Bröckelnde BRICs

by Karl-Heinz Thielmann on 20. November 2013

Vor drei Jahren braute sich an den internationalen Kapitalmärkten ein Gewitter zusammen. Das Schlimmste der Finanzkrise schien zwar überstanden, aber für die westlichen Volkswirtschaften verdüsterten sich die Aussichten schon wieder. In Europa war Griechenland quasi bankrott; Irland gerade unter den Rettungsschirm geschlüpft, und bei Portugal war klar, dass das Land bald folgen musste. In den USA hatte Obama seine Gesundheitsreform durchgedrückt, aber leider die Gegenfinanzierung vergessen. Zudem hatte im Mai der sogenannte „Flash Crash“ für zusätzliche Verunsicherung gesorgt, als der US-Aktienmarkt innerhalb von 10 Minuten um mehr als 10% einbrach, ohne dass im Nachhinein überzeugend geklärt werden konnte, warum.

Schon damals gab es viele Pessimisten, aber es ist noch viel schlimmer gekommen, als sie damals geahnt haben: In Europa rutschen auch mit Spanien und Italien zwei ökonomische Schwergewichte tief in die Rezession. Die Uneinigkeit der europäischen Spitzenpolitiker blockierte eine abgestimmte Krisenpolitik, nur die EZB verhinderte mit ihren Interventionen Schlimmstes. In den USA führte der Konflikt um die Gesundheitsreform zu einer ideologischen Verhärtung der politischen Fronten, die bis heute eine Lösung der Defizitproblematik unmöglich macht.

Dass die Lage für die Weltwirtschaft nicht aussichtslos wurde, hatte vor allem mit einem Faktor zu tun: die anhaltende Stärke der großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China, die gerne mit dem Kürzel BRIC zusammengefasst werden. Trotz aller Unterschiede hatten diese Länder folgende Gemeinsamkeiten: Sie profitierten wirtschaftlich von der immer weiter voranschreitenden Globalisierung; und Triebkraft für ihr Wachstum war vor allem der Nachholbedarf gegenüber den etablierten Industrienationen. Und weil beide positiven Faktoren lange weiter gültig sein sollten, schien kein Ende dieser Entwicklung abzusehen.

Die Konsequenz für viele Anleger schien klar: Kapital wurde aus den USA und Europa abgezogen und in den Finanzmärkten der Schwellenländer investiert. In den Jahren danach erlebten diese Investoren jedoch eine böse Überraschung: Während sich die etablierten Börsen trotz schlechter Nachrichtenlage wieder berappeln konnten, enttäuschen die BRICs gleich zweifach: Einerseits konnten sie die Wachstumserwartungen nicht erfüllen; anderseits gaben auch die Kurse bei den Aktien wieder nach. Insbesondere in in Indien und Brasilien, wo es vorher hohe Kursgewinne gegeben hatte, brachen die Notierungen ein.

Der erste ganz banale Grund hierfür ist, dass auch für Schwellenländer, die aufgrund von Nachholbedarf überdurchschnittlich wachsen, der Konjunkturzyklus genauso funktioniert wie in anderen Nationen auch. Nach der starken Aufschwungphase ist es ganz normal, wenn das Wachstum mal Pause macht.

Dennoch gibt es einige Faktoren, die die Situation verschärfen und längerfristige Gefahren mit sich bringen:

• Alle Länder haben schwerwiegende Corporate Governance Probleme, was sich u.a. darin ausdrückt, dass die BRIC-Staaten im Korruptionsindex von Transparency International relativ schlecht abschneiden. Diese Schwierigkeiten haben vor allem zwei Ausprägungsformen: a) soziale Konflikte, weil die Länder von korrupten Eliten dominiert werden, die die Früchte des Aufschwungs vor allem sich selbst zugeschanzt haben; sowie b) fehlende Rechtssicherheit für Investoren. Insbesondere Ausländer werden immer wieder massiv diskriminiert, sowohl Direktinvestoren als auch Minderheitsaktionäre von börsennotierten Gesellschaften.

• Die Leistungsbilanzen haben sich bei allen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. In Russland und China war dies relativ gut zu verkraften, da beide Länder vorher hohe Überschüsse hatten. Brasilien und Indien hingegen rutschten in eine Defizitposition und sind von ausländischen Kapitalimporten abhängig. Insbesondere bei Indien hat die Negativdynamik durch eine fortschreitende Verschlechterung der Außenhandelsposition bedenklich zugenommen.

• In allen Ländern ist die Inflation hartnäckig, lediglich China konnte die Preissteigerungen in den vergangenen Jahren erfolgreich eindämmen.

• Mit Ausnahme von China haben die BRIC-Staaten während des Aufschwungs den Aufbau der Infrastruktur sträflich vernachlässigt. Dies rächt sich jetzt, weil das Wachstum unnötig behindert wird.

Lichtblick unter den vier Staaten ist vor allem China. Die chinesische Regierung hat bisher relativ erfolgreich versucht, die nachlassende Wirtschaftsdynamik aufzufangen. Sie hatte sich schon rechtzeitig auf ein schwächeres Wachstum eingestellt und den Fokus ihrer Politik von der Exportförderung zur Binnenkonjunktur verschoben. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass die Staatsinterventionen in China auch ein mikroökonomisches Problem geschaffen haben: Durch Subventionen wurden massive Anreize für eine Fehlallokation der Ressourcen kreiert. Es ist völlig unklar, in welchem Umfang Banken aus politischen Gründen unrentable Projekte finanziert haben und ob dies zu faulen Krediten führen wird. Nichtsdestotrotz scheint das „Soft-Landing“ für die Konjunktur bisher zu gelingen.

Trotz einer führenden Position im Bergbau und bei der Produktion von Sojabohnen hat Brasilien in den letzten Jahren erstaunlich wenig vom globalen Rohstoffboom profitiert. Engpässe bei der Infrastruktur, soziale Unruhen in Zusammenhang mit dem Confederations Cup sowie der Kollaps des Industrieimperiums von Milliardär Eike Batista wegen Überschuldung zeigen, dass hier nach wie vor grundlegende strukturelle Probleme bestehen, die von der Politik bisher nicht angegangen wurden. Grundlegende Reformen sind notwendig, auch wenn diese einen schmerzhaften Anpassungsprozess mit sich bringen. Ansonsten ist ein Abgleiten in eine größere Krise nicht auszuschließen.

Russland hat von allen BRIC-Ländern kurzfristig die besten Aussichten, ist längerfristig aber am stärksten gefährdet. Gegenwärtig geben die hohen Einnahmen aus Rohstoffexporten dem Land ein sicheres Polster, um mögliche Turbulenzen durchzustehen. Diese Gelder werden aber nicht investiert, sondern im Wesentlichen konsumtiv vergeudet. Ein Teil fließt als Fluchtgeld ins Ausland zurück und wird auf Offshore-Konten geparkt. Hinzu kommt noch der „Brain Drain“: ein nicht enden wollender Exodus von russischen Fachkräften, Intellektuellen und Unternehmern, die im Westen bessere Chancen für sich erhoffen. Risikofaktor für Russland ist vor allem, wenn durch Fracking die USA und andere Länder mit billigem Erdgas zur Konkurrenz auf dem Energiemarkt aufsteigen.

Relativ desolat ist die Situation in Indien. Zwar gilt das Land aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums, des noch größten Nachholbedarfs und eines relativ guten Bildungsstandes als dasjenige mit dem höchsten langfristigen Potenzial. Kurzfristig jedoch ist das Bild düster: Ca. 2/3 der Bevölkerung leben von weniger als 2 US$ am Tag und sind damit sehr arm. Ohne hohe Wachstumsraten wird diesen Menschen nicht zu helfen sein. Dennoch hat sich in den letzten Jahren eine populistische Wirtschaftspolitik durchgesetzt, die durch willkürliche Interventionen geprägt war und insbesondere ausländische Investoren angriff. Die Folgen sind fatal: Die Inflation ist außer Kontrolle, die Infrastruktur verkommt noch mehr, der an sich schon defizitäre Staatshaushalt wird durch Wahlgeschenke belastet. Eine Strukturanpassungskrise erscheint unvermeidlich.


Alles in allem spricht derzeit wenig für ein langfristiges Engagement in den Aktienmärkten der BRIC-Staaten. Lediglich in China scheint die Wirtschaftslage einigermaßen unter Kontrolle zu sein. Allerdings haben gerade hier ausländische Aktionäre lernen müssen, dass hohes Wirtschaftswachstum in einem Land mit schlechter Corporate Governance nichts mit Aktienperformance zu tun haben muss, ganz im Gegenteil.

In Russland und Brasilien ist die Situation bestenfalls als unklar zu bezeichnen. Indien ist schwer angeschlagen, hier muss man mit einem größeren Einbruch rechnen. Problematisch könnte sich an den Börsen auswirken, wenn globale Aktienfonds, die auf der Suche nach Schwellenländeranlagen in dem letzten Jahrzehnt die Kurse nach oben getrieben haben, wieder auf die Idee kommen, auszusteigen. Vielleicht ergibt sich dann auch wieder die eine oder andere antizyklische Kaufgelegenheit, heutzutage ist es dafür aber noch viel zu früh.

Soll man jetzt die BRIC-Staaten für Aktien-Investments ganz vergessen? Nein, man sollte die Möglichkeit nutzen, die auch in den letzten Jahren relativ erfolg versprechend war: Anlagen in europäischen oder nordamerikanischen Unternehmen, die gerade in Schwellenländern besonders erfolgreich tätig sind und sich auf die regionalen Besonderheiten eingestellt haben. Hierzu zählen beispielsweise viele Titel aus Deutschland, Schweden oder der Schweiz. Dann hat man wenig Probleme mit schlechter Corporate Governance, anderen Störfaktoren wie Politik, Inflation etc. betreffen nur indirekt.

Eines sollte man aber immer bedenken: Hohe Wachstumserwartungen, wie sie sie vor Jahren für die BRICs formuliert wurden, sind immer Begleiterscheinung von Spekulationsblasen, und die kehren gerade in Schwellenländern in erschreckender Regelmäßigkeit wieder. Erstmalig geschah dies 1825; vor der aktuellen Misere gab es in den 80er Jahren eine Schuldenkrise in Lateinamerika und in den 90ern die Russland– und Asienkrise. Nur wenn Länder wie z. B. Süd-Korea nach dem Einbruch 1998 tief greifende marktwirtschaftliche Reformen durchführen, haben sie langfristig eine Chance, aus dem „Boom-Bust-Zyklus“ auszubrechen. Ob die BRIC-Staaten hierzu auch bereit sind, wird sich erst zeigen.

Dieser Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form zuerst in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 19 vom 4. November 2013.

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