Die asymmetrische Welt

by Karl-Heinz Thielmann on 17. Juli 2013

Seit einigen Jahrzehnten ist ein grundlegender technischer und gesellschaftlicher Wandel zu verzeichnen. Immer mehr Menschen sind mit der Produktion von Daten, Information und Wissen beschäftigt. Soziologen sprechen auch vom Übergang von der Industriegesellschaft – die im Wesentlichen mit der Produktion von Dingen befasst war – hin zur Wissensgesellschaft, die vor allem mit der Produktion und Weiterverarbeitung von Daten aller Art befasst ist. Gelegentlich wird auch von der Informationsgesellschaft gesprochen, da eine permanente Zunahme der Information ursächlich für die Akkumulation des gesamten Wissens in einer nie vorher da gewesenen Art und Weise ist.

Dieser Wandel spiegelt sich auch in der Wirschaft wieder. Neue Unternehmen sind entstanden, etablierte Firmen müssen ihr Angebot an die neuen Erfordernisse anpassen. Im folgenden Artikel soll eingehend analysiert werden, welche Trends sich entwickelt haben und welche Konsequenzen sie für die weitere ökonomische Entwicklung haben.

Highspeed Internet, mobiles Internet, Cloud Computing sowie feste Speicher mit fast unbegrenzter Kapazität erlauben die Nutzung und Weiterverarbeitung von Daten und Information nahezu jederzeit und überall zu sehr geringen Kosten und ohne signifikante Beschränkungen. Die unten abgebildete Grafik wurde schon vor einigen Jahren von den Journalisten Hilbert and Lopez der Washington Post entwickelt und zeigt nach wie vor sehr anschaulich, wie dramatisch sich zwischen 2000 und 2007 die Speicherkapazitäten für Information durch die zunehmende Digitalisierung verändert haben. Nach Berechnungen der IDC (International Data Corporation) verdoppelt sich derzeit alle 2 Jahre das internationale Datenvolumen.

Wissenschaftler, Internet-Bloger, Journalisten und Privatleute produzieren einen immer weiter anschwellenden Wust von Information und verbreiten diese sowohl über traditionelle Medien (wie Bücher oder Zeitschriften) wie auch über direkt über das Internet wie auch indirekt durch neue Kanäle wie E-Books. Soziale Netzwerke wie Facebook, LinkedIn oder StudiVZ erleichtern den Informationsaustausch mit Gleichgesinnten. Alles wird irgendwo gespeichert, möglicherweise kopiert, und damit auf unabsehbare Zeit dokumentiert.

Dieser grundlegend veränderte Umgang mit Information hat gravierende ökonomische Konsequenzen. George Akerlof hat in seinem berühmten Essay „A Market for Lemons“ den Begriff der asymmetrischen Information geprägt. Asymmetrische Information heißt, dass in einem Markt Anbieter und Nachfrager unterschiedliche Informationen besitzen. Für denjenigen mit einem Informationsvorsprung – fast immer der Anbieter – besteht oftmals ein finanzieller Anreiz, diesen Vorteil auszunutzen. Dieser ist insbesondere dann gegeben, wenn es sich um eine einmalige Transaktion handelt, wie z. B. der Gebrauchtwagenkauf, der Besuch eines Touristenrestaurants, etc. Wenn der Benachteiligte jedoch bemerkt, dass er hintergangen worden ist, reagiert er mit grundsätzlichem Misstrauen gegenüber allen Vertretern der anderen Seite, auch den ehrlichen. Dies wiederum kann zur Folge haben, dass insbesondere die ehrlichen Anbieter nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Es kommt dann zu einem generellen Qualitätsverfall. Der Markt bricht zusammen, die unehrlichen Anbieter setzen sich durch.

Asymmetrische Information ist zentrales und oft unterschätztes ökonomisches Problem, weil sie die Funktionsweise von Märkten stark beeinträchtigen kann. In der neuen Wissensgesellschaft nimmt ihre Beutung trotz der immer größer werdenden Verfügbarkeit von Information aber immer weiter zu. Den für alle Menschen wird es grundsätzlich immer schwieriger, mit der Informationsflut umzugehen. Im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Information herzustellen, zu speichern oder auszutauschen, ist die Fähigkeit des Menschen selbst, diese Information zu verarbeiten, nicht gewachsen.

Während früher der Zugang zu Informationen an sich das Hauptproblem war, ist jetzt die richtige Organisation bzw. die richtige Ermittlung und Interpretation von Informationen zum Schlüsselproblem der Wissensgesellschaft geworden. Welche Daten sind relevant, und welche nicht? Welche Daten sind zuverlässig, welche sind fehlerhaft zustande gekommen oder sogar manipuliert?

Damit hat sich auch das Problem der asymmetrischen Information gewandelt: Während früher vorwiegend eine unterschiedliche Verfügbarkeit von Information für die Asymmetrien verantwortlich war, resultieren diese heutzutage aus den verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, Information zu auszuwählen und zu verarbeiten.

Die Wirtschaftssoziologen Beunza und Stark haben 2004 den Wandel im Umgang mit Information in Hinblick auf die Finanzmärkte folgendermaßen beschrieben: Die Aufgabe eines Finanzmarktakteurs ist nicht mehr, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, „als ob das Problem der Datenmenge gelöst werden könnte durch immer mehr sammeln – stattdessen kommt es darauf an, das auszuwählen, was wichtig ist und Sinn aus dieser Auswahl zu machen. Je mehr Information Investoren gleichzeitig zur Verfügung steht, desto größer ist der Vorteil für diejenigen mit überlegenen Auswertungsmethoden.“ (“… – as if the problem of the volume of data could be solved by gathering yet more – but [to select] what counts and [make] sense of the selection. The more information is available to many investors simultaneously, the more advantage shifts to those with superior means of interpretation.”)

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist zum Symbol für die Doppeldeutigkeit des modernen Umgangs mit Information geworden. Einerseits hat sie es durch ihre Offenheit geschafft, eine unvorstellbare Menge an Wissen zusammenzutragen und den verschiedensten Sprachen unzähligen Menschen weltweit zur Verfügung zur stellen. Andererseits zeigt sich Wikipedia gerade in Spezialgebieten immer wieder anfällig für Schlampereien und Manipulationen, weshalb dann auch über längere Zeiträume falsche oder veraltete Informationen verbreitet werden können.

Traditionelle Anbieter wie die Presse haben damit zu kämpfen, dass über das Internet viele Informationen umsonst zur Verfügung gestellt werden. Damit sinkt auch die Bereitschaft von Kunden, hierfür zu zahlen. Der hieraus resultierende Druck auf Umsatz und Kosten führt wiederum zu einem Qualitätsverfall bei vielen Presserzeugnissen. Gleichzeitig wird immer mehr Information produziert und mit aggressiven Methoden um die Aufmerksamkeit des Kunden gekämpft. Qualität wird durch Quantität substituiert, was wiederum den Auswahlprozess für die richtige und relevante Information beim Nutzer erschwert.

Es gibt zudem eine Inflation an tatsächlichen und selbst ernannten Experten, die über das Internet ihre Dienste anbieten. Oft ist bei diesen Experten nicht ganz klar, woher sie ihre Kenntnisse beziehen oder ob ihr Urteil nicht auch durch versteckte Interessen beeinflusst wird. Glücklicherweise erlaubt aber das Internet nicht nur das Aufkommen falscher Experten, sondern auch ihre zügige Entlarvung, was auch regelmäßig geschieht. Dies wiederum hat bei vielen Internetnutzern eine grundsätzliche Expertenskepsis verursacht, was auch dazu führen kann, dass echtes Fachwissen in der allgemeinen Kakofonie von Scheinexperten nicht mehr richtig wahrgenommen wird.

Ein weiteres Beispiel für den veränderten Umgang mir Information ist, dass Menschen immer stärker in ihren persönlichen Netzwerken mit anderen Menschen kommunizieren, denen sie persönlich vertrauen. Die Zugehörigkeit zu einem speziellen Netzwerk wird damit quasi zum Sortierkriterium für die Wahrnehmung von Information. Da sich diese Netzwerke überschneiden, hat dies zur Folge, dass sich Informationen auch sehr schnell verbreiten können, wenn bestimmte Nutzergruppen hiermit etwas anfangen können. Dies wiederum kann für Überraschungen sorgen. Einzelne Nachrichten, Videos oder Aufrufe können sich durch die Verbreitung in sozialen Netzwerken in Windeseile verbreiten und ganze soziale Bewegungen hervorrufen, wie z. B. die Ereignisse um den arabischen Frühling 2011 zeigten. Aber auch negative Meldungen können sich schnell und unkontrollierbar im Internet verbreiten. Beispiele hierfür sind verunglückte Werbekampagnen oder politisch unkorrekte Äußerungen von Firmen oder bestimmten Personen, die für eine Empörungswelle sorgten und die Reputation von einigen Betroffenen stark beschädigt haben. Zudem gibt es immer mehr Versuche, Informationsplattformen oder soziale Netzwerke zu manipulieren, etwa durch bezahlte Beiträge oder gekaufte „gefällt mir“ Stimmen bei Facebook.

Der Wandel zur Wissensgesellschaft spiegelt sich bei großen Unternehmen noch unvollkommen wieder. Oberflächlich betrachtet spielt zwar „Informationstechnologie“ inzwischen eine große Rolle. Im Wesentlichen handelt es sich aber dabei um Unternehmen, die wie Infineon, Intel oder Acer die Hardware für das Informationszeitalter herstellen. Diese Hardware ist aber vielfach zur Massenware geworden. Zwar schaffen es einige Anbieter wie Apple oder Samsung, sich zeitweise von der Konkurrenz durch eine Markenstrategie abzuheben, doch ist zweifelhaft, ob sie damit wirklich dauerhaft Erfolg haben können.

Die traditionellen Medienkonzerne profitieren nicht unbedingt von der neuen Wissensgesellschaft. Denn die massenhafte Verfügbarkeit von Information hat auch das Geschäft hiermit stark verändert. Presse, Fernsehen und andere Anbieter von Information haben in diesem Umfeld ein Problem: Sie müssen ihr Geschäftsmodell an die neuen Gegebenheiten anpassen, was sich jedoch für viele als sehr schwierig erwiesen hat.

In der neuen Wissensgesellschaft werden Kunden vor allem bereit sein, für diejenigen Dienstleistungen angemessen zu bezahlen, die dazu geeignet sind, Asymmetrien in der Erfassung und Verarbeitung mit Information zu überwinden. Insbesondere folgende Märkte scheinen besonders interessant:

– Strukturierung von Datenmengen in Hinblick auf ihre Relevanz und Vertrauenswürdigkeit für den Nutzer;
– Erzeugung von spezialisierten Daten, deren Qualität und Zuverlässigkeit für den Nutzer kritisch sind;
– Schutz von sensiblen Daten vor Missbrauch.

Hinzu kommt, dass das Internet problemlos Grenzen überschreitet, es sei denn, eine Diktatur greift gewaltsam in den Informationsstrom ein. Ein globaler – und auch kulturübergreifender – Geschäftsansatz, der gleichzeitig aber auf regionale Spezifika eingeht, ist notwendig, um unter diesen Voraussetzungen erfolgreich zu sein. Hierzu gehören globale Suchmaschinen, die wie Google auch Internetdienstleistungen anbieten, soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Facebook, Softwareanbieter für die Informationssteuerung im Unternehmen wie SAP oder Oracle oder auch Inspektions-, Verifizierungs-, Prüf- und Zertifizierungsgesellschaften wie SGS oder Bureau Veritas.

Anmerkung: Die angesprochenen Firmennamen sind rein illustrativ und nicht als Kauf- oder Verkaufempfehlung für Finanzinstrumente in jedweder Hinsicht gedacht.

Für den Artikel „Die asymmetrische Welt“ wurden folgende Quellen verwendet:

Dieser Artikel erschien in abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 15 vom 1. Juli 2013.

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