkeit – hat. Für die Leistungsbewertung ist dies allerdings auch nicht nötig; es genügt zu überprüfen, ob er die Tätigkeit, auf die er spezialisiert ist, in der vorgegebenen Zeit ausführt oder nicht. Dieses klassische Beispiel verdeutlicht, dass es in der industriellen Produktion vor allem um quantitative Größen geht. Der Sinnverlust, auch als „Entfremdung“ bezeichnet, ist hier gewissermaßen vorprogrammiert.

Anders sieht es bei Tätigkeiten aus, deren Input (Zeitaufwand) und Output (Arbeitsergebnis) man nicht direkt quantifizieren kann, weil es sich um Dienstleistungen oder Ähnliches handelt. Auch hier spielt die Arbeitsteilung eine Rolle, dieses Mal nicht als Ausdifferenzierung von Tätigkeiten innerhalb einer Branche oder eines Unternehmens, sondern in Bezug auf den gesamten Arbeitsmarkt. Man kann den Eindruck bekommen, dass es genauso viele Berufsbezeichnungen gibt wie Menschen. Und nicht selten drängt sich die Frage auf, was all diese Image Manager, Personalsupporter, Seeding Experts, Compliance Officer eigentlich genau tun. Beziehungsweise: wem das etwas bringt. Hier ist die Sinnproblematik verzwickter. Denn im Gegensatz zum Fließbandarbeiter, dessen Tätigkeit in einem größeren Prozess aufgeht, müssen die genannten (Dienstleistungs-)Tätigkeiten in sich selbst gerechtfertigt sein, geradezu mit Sinn aufgeladen werden. Leistung definiert sich hier danach, ob es gelingt, den Markt davon zu überzeugen, dass die spezifische Tätigkeit sinnvoll ist und dem Markt einen Mehrwert bringt.

Entsprechend ist es völlig irrelevant zu fragen, welchen Beitrag der Personalsupporter, der im Auftrag von Unternehmen Entlassungsgespräche führt oder Arbeitszeugnisse für deren Mitarbeiter schreibt, zum Gemeinwohl leistet. Solange auf dem freien Markt eine Nachfrage nach dieser Dienstleistung besteht, wird sie als (nachahmenswerte) Leistung anerkannt. Und solange gesellschaftliche Teilhabe an die Teilnahme am Markt gekoppelt ist, wird jemand sie erbringen.

Im Leistungsnirwana

Damit sind wir hinsichtlich des Leistungsprinzips beim entscheidenden Punkt – genauer: bei der entscheidenden Entwicklung – angelangt. Mit der Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeit setzt auch eine Flexibilisierung und Deregulierung der Leistung ein. Der bislang verbindliche Maßstab, wonach „Leistung = Output / Input“, ist zwangsläufig in Auflösung begriffen und wird im neoliberalen Zeitalter durch das Kriterium des Wettbewerbserfolgs ersetzt. Die Bewertung der Leistung erfolgt folglich immer weniger unter Berücksichtigung der Aufwandsseite, sondern zunehmend von der Ergebnisseite her. Auf diese Weise erklären sich auch die enormen Lohnunterschiede, die in der Diskussion um eine Reichensteuer – die letztlich nichts anderes ist als eine Diskussion um Leistungsgerechtigkeit – zunehmend in die öffentliche Kritik geraten. Kaum jemand würde wohl allen Ernstes behaupten, dass ein Herr Wiedeking tatsächlich 6000-mal mehr Leistung erbracht hat als ein hypothetischer Mindestlohnbezieher, schließlich verfügt er nicht über übermenschliche Kräfte oder übermäßig große Zeitreserven. Nein, um „Leistungsträger“ zu werden, kann ein Mehr an Qualifikation, Fleiß und Zeitaufwand sicherlich nicht schaden, wirklich entscheidend aber ist, dass man es versteht, sich und/oder sein Produkt entsprechend zu vermarkten. Und ist die erste Million dann erst verdient, kann sie völlig unabhängig vom persönlichen Verdienst durch Börsenspekulation und Aktienoptionen weiter vermehrt werden. Insofern wird ab einer bestimmten Einkommensschwelle das Leistungsprinzip ausgehebelt; Leistung und Lohn stehen dann in keinem direkten Verhältnis mehr zueinander.

Dennoch sind es gerade die Vertreter der Geldelite, die den „Schlechterverdienern“ Leistungsmoral predigen. Dahinter steckt nicht immer nur Zynismus; vielmehr tun sie dies oft aus der Überzeugung heraus, dass ihr hoher Lohn doch der beste Beweis dafür ist, dass sie mehr geleistet haben müssen als die Schlechterverdienenden. Diese verdrehte Logik, über das Ergebnis die vorangegangene Leistung zu erschließen, hat sich überall in den Köpfen festgesetzt und erklärt, warum die Besserverdiener in der Öffentlichkeit weiterhin als Vorbilder – „Leistungsträger“ eben – präsentiert werden.

Man könnte nun einwenden, dass es doch vielmehr die Aufwandsseite der Leistung ist, die an Bedeutung gewinnt, in dem Sinne, dass Arbeitnehmern heute immer mehr Anstrengung abverlangt wird. Dieser Einwand ist absolut berechtigt. Fachliche Qualifikationen reichen längst nicht mehr aus, um einen gut(bezahlt)en Job zu bekommen; Personalchefs achten bei Bewerbungen zunehmend auch auf eine „gute“ Persönlichkeit, auf sogenannte Soft Skills wie Teamfähigkeit, Kreativität, Empathie etc. Somit hat man über die Arbeitszeit hinaus auch noch beständig an sich selbst zu arbeiten und übernimmt immer mehr (Eigen-)Verantwortung. Dies führt im „Idealfall“ dazu, dass das Ich des Mitarbeiters völlig mit dem Unternehmen verschmilzt – oder, wie es eine leitende Angestellte bei der Post AG ausdrückt, dass „die Unternehmensstrategie in die DNA der Angestellten verpflanzt“ wird. Allerdings steht diese Tendenz zur Subjektivierung von Leistung nicht im Widerspruch zum oben beschriebenen Trend der Vermarktlichung, im Gegenteil bildet sie seine notwendige Ergänzung. Was als Subjektivierung erscheint, ist in Wirklichkeit eher eine Art Objektivierung: Der Angestellte wird zum Objekt des Produktionsprozesses; er muss sich den Anforderungen des Wettbewerbs vollständig fügen, um auf Dauer darin bestehen zu können.

Die Perspektive wechseln

Wie sich zeigt, bemisst sich Leistung heute vor allem am Kriterium der Marktkonformität. Als Leistung gilt, was sich auf dem (Arbeits-)Markt absetzen lässt. Vor diesem Hintergrund kann die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auch als grundlegende Verwerfung innerhalb des Leistungsprinzips interpretiert werden: Auf der einen Seite ist da die Gruppe derer, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen oder im Niedriglohnsektor gefangen sind, auf der anderen Seite diejenigen, die sich erfolgreich auf dem Markt etablieren konnten. Und während bei den einen immer stärker auf Leistung gepocht wird, spielt Leistung für das Einkommen der anderen irgendwann keine maßgebliche Rolle mehr. Somit haben wir heute die paradoxe Situation, dass die Leistungsmoral gleichermaßen ausgeweitet wie ausgehöhlt wird – mit entsprechenden Folgen für die Leistungsgerechtigkeit.

Zwar war es in der westlichen Moderne um das Verhältnis zwischen individueller Leistungserbringung und gerechter Entlohnung beziehungsweise entsprechender Anerkennung noch nie zum Besten bestellt, weil im Kapitalismus die dafür notwendige Chancengleichheit schlichtweg nicht vorgesehen ist. Je mehr jedoch die soziale Marktwirtschaft dem Wirtschaftswachstum als unbedingte und alleinige Zielvorgabe untergeordnet wurde, desto mehr hat sich das Leistungsprinzip aus seiner gesellschaftlichen Verankerung gelöst. Es bildet sich eine Art Blase, in der Leistung ihrer eigentlichen Bestimmung, nämlich dem eigenen wie dem Allgemeinwohl dienlich zu sein, nicht mehr gerecht wird und stattdessen von den Erfordernissen des Marktes ad absurdum geführt wird. Mit Gerechtigkeit hat das alles immer weniger zu tun.

Was aber tun, damit das Versprechen der Leistungsgerechtigkeit doch noch eingelöst werden kann? Umverteilen, Mindestlöhne einführen, Reichtum besteuern, Steueroasen schließen? All das kann man durchaus als vernünftige und gerecht(fertigt)e Maßnahmen betrachten. Am eigentlichen Problem wird sich jedoch solange nichts ändern, wie soziale Gleichheit mit dem Ende der Individualität verwechselt wird; solange eine 80-Stunden-Arbeitswoche im Unternehmen soziale Anerkennung garantiert; solange es irgendwie als gerechtfertigt gilt, dass jemand ein Hundert- oder Tausendfaches von dem verdient, was der große Rest bekommt und solange es gesellschaftlich erstrebenswert erscheint, mehr Geld anzuhäufen, als er/sie braucht, um mehrere Leben im Wohlstand zu führen. Genau an diesen scheinbaren Selbstverständlichkeiten gilt es anzusetzen – womit übrigens auch das gängige Oben-Unten-/Gewinner-Verlierer-Denkschema gemeint ist. Indem die politische Linke in diesem Schema verharrt, wird sie immer nur Kompensationslösungen finden können. Was bislang fehlt, ist die Perspektive, dass es in einem kranken System gar keine Gewinner geben kann. Dass im Grunde auch „die da oben“ zu den Verlierern gehören, weil sie ebenso unter Zwängen und Ängsten leiden. Denn je größer das Vermögen, desto größer auch die Verlustangst, und je dichter die Blase, in der sich die Elite aufhält und reproduziert, desto größer auch der Realitätsverlust. Grund zum „Sozialneid“ besteht also ganz gewiss nicht.

Die Frage nach Gerechtigkeit ist nicht mehr und nicht weniger als die Frage nach den Bedingungen für ein gutes Leben sowie nach den Bedingungen, unter denen es für so viele Menschen wie möglich realisierbar ist. In ihr verknüpft sich somit die System- mit der Sinnfrage. Sie zu stellen bedeutet, individuelle Leistung wieder gesellschaftlich zu verankern, anstatt sie weiterhin einem hohlen Steigerungswettkampf zu opfern.


Empfehlung der Autorin zum Thema

Fach-/Sachbuch: „Selfmade. erfolgreich leben“ von Carsten Maschmeyer (Warum Umwege über die Theorie gehen, wenn man die vorherrschende Leistungslogik auf dem Silbertablett serviert bekommen kann?)

Roman: „Planet der Habenichtse“ von Ursula K. Le Guin (1974)

Film: „Work Hard, Play Hard“, Dokumentation von Carmen Losmann (2011)


* Patricia Nitzsche studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin und arbeitet seit 2010 für die agora42-Redaktion.  Die Wiedergabe des Beitrags erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Agora42, dem philosophischen Wirtschaftsmagazin. Der Beitrag ist in der Printausgabe 6/2012 erschienen. Sie hatte den Schwerpunkt Ökonomie und Gerechtigkeit.

Die neue Ausgabe von Agora 42 ist am vergangenen Freitag erschienen unter dem Titel “Wohlstand”. Darin geht es z.B. um folgende Fragen:

  • Kann Wachstum unseren Wohlstand retten?
  • Wozu reich sein?
  • Ist Wohlstand messbar?
  • Macht Wohlstand süchtig?
  • Muss James Bond erwachsen werden?

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