Nach der schwarzen Woche der Deutschen Bank: Kulturwandel und Antitransparenz im Finanzwesen

by Dirk Elsner on 17. Dezember 2012

Es ist leicht nach der schwarzen Woche für die Deutsche Bank weitere Häme über das Institut zu gießen. Ich habe da wenig Spaß dran. Genau so wenig muss das Institut freilich bedauert werden, weil es “ungerecht behandelt” (Fitschen im Interview mit dem Handelsblatt) wird.

Deutsche Bank twin towers
Foto: Flickr/borja iza | argazkiak

Für Außenstehende ist es bei der Nachrichtenschwemme und den verbreiteten Bildern schwer, sich ein klares Bild zu machen. Immerhin verhielt sich das Institut, wie sonst üblich in der Finanzbranche, nicht schmallippig und schwieg, sondern schickte am Tag nach der Demonstration der Staatsanwaltschaft ihren Co-Vorsitzenden Fitschen an die Front. Der gab dem Handelsblatt einen schon fast ungewöhnlichen Einblick in sein Gefühlsleben. Allerdings zeigen Sätze wie “Die Kommunikation mit der Staatsanwaltschaft ist von unserer Seite ausbaufähig” vor dem Hintergrund der in einem Bericht der SZ geäußerten Vorwürfe, die Bank habe 2010 Unterlagen vernichtet, den schmalen Grad, auf dem Fitschen wandelt.

Manche mögen solche Interviews wieder als ein Baustein des von der Bank angestrebten Kulturwandels interpretieren. Ich bin da zurückhaltender. Erst einmal ist es ein Beispiel für gute Öffentlichkeitsarbeit. Ob dahinter auch ein Kulturwandel steckt, ist offen. Kulturwandel ist ja nichts, was geschieht, wenn man es zweimal in Kongressreden oder Interviews verspricht und darauf hofft, dass dies jemand glaubt. Es ist außerdem nicht mehr an der Öffentlichkeit, den Banken erneut einen Vertrauensvorschuss zu gewähren, wie das Roland Berger gestern in der Bild am Sonntag forderte. Vertrauen müssen sich die Banken erst erarbeiten.

Immerhin, ist Fitschen Realist genug, wenn er feststellt, dass Kulturwandel ein mehrjähriger Prozess ist. Mehrere Jahre sind aber bereits seit 2008 vergangen. Damals nach dem Lehman-Desaster und der heißen Phase der Finanzkrise beschworen viele Spitzenbanker die Notwendigkeit eines Wandels, wenn sie sich überhaupt äußerten. Tatsächlich findet seit damals in vielen Instituten mehr oder weniger (weil durch Regulierung erzwungen) freiwillig ein Umbruch statt. Wahrgenommen wird dieser Umbruch der Finanzbranche nicht, weil

  1. diese Veränderungen nicht nur sehr zaghaft kommuniziert werden;
  2. die meisten Privat- noch Unternehmenskunden im täglichen Geschäft keinen positiven Wandel spüren;
  3. die Negativschlagzeilen über Verhaltensfehler, Straftaten und mangelnder Wandlungsbereitschaft und deutlich überwiegen.

Statt wärmender Sonnenstrahlen positiver Veränderungen hagelt ein Staccato “schlechten oder sogar kriminellen Verhaltens aus der Finanzbranche auf die Öffentlichkeit nieder (siehe Sammlung “ausgewählte Rechts- und Streitfälle”). Und längst nicht alle Aktivitäten liegen, wie das einige Banker gern sehen würden, vor der großen Finanzkrise 2008, wie etwa der UBS-Handelsskandal aus 2011 oder die riskanten Derivategeschäfte von JP Morgan in 2012.

Spricht man mit Bankern, dann ärgern sich viele über das “schiefe Bild”, das dadurch von ihrer Branche gezeichnet wird. Die Medien würden gern Skandale aufbauschen und es an sachlicher Darstellung vermissen lassen, denn mindestens 99,9% aller Aktivitäten in Banken laufen einwandfrei und halten sich an die Vorschriften. Das würde ich sogar unterschreiben. Dennoch, ein PR-Fachmann hat mir mal gesagt, es brauche 100 positiver Meldungen, um die Wirkungen einer negativen Meldungen zu egalisieren.

Manchmal frage ich, was denn das jeweils eigene Institut gegen das “schiefe Bild” tue. Da erhalte ich Schulterzucken oder Hinweise auf die jeweilige Pressearbeit. Die Pressearbeit der Banken reagiert aber gerade bei negativen Ereignissen – wenn überhaupt – zu spät und spült öffentliche Vorwürfe in einer Old-School-Weise weich, dass viele Pres­se­kom­mu­ni­qués bestenfalls als Satire taugen.

Viele Banken wissen, dass sie eigentlich offener, transparenter und vor allem authentischer kommunizieren müssten, um wenigstens etwas Vertrauen zurück zu gewinnen. Das Dilemma ist nur, dass zu große Transparenz gerade in kritischen Fällen massiv die Interessen einer Bank schädigen könnte (siehe auch: Warum Banken Informationsasymmetrie nicht abbauen wollen).

Man kann nicht bei strafrechtlichen Ermittlungen die Details der eigenen Verteidigungsstrategie offen legen, weil dies etwa Staatsanwälte dankbar als Vorlage für ihre Anklagestrategie verwenden könnten. Geht es um Vorwürfe, wie Marktmanipulationen, dann kann allzu beherzte Transparenz über die Verfehlungen eigener Mitarbeiter, den Anreiz für zivilrechtliche Klagen gegen die Bank erhöhen. Außerdem gerät das Management noch stärker unter Beschuss und könnte sich persönlichen Klagerisiken aussetzen. Das macht kein Manager freiwillig.

Und wenn man Schieflagen in den eigenen Anlage- oder Handelsportfolien hat, dann schweigen Banken erst recht. Gerade auf den Kapitalmärkten wittern die Haie jeden Schwäche signalisierenden Blutstropfen. Wie etwa im Fall der Wal-Geschäfte von JP Morgan hoffen sie auf einen dicken Batzen Fleisch, wenn schief liegende Positionen unter Wert aufgelöst werden müssen.

Madeleine Nissen schrieb letzte Woche auf Wall Street Journal Deutschlandvom “geplatzten Kulturwandel” bei der Deutschen Bank. Ich glaube, dieser Kulturwandel hat bisher gar nicht begonnen. Vor wenigen Wochen, so schreibt die ZEIT, “warb Fitschen auf einer Konferenz in Hamburg für das neue Selbstverständnis seines Unternehmens. Die Bank wolle Partner der Gesellschaft und Realwirtschaft sein, sagte er da, und: Auch Bankmanager wollten stolz sein auf ihre Arbeit. Man nahm ihm ohne Weiteres ab, dass es ihm damit ernst war.” Ich bin mir aber nicht sicher, ob man derzeit in der Taunusanlage und in anderen Instituten genau weiß, wie man einen solchen Wandel überhaupt gestalten sollte. Das Reden darüber wird ziemlich schnell als substanzloses Gebläse interpretiert, wenn die Sender der Botschaften solche wohlklingenden Ankündigungen nicht mit entsprechenden Handlungen untermauern.

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