Glanz und Elend der Ökonomie Teil 1

by Karl-Heinz Thielmann on 5. November 2013

Wirtschaftswissenschaftler haben heutzutage einen schlechten Ruf. Nicht nur, dass fast alle mit ihren Konjunkturprognosen ständig schief liegen. Sie haben weder die Finanzkrise noch die Eurokrise vorhergesehen. Die meisten haben diese schwerwiegenden Probleme noch nicht einmal erahnt. Auch andere Entwicklungen wie der Aufstieg der Schwellenländer wurden zumeist erst nachträglich zur Kenntnis genommen.

Aber nicht nur, dass es mit den Prognosen nicht so richtig klappen will, bei der Analyse von Ursachen und Konsequenzen von wirtschaftlichen Entwicklungen zeigen die Vertreter der Zunft ein selten zerstrittenes Bild. Ein neutraler Beobachter kann schnell den Eindruck bekommen, dass die Ökonomie ein Panoptikum ist, aus dem sich Interessengruppen oder Vertreter bestimmter Ideologien die richtigen Argumente aussuchen können, aber keine objektive Wissenschaft.

Unterstützt wird der negative Eindruck von noch der Rolle, die man den Ökonomen in der modernen Medienwelt zugedacht hat: diejenige der Spaßbremse. Falls in Informationssendungen ein mahnender Experte gebraucht wird, der glaubwürdig versichert, dass alles Böse enden wird, nimmt man einen Ökonomen. Wenn man in Fernsehtalkshows einen völlig humorfreien Teilnehmer braucht, der ständig den belehrenden Zeigefinger hebt, lädt man einen Ökonomen ein. Wenn man will, dass sich in einer Talkshow zwei Diskutanten gegenseitig der kompletten Inkompetenz bezichtigen, lädt man zwei Ökonomen unterschiedlicher Lager ein.

Woran liegt dieses augenscheinliche Elend der heutigen Ökonomie? Ist der Zustand dieser Wissenschaft wirklich so erbärmlich oder unterliegt die Öffentlichkeit einem Zerrbild?

Vor wenigen Jahrzehnten jedenfalls war die Ökonomie noch eine hoch angesehene Wissenschaft, deren Vordenker als herausragende Menschen bewundert wurden. Adam Smith, John Maynard Keynes, Nikolai Kondratjew, Friedrich von Hajek, Joseph Schumpeter und viele andere mehr; sie alle galten als bewundernswerte Geistesgrößen, die Grundlegendes zum Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft beigetragen haben. Was hat dann den beispiellosen Absturz der Wirtschaftswissenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung bewirkt?

Für mich hat das fragwürdige Erscheinungsbild der Ökonomie heutzutage vor allem vier Ursachen:

1. der mangelnde Austausch mit anderen Wissenschaftsrichtungen und der Wirtschaftspraxis;
2. die einseitige Ausrichtung des Wissenschaftsbetriebes auf amerikanische Spitzenuniversitäten;
3. die unnötige Zerstrittenheit der Ökonomen in wirtschaftspolitischen Fragen;
4. die verzerrte mediale Aufmerksamkeit für ökonomische Aussagen.

1. Die Ökonomie, die Praxis und die übrige Wissenschaft

Eine viel beklagte Ursache für das große Elend der Ökonomie ist die Mathematisierung dieser Wissenschaft. Sie begann in den 50er Jahren getrieben von einer zunehmenden Orientierung an den scheinbar so präzisen Naturwissenschaften: Eine Formalisierung sollte den Aufstieg zur seriösen Wissenschaft bewirken. An sich wäre gegen die Verwendung der Mathematik nichts einzuwenden, sollte doch der Umgang mit mathematischen Formeln das logische Denken schärfen. Eine Nebenwirkung der Mathematisierung war aber auch eine zunehmende Abgrenzung zu anderen Sozialwissenschaften, die auf einmal zu unpräzise erschienen. Ökonomen begannen alles, was sich nicht in Formeln pressen ließ, nicht mehr ernst zu nehmen. Damit unterlief ihnen aber ein entscheidender Fehler: Indem die Formalisierung wichtiger wurde als die Inhalte, bewegte die Ökonomie sich unaufhaltsam von der Realität weg. Dies wiederum bewirkte, dass eine Abkoppelung weiter Teile der Forschung von der wirtschaftlichen Praxis stattfand und die Wissenschaftler sich im Elfenbeinturm isolierten.

Als besonders fatal hat sich dabei das Postulat von Milton Friedman erwiesen, dass in ökonomischen Modellen unrealistische Annahmen erlaubt sind, wenn dies zu aussagekräftigen Ergebnissen führt. Dies hat dann als perfekte Ausrede für allen möglichen Kokolores gedient, mit dem viele Ökonomen ihre Wissenschaft dann vor allem als „l´Art pour l´Art“ betrieben.

Inzwischen ist die Entwicklung teilweise umgekehrt. Durch Behavioural Finance und experimentelle Ökonomie hat insbesondere die Psychologie Einzug in die ökonomische Forschung gehalten. Andere Richtungen, wie z. B. die Wirtschaftssoziologie, werden aber nach wie vor von den meisten Ökonomen naserümpfend ignoriert, obwohl gerade hier Fortschritte in Hinblick auf ein tieferes Verständnis von konkreten wirtschaftlichen Problemen wie z. B. der letzten Finanzkrise zu erwarten sind.

Verbesserungsfähig ist insbesondere auch der Gedankenaustausch mit der Praxis. Kontakte zwischen Wissenschaft und Praxis finden heute vor allem statt, wenn der Vertreter einer Interessengruppe einen Ökonomen sucht, der sowieso schon die erwünschte Meinung vertritt. Die meisten Wissenschaftler selbst haben ein auffälliges Desinteresse an Gesprächen mit Praktikern, es sei den, sie vermuten einen Sponsor für Forschungsgelder. Dass diese Konstellation einer objektiven und innovativen Wissenschaft nicht gerade förderlich ist, versteht sich von selbst.

2. Der amerikanische Herrenklub der Spitzenökonomen

Wenn alljährlich der Nobelpreis für Ökonomie vergeben wird, sind die Namen zwar ungewiss, eine Prognose hat sich aber bisher als relativ sicher erwiesen: Es handelt sich um einen älteren Herren weißer Hautfarbe, der an einer amerikanischen Spitzenuniversität entweder tätig ist oder tätig war.

Wie in keiner anderen Wissenschaft gibt es in der Ökonomie eine Dominanz von Forschern einiger weniger amerikanischer Universitäten. Kurioserweise bezieht sich diese Dominanz nicht nur auf den Mainstream. Selbst die wichtigsten originellen Denker, die vom Mainstream abweichen (wie z. B. Steven D. Levitt mit seinen Freakonomics), sind an einer führenden US-Institution beschäftigt.

Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass heutzutage der Erfolg eines Wissenschaftlers daran gemessen wird, ob er in renommierten Fachzeitschriften publiziert und wie oft er dann zitiert wird. Die Auswahl der Artikel erfolgt in einem sogenannten Review-Verfahren, in dem etablierte Wissenschaftler die eingehenden Beiträge bewerten und gegebenenfalls Revisionen fordern. Insofern scheint vor allem ein Rezept Erfolg versprechend, um Karriere zu machen: Man muss a) Artikel veröffentlichen, die von einem bereits relativ breit erforschten Thema handeln; denn sonst ist die Gefahr zu groß, dass man keinen Reviewer findet und später zu selten zitiert wird; und b) der Artikel muss so formuliert sein, dass er potenziellen Reviewern möglichst gut gefällt. Da die Reviewer i.d.R. etablierte Ökonomieprofessoren sind, wird Letzteres dadurch erreicht, dass sich der Beitrag weitestgehend am bereits veröffentlichten ökonomischen Mainstream orientiert, also am besten nicht mit neuen Ideen eine Zurückweisung riskiert. „Keine Experimente“ ist aber ein offensichtlich ungeeignetes Motto für Forscher. Fachidioten hingegen, die bereits bekannte Inhalte neu verpacken, sind hingegen die Gewinner eines solchen Mechanismus.

Eine Veröffentlichung abseits des Mainstreams kann sich eigentlich nur ein Forscher leisten, der bereits eine etablierte Position hat und deshalb gedruckt wird, egal was er schreibt. Dies sind aber i. d. R. nur Forscher an den US-Topunis. Insofern ist auch logisch, das US-Bildungsinstitutionen sowohl den Mainstream, wie auch den Nichtmainstream beherrschen.

Ein weiterer innovationsfeindlicher Faktor in der Ökonomie ist, dass sich viele Universitäten und Forschungseinrichtungen zu kafkaesken Systemen mit sinnentleerten bürokratischen Ritualen entwickelt haben. Viele Professoren streben ihr Amt nur an, um die Privilegien von Berufsbeamten genießen zu dürfen. Wenn diese dann darüber entscheiden, was wissenschaftlicher Fortschritt ist und was nicht, ist klar, dass nichts Originelles dabei herauskommen kann. Gegenwärtig gilt insbesondere interdisziplinäres Arbeiten (also gedanklicher Austausch zwischen unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen) noch als Karrierekiller, da es die klare Einordnung in fachspezifische Denkschemata erschwert. Auch hier werden Fachidioten bevorzugt, die vor allem schon bekannte Inhalte reproduzieren, weil sie sich so schön einfach einordnen lassen.

Konsequenz ist, dass nur das als Fortschritt eingestuft wird, was in bisherige Denkmuster hineinpasst; aber nicht, was neu und innovativ ist. Ausnahmen sind auch hier wieder einige englischsprachige Eliteunis, deren relativ offene Diskussionskultur es doch manchmal ermöglicht, kreative Querdenker hervorzubringen. Auch dies ist ein Grund, warum gerade die Denkfabriken des Mainstreams auch die Vordenker des Nichtmainstreams hervorbringen.

Dieser Beitrag wird in zwei Tagen fortgesetzt mit einer Betrachtung der Zerstrittenheit der Ökonomen, ihrer medialen Wahrnehmung sowie den möglichen Konsequenzen aus der derzeigen Misere.

DDD November 9, 2013 um 16:35

Okay, angenommen die Ökonomik zerstreut sich friedlich in viele verschiedene Universitäten mit pluralistischen nichtmathematischen unorthodoxen Ansätzen und die Qualität der Forscher wird wieder mit subjektiven Maßstäben gemessen. Glauben Sie dass dann diese Ökonomik eher die nächste Krise vorraussieht und nicht mehr vor den Kameras zerstritten ist?
Wissen Sie eigentlich wie die Veröffentlichungs- und Forschungspraxis in anderen Wissenschaften aussieht, glauben sie da gibt es keine Verknöcherungen? Nur weil man keine streitenden Soziologen im Fernsehen sieht, heißt das nicht, dass bei denen FFEK herrscht.

Die sogenannten Heterodoxen haben in den Talkshows und in den geistigen Untiefen des Webs mindestens so viel Widersprüchliches und Bescheuertes von sich gegeben wie die Mainstreamer.

Stefan Wehmeier November 5, 2013 um 13:32

Was ist die “Finanzkrise”?

“Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuß wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.”

(aus “Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld”, 1916)

20 Jahre später bezeichnete der “Jahrhundertökonom” J. M. Keynes in seiner “Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)” dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als “Liquiditätsfalle” – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung.

Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, gibt es bei der weiteren Verwendung von Zinsgeld nur eine Möglichkeit: Eine umfassende Sachkapitalzerstörung muss den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte “Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” konnte jedoch nur solange der “Vater aller Dinge” sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

Was ist Politik?

“Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.”

Otto Valentin (“Warum alle bisherige Politik versagen musste”, 1949)

Was nun?

“Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren.”

Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008)

Der längst überfällige, eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion voraus, die den Kulturmenschen überhaupt erst “wahnsinnig genug” für das Geld machte, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/10/wohlstand-fur-alle.html

Nixda November 5, 2013 um 11:17

Mit der Mathematisierung wird eine wissenschaftliche Fassade aufgebaut. Die Ökonomie ist heute eine potemkinsche Wissenschaft.

Der Kern der Krise der Ökonomie sind die untauglichen Modelle mit der die Ökonomen arbeiten. Die Mathematisierung der Ökonomie hat viel dazu beigetragen dass diese Schwäche vernebelt wird. Wenn ich in meinen Modellen davon ausgehe, dass die Erde in der Mitte des Universums steht, kann ich mit sehr komplexer Mathematik sicher ein paar brauchbare Vorhersagen über die Planetenbahnen machen, aber das Modell wird immer schlecht sein, und die Mathematik immer komplizierter. Das sieht man auch in der Diskussion um die Mikrofundierung der DSGE Modelle, die eine Wissenschaftlichkeit vorgaukelt, die gar nicht vorhanden ist. Das Problem der fehlerhaften Modelle beginnt nämlich schon in der Mikroökonomie, deshalb sind die Ableitungen eben auch falsch. Neben den schlechten Mikro- und Markomodellen blockiert das ideologiehafte Festhalten an der EMH jede Entwicklung.

Die behaviouristischen Ansätze zeigen die Schwäche der Modelle deutlich auf: Menschen handeln nicht rational, den sich an Nutzenkurven orientierten Haushalt gibt es nicht, niemand im Supermarkt kennt alle Preise auswendig, Märkte sind nicht effizient, Firmen setzen Preise nicht zu Grenzkosten sondern an was man am Markt erzielen kann. Die IS Kurve im IS Modell gibt es nicht, wenn man die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken berücksichtigt usw.

Den Konsequenzen, einem grundlegenden Paradigmenwechsel in ihren Modellen, verweigert sich die Ökonomie aus unter anderem aus Gründen, die sie im Punkt 2 aufführen. Sie verweigert sich damit der Wissenschaftlichkeit und der eigenen Modernisierung und wird damit zur Ideologie und lässt sich willfährig von Interessengruppen instrumentalisieren.

Die Ökonomie muss sich komplett neu erfinden. Neben Thomas Kuhns „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ sollte ein Ökonom auch Luhmann lesen zur Autopoesis von Organisationen, um zu verstehen, warum sich bessere Theorien nicht durchsetzen.

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