Ebola: Mediale Pandemie bedrohen Verstand und Risikobewusstsein

by Dirk Elsner on 20. Oktober 2014

 

Ebola gehört zu den Themen, die ich hier genauso wenig intensiv betrachte wie andere Krankheiten. Aber seit einigen Wochen scheint sich die Berichterstattung über Ebola in einen typischen Hypecycle hineinzusteigern. Als am vergangenen Donnerstagabend im Deutschlandfunk jeder einzelne neu erkrankte Fall bekannt gemacht wurde, war ich doch erstaunt über das Ausmaß der Hysterie. Daneben heizen Berichte, wie “Ist Ebola die Pest der Neuzeit?” erst richtig die Gemüter auf. Ebola bestimmt und dominiert sogar gegen Fußball die Schlagzeilen, wie folgende Auswertung aus Google Trends erkennen lässt.

 

Ich bin kein Fachmann für Ebola und habe mich mit den Details dieser Krankheit nicht befasst. Was aber auffällt, ist die “mediale Panik”, die wieder einmal verbreitet wird und die es schwer macht, die Risiken zu bewerten. Ein absurdes Beispiel etwa liefert Eric Lupher von einem Schiff der  Carnival Cruise, das umgedreht ist nachdem der Kapitän vermutet, an Bord könne jemand an Ebola erkrankt sein. Lupher von einer TV Station in Denver, wundert sich darüber, dass die Menschen an Bord noch so ruhig sind und locker am Buffet essen:

Was sollen sie denn sonst machen? In Panik alle potenziell erkrankten von Bord werfen?

Manche dürften sich erinnern an die EHEC-Panik oder die Informationskernschmelze zur Katastrophe in Fukushimaa. Ältere Semestern könnten aus den Geschichtsbüchern noch die Schweinegrippe oder die Angst um den Rinderwahn BSE in Erinnerung sein, deren Entwicklungen wochenlang die Schlagzeilen dominierten. Meldungen wie Creutzfeldt-Jakob bedroht mehr Menschen als angenommen sorgte für besorgtes Gruseln beim Steakessen. Irgendwann endete die Panik, und heute erinnert sich kaum einer daran.

Gemeinsam ist allen diesen Fällen, wie jetzt bei Ebola, dass plötzlich eine Übersensibilisierung stattfindet und dabei aktuelle Gefahren über- und viele andere Risiken unterschätzt werden. Wir neigen dazu, “die relative Bedeutung von Problemen danach zu beurteilen, wie leicht sie sich aus dem Gedächtnis abrufen lassen – und diese Abrufleichtigkeit wird weitgehend von dem Ausmaß der Medienberichterstattung bestimmt.” (Daniel Kahneman in: Schnelles Denken, langsames Denken, , S. 20).

Kahneman schreibt weiter

“Häufig erwähnte Themen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, während andere aus dem Bewusstsein verschwinden. Andererseits entspricht das, worüber die Medien berichten, ihrer Einschätzung dessen, was die Öffentlichkeit gegenwärtig bewegt. Es … Da das Interesse der Öffentlichkeit am leichtesten durch dramatische Ereignisse und Stars geweckt wird, sind mediale »Fressorgien« weitverbreitet.”

Kahneman erinnert daran, dass beispielsweise nach Michael Jacksons Tod mehrere Wochen lang es praktisch unmöglich war, einen Fernsehsender zu finden, der über ein anderes Thema berichtete. Andere wichtigere Themen, die weniger ergreifend sind, finden dagegen keine Beachtung.

So sind etwa die Todeszahlen von Malaria um ein Vielfaches höher als bei Ebola. Weltweit sollen 2012 630.000 Menschen an Malaria gestorben sein, das sind über 1700 pro Tag. Wer sagt, dass sei eine Tropenkrankheit, die uns gar nicht beträfe, den erinnere ich daran, dass das Deutsche Rote Kreuz schätzt, dass allein in Deutschland pro Jahr 5.000 bis 8.000 Menschen an Grippe sterben.

Immerhin fällt es mittlerweile sogar einigen Medien auf (hier dem Handelsblatt, hier der WELT und hier  ein Beispiel aus den USA) , dass wir uns bei Ebola in eine Hysterie hineinsteigern. Was gern übersehen wird, ist dass die Angst vor etwas zu höheren Schäden führen kann, als die eigentliche Ursache. So soll nach einem Bericht im Handelsblatt die Panik um den „Rinderwahnsinn“ mehr Bauern in den Selbstmord getrieben haben, als Menschen an dem Erreger starben.

Nach Berechnungen des Risikoforschers Gerd Gigerenzer kamen in Folge der Anschläge des 11. September 2001 in den USA allein 1.600 Menschen zusätzlich ums Leben, weil sie das Risiko des Fliegens vermeiden wollten und mit dem Auto fuhren (siehe dazu auch Max-Planck-Gesellschaft “Mehr Verkehrstote nach dem 11. September”.

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Quelle: Gerd Gigerenzer, Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, Pos. 311

2009/2010 hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Später stellte sich heraus, es handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Der Spiegel fragte sich 2010, wie es zu solch einer Überreaktion kommen konnte und rekonstruierte die Hysterie. Damals schrieben die Autoren u.a.

“Karrieren, ganze Institutionen und sehr viel Geld hängen daran. "Manchmal kommt es mir vor, als hätten manche geradezu Sehnsucht nach einer Pandemie", konstatiert der Grippe-Experte Tom Jefferson von der internationalen Cochrane Collaboration. "Alles, was es jetzt brauchte, um diese Maschinerie in Gang zu bringen, war ein kleines mutiertes Virus."

Kürzlich warnten IWF und Weltbank vor Schäden für die Weltwirtschaft durch Ebola. Eigentlich hätten sie davor warnen müssen, dass erst durch die Hysterie die Schäden entstehen. Diese sorgt nämlich für Verunsicherung und damit möglicherweise zum Zurückhalten von Investitionen Ebola selbst ist im Vergleich zu vielen anderen Dramen, die sich auf unserem Planeten abspielen, relativ harmlos.

Der Risikoforscher Professor Ortwin Renn hatte einmal in einemInterview mit dem Deutschlandfunk zu der Angst der Menschen vor unbekannten Krankheiten gesagt.

[“W]enn wir auch Untersuchungen mit Menschen machen, worüber haben sie Angst, was sozusagen als Bedrohung wahrgenommen wird, dann stellen wir immer wieder fest, was sie gar nicht wissen, das macht mich nicht heiß, wie man so schön sagt. Aber wenn sie den Eindruck haben, es könnte auch noch alles viel schlimmer werden, das ist eigentlich das, was sehr viel stärker Angst auslösend ist, und das hat ja auch seinen Sinn. Wenn Sie in der Evolution zurückgehen und sagen, wie sind wir mit Gefahren damals umgegangen, dann hat uns die Natur quasi mit drei Strategien ausgestattet: entweder zu fliehen, zu kämpfen oder totstellen. Das setzt aber voraus, dass man die Situation relativ eindeutig zuordnen kann. Wenn der Tiger vor mir steht, dann weiß ich, ich habe jetzt keine Zeit, lange Berechnungen zu machen, ob der Tiger nun hungrig ist oder nicht, sondern entweder bin ich sofort weg, oder mit dem Tiger nehme ich es auf, oder aber ich stelle mich tot in der Hoffnung, der Tiger merkt es nicht. Das muss sozusagen in einer Zehntelsekunde gehen. Aus dieser evolutiven Grundhaltung heraus sind wir besonders, ich sage mal, besorgt, oder es macht uns auch nervös, wenn wir die Gefahren nicht 100 Prozent richtig einschätzen können. Wir wissen, da ist eine Gefahr, aber wir haben einfach die Unsicherheit.

Denken Sie an ein zweites Beispiel: Wenn es abends ist und es ist kein Licht und Sie laufen über die Straße, haben die meisten Menschen mehr Angst als über Tag, obwohl die Kriminalität so ist, dass tagsüber sehr viel mehr passiert als in der Nacht. Aber es ist halt so: in dem Moment, wo ich das nicht richtig wahrnehmen kann, nicht richtig sehen kann, fühle ich mich einfach bedrohter.”

Abschließend empfehle ich hier noch ein Interview, das Christian Heinrich für die ZEIT mit dem Risikoforscher Ortwin Renn geführt hat: Warum wir Gefahren falsch einschätzen. Sein in diesem Jahr erschienenes Buch “Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten” liegt leider noch ungelesen auf meinem Kindl, so dass ich daraus hier etwas aus der Einleitung vortragen kann:

“Wenn wir marginale Risiken mit großem Aufwand an Zeit und Geld bekämpfen und die großen Risiken, die für uns alle eine besondere Bedrohung darstellen, aus den Augen verlieren, dann handeln wir verantwortungslos, sofern wir über diese relativen Bedrohungen Bescheid wissen. Und wir handeln fahrlässig, wenn wir das nicht wissen, aber hätten wissen können.”

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