Griechenland: Chapeau Frau Merkel. Sie zeigen den Europäern einen Ausweg.

by Udo Stähler on 9. Juni 2015

„EU-Präsident Schulz zu Tsipras: Ihr duzt euch also! [!]… Bist du etwa verliebt?“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist erschüttert. Doch, puh: „Keine Sorge: Alexis und Angela kuscheln nicht heimlich miteinander“, nebelkerzt der Gala-like-investigative Thomas Gutschker beschönigend, bevor er im Folgenden genau das behaupten wird. Die −nach Frank Schirrmacher, muss ich feststellen− zum Kampfblatt des elaborierten Stammtisches mutierende Frankfurter Allgemeine ermuntert die klugen Köpfe, ihre so definierte Leserschaft, die „kein Club von Hasardeuren und Weltverbesserern (wie eben Syriza sei)“, zu…; ja, zu was eigentlich?

Was alarmiert die FAS vom 7. Juni so? Schon der Titel der deutlich ausführlicheren und aufschlussreicheren papiernen Ausgabe macht mich stutzig, da er auf den ersten Blick im Widerspruch zur befürchteten Annäherung an Alexis Tsipras steht: MUTTI. Bereits vor Jahren hat BILD uns erklärt, was dieser Terminus im System Merkel bedeutet: Wie einst daheim bekommt man nämlich von der Mutti bei Fehlverhalten auch schon mal eine saftige Ohrfeige . . . Jetzt aber will sie „Alexis Tsipras retten“(!) Zitat FAS. Ja was denn nun, bekommt er nun eine Ohrfeige oder wird er gerettet? Oder vielleicht gerade dadurch.

Weder noch: Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die Chancen des Wandels gerade mit Tsipras. Ein Chancenmodell Griechenland spielt in den Szenarien von EU, EZB, IWF und des Finanzfinanzministeriums (BMF) keine Rolle. Die volkswirtschaftliche Doktrin dieser Institutionen kennt nur eine Richtung: Unterwerfung der staatlichen Entscheidungen unter die eigene und für allgemeingültig erklärte Logik ihres Wirtschaftsmodells; ob nun –abnehmend schrill− neoliberal, liberal, keynesianisch oder postkeynesianisch.

Die Souveränität der Kanzlerin besteht darin, dass sie nicht beim Exekutieren von Doktrinen mitsingt, sondern Tsipras als Teil der Lösung und nicht des Problems sieht. Nach Elmau kann sie dies bestätigen. Jetzt dürfen die Damen und Herren aus den Verbänden –und mir graut, wenn ich nur an die Engstirnigkeit der einschlägigen Okönomist/inn/en von BMF bis Sparkassenverband denke– mal neu denken. Die FAS ist alarmiert, weil Angela Merkel mit ihrer Denksportaufgabe auf die entscheidende Schwachstelle des bisher von EU, EZB und IWF sowie BMF erzwungenen Reformkurses zeigt. Die Konfrontation wirtschaftstheoretischer Glaubenssätze mit gesellschaftlichen Realitäten ohne demokratische Willensbildungsprozesse ist etwas für Hasardeure mit Krawatte. Hierbei spielt es keine Rolle, ob diese sog. Reformen mittelfristig für die Kapital- und Gütermärkte richtig und gut wären. Auch das könnte Angela Merkel von Gerhard Schröder gelernt haben.

Doch nicht so die Institutionen bzw. die G7-Finanzgranden. Den G7-Finanzministern bestätigte jüngst in Dresden Alberto Alesina, dass sie im Fall Reformforderungen auf dem richtigen Weg und die Griechen Claqueure seien:

Wenn du krank bist und ein Medikament dagegen nimmst, das dir nicht hilft – dann ist das Medikament doch nicht schuld daran, dass du krank bist.

Auch der Applaus von Thomas Gutschker (siehe oben: MUTTI) zu diesem kausalen Rittberger eines Harvard-Absolventen zeigt einmal mehr, dass die Frage nach der richtigen Anamnese gar nicht mehr Gegenstand der Überlegungen des „ReformMainstream“ ist. Angela Merkel hat Alexis Tsipras zugehört, statt aus dem Reform-Gebetbuch vorzulesen, wie es „institutioneller“ Standard ist. Die Anstrenungen dieses Politikers –und die Nachdenklichkeit u.a. der Amerikaner− haben sie tatsächlich nachdenklich gemacht. Hat dazu beitgetragen, dass der Mediamarkt am Stadtrand die Krise der kleinen Läden eingeleitet hat, die die Reformen besiegelte, dass von Siemens installierte und natürlich gewartete monströse Ampelschaltungen mit luxuriösen Vorschaltanlagen leere Vorstädte aufwerten oder die Steuerehrlichkeit der kleinen Kaufleute gestiegen ist? Kann dies dazu beigetragen haben dass letztlich über nicht erfüllte Auszahlungsvoraussetzungen aus dem Hilfsprogramm doch neu nachgedacht wird?

Erste Auffälligkeiten: Die Institutionen haben bemerkenswert heterogene Schwerpunkte und der IWF gewährt Zahlungsaufschub, Wolfgang Schäuble und Yanis Varoufakis müssen sich vorerst zurückhalten. Angela Merkel gab den Anstoß für einen neuen Blickwinkel; eine für Verbesserungen im unternehmerischen Wettbewerb probate Methode, neue und innovative Möglichkeiten zu erkennen. Noch sind die Meisten, allen voran Graf Lambsdorff aus dem EU-Parlament dabei, Szenarien zu lancieren, dass Griechenland den Euro verlassen müsse, damit ihm geholfen werden könne; also eine Art Beelzebub-Reservat. Alle haben nun die Chance, statt sich stereotyp weiter aufzuregen, Szenarien für ein Chancenmodell Griechenland zu entwickeln. Als ersten Schritt könnten sie sich auf ein statistisches Modell konzentrieren, zu dem es weder einen Methoden- noch einen Politikstreit gibt:

Die Staatsverschuldung ist auf 180% gestiegen, statt nach dem Plan der Institutionen auf 120% zu sinken. Die Schulden-Nachhaltigkeit eines Landes, also die Fähigkeit zur Zahlung der Zinsen für seine Schulden aus dem laufenden Einkommen des Haushaltes, der sog. Primärüberschuss, ergibt sich aus den Zinsen, der Wachstumsrate und dem Schuldenstand. Die Differenz aus Zinsen und Wachstumsrate in Relation zum Schuldenstand zeigt den erforderlichen Anteil dieses Primärüberschusses am Haushalt, um seinen Schuldendienst leisten zu können. Zinssenkende, wachstumsfördernde und schuldensenkende Maßnahmen müssen also Stellschrauben der Lösung sein. Dazu muss Griechenland den Euro nicht verlassen und auch darüber nachzudenken, hat Angela Merkel die Institutionen und das BMF aufgefordert. Dazu müssen sie aber ihre Denkschablonen verlassen.

Ein weiteres kommt hinzu. Der Protest der Griechen wird gerne als unverschämt diskreditiert. Das erleichtert, die realen Hintergründe zu ignorieren, Unverständnis über die Verweigerung von Reformmaßnahmen zu trompeten und nicht weiter über die eigenen Vorschläge nachzudenken. Auch diese Nachlässigkeiten hat Angela Merkel erschwert.

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Udo Stähler ist Diplom Volkswirt und Interim Manager, der über 25 Jahre in leitenden Funktionen im Firmen- und gewerblichen Immobilienkundengeschäft von Bankkonzernen, zuletzt bei einem Property und Asset Manager, tätig war. Er ist Partner der High Professionals, der RE² Real Estate Executives und Mitglied des VBU Verbund beratender Unternehmer e.V.

 

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