Panische Zeiten bei Europas Banken

by Karl-Heinz Thielmann on 12. Februar 2016

Gestern gab es wieder einen kleinen Crash bei europäischen Bankaktien. Anlass war, dass die französische Großbank Société Générale die Geschäftszahlen für das vierte Quartal 2015 vorgelegt hat: Sie verdiente nur 656 Millionen € anstatt wie vom Marktkonsensus erwartet 663 Millionen €. Für Rechtsrisiken wurden Rückstellungen um 400 Millionen € auf 1,7 Milliarden € erhöht. Mit einer Tier-1 Kernkapitalquote von 10,9% und Leverage Ratio von 4,0% konnte aber die Haftungskapitalausstattung deutlich verbessert werden. Wegen der Marktturbulenzen wurde zudem gesagt, dass das Renditeziel einer Eigenkapitalrendite von 10% für 2016 gefährdet ist. Diese Aussage sowie die Verfehlung der Gewinn-Erwartung um 1% führten unmittelbar zu einem Kurseinbruch von 14%, der sich bis zum Handelsschluss auf 12,6% reduzierte.

Die Zahlen und Aussagen von Société Générale erscheinen einigermaßen repräsentativ für den europäischen Bankensektor: nicht besonders brillant, aber auch nicht wirklich besorgniserregend. Die meisten Banken verdienen Geld, hiervon geht aber wiederum ein Gutteil zur Aufarbeitung der Fehler der Vergangenheit wieder drauf. Die Kapitalausstattung ist OK, könnte aber noch besser sein. Die drastischen Reaktionen am Aktienmarkt auf mäßige Zahlen reflektieren vor allem die momentane Stimmung: Panik. Denn Ängste gehen um, dass es im europäischen Bankensektor tiefer gehende Probleme gibt, und diese haben vor allem zwei Institute verursacht: Deutsche Bank und Credit Suisse.

Deutsche Bank und Credit Suisse: Sonderfälle oder repräsentativ für den Sektor?

Die Aussage, dass die Geschäftszahlen für 2015 weder brillant noch besorgniserregend sind, gilt nicht für zwei Schwergewichte des europäischen Bankensektors: Deutsche Bank und Credit Suisse. Hier gab es heftige Verluste in 2015: ca. 6,7 Mrd. € (DB) bzw. ca. 2,9 Mrd. SFR (CS). Die aktuelle Marktpanik hat ihre Ursache genau in diesen Zahlen: Vielfach wird befürchtet, dass diese Verluste erst der Anfang einer weiteren Reihe von Negativ-Meldungen sind, einerseits für die beiden Banken, anderseits für den gesamten Sektor.

Ich glaube nicht, dass die Probleme von Deutsche Bank und Credit Suisse repräsentativ für den Sektor sind. Denn beide haben ein relativ ähnliches Geschäftsmodell, das sie signifikant von den meisten anderen europäischen Finanzinstituten unterscheidet, weil es im Grunde mehr dem eines Hedgefonds als einer Bank gleicht: Es beruht relativ stark darauf, dass hoch bezahlte Investment-Banker ihren Kunden entweder überteuerte Produkte andrehen oder an den Finanzmärkten hochriskante Wetten eingehen. Werden hohe Abzock- bzw. Glückspielgewinne erzielt, gibt es hohe Boni für die Banker. Fallen hingegen Verluste an, zahlen die Aktionäre, Kunden und gelegentlich auch der Staat die Zeche. Die eigentliche Geschäftsbank hat sich für beide Banken in den vergangenen Jahrzehnten zum störenden Anhängsel entwickelt, bei dem die Führungskräfte dieser Institute nicht mehr so recht wissen, was sie mit ihm anfangen sollen.

Sowohl Deutsche Bank wie auch Credit Suisse haben sich mit John Cryan bzw. Tidjane Thiam angloamerikanisch geprägte Sanierer ins Haus geholt, die jetzt zwar das große Ausmisten angefangen haben, aber der wirklich interessanten Frage ausweichen: Was macht man langfristig mit einer Bank, bei dem das traditionelle Kundengeschäft stark zurückgedrängt wurde, weil sich inzwischen Glücksspiel mit dem Geld anderer Leute als Kerngeschäftsfeld etabliert hat?

Mit einem Verkauf der Postbank und einem Stellenabbau im Privatkundengeschäft hat zumindest John Cryan meiner Ansicht nach eindeutig den falschen Weg eingeschlagen. Tidjane Thiam bei CS hingegen setzt auf eine Stärkung des schweizerischen Bankgeschäfts sowie der Vermögensverwaltung. Allerdings lässt auch er bisher Konsequenz bei der angekündigten „Redimensionierung“ des Investmentbanking vermissen. Beiden wird vorgeworfen, dass sie ihren Mitarbeitern im kompetitiven Private Banking völlig unrealistische Wachstumsvorgaben machen – was wieder Anreize zu übermäßig riskantem Verhalten setzt. Insofern dürften sich die Krisen der beiden Institute weiter fortsetzten. Daran würde sich auch nicht ändern, wenn beide – wie mancherorts spekuliert wird – fusionieren, ganz im Gegenteil.

Ein Scheitern der bisherigen Geschäftsmodelle von Deutsche Bank und Credit Suisse kann den europäischen Bankensektor nur stärker machen

Wir stehen nicht vor einer neuen Bankenkrise, allerdings vor einer Krise eines Subsegments der Branche:  Universalbanken, die eine regional einstmals starke Geschäftsbank mit einem im globalen Maßstab zweitklassigen Investmentbanking verbinden. Ihre Entwicklungen waren in den vergangenen Jahrzehnten vor allem von der Selbstüberschätzung und Spielsucht überbezahlter Manager und Trader getrieben. Diese Institute sind längst Zombie-Banken geworden, die trotz eigentlich schon toter Geschäftsmodelle immer weiter vor sich hin wurschteln.

Hedgefonds-Kultur und Geschäftsbanken-Kultur passen nicht zusammen, zumindest wenn das Finanzgeschäft einigermaßen seriös betreiben will. Gerade die Deutsche Bank hat in den vergangenen Jahren einen „Kulturwandel“ beschworen, es aber bei Lippenbekenntnissen belassen. Denn die Kultur hängt eng mit dem Kerngeschäftsfeld zusammen: Wenn man sich von diesem (und den damit verbundenen fetten Boni) nicht konsequent verabschieden will, kann man auch nicht ernsthaft die damit verbundene Zocker-Kultur loswerden.

Einen Kulturwandel im Banking kann es nur geben, wenn bestimmte Banken ihre (für sich selbst und ihre Kunden) zerstörerischen Geschäftspraktiken entweder ganz aufgeben oder zugrunde gehen. Die Deutsche Bank und Credit Suisse sind in ihrer bisherigen Form kein Aushängeschild für die Finanzbranche. Wenn sie in den kommenden Monaten zerschlagen oder hart saniert werden, ist dies nicht zu bedauern, weil es ihre letzte Chance zum überleben ist. Wenn sie ihren Weg in den Niedergang fortsetzen, wird es eine marktwirtschaftliche Lösung geben: Andere, bessere und vor allem seriösere Konkurrenten werden ihren Platz einnehmen. Dies kann zu kurzfristigen Problemen wie z.B. der Aktienmarktpanik gestern führen, wird im Endeffekt aber nur gut für sein einen wirklich leistungsfähigen Bankensektor in Europa.

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