Warum ich den Begriff "künstliche Intelligenz" nicht mag

by Dirk Elsner on 11. April 2016

Mitte März habe ich hier eine kleine Reise zur Künstlichen Intelligenz (KI) unternommen und vergangene Woche über die überzogenen Erwartungen an die KI-Technologie aus den 90er Jahren für die 2000er Jahre gepostet. Ich finde das KI-Thema hochinteressant, mag aber die Bezeichnung “künstliche Intelligenz” nicht.

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Quelle der Abbildung: David G. Myers, Psychologie, 3. Aufl., S. 69

Nick Bostrom schreibt in seinem Buch “Superintelligenz”

“Mit Maschinen, die dem Menschen an allgemeiner Intelligenz gleichkommen– die also über gesunden Menschenverstand ebenso verfügen wie über die Fähigkeit zu lernen, zu schlussfolgern und zu planen, um komplexe Herausforderungen in einer Vielzahl von natürlichen und abstrakten Bereichen zu meistern–, wurde seit der Erfindung des Computers in den 1940er Jahren gerechnet.”

Ich glaube nicht, dass wie auch immer konstruierten Maschinen einen Menschen simulieren können. Ich hatte dazu in dem ersten Beitrag geschrieben, wenn man einen Menschen simulieren will, dann müsste man ihn und vor allem die Funktionsweise seines Gehirns genau verstehen. Davon sind Wissenschaftler weit entfernt, was nicht heißt, dass sie nichts darüber wissen.

Am Wochenende arbeitete ich mich für meine Beitragsreihe “Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie” durch das 2. Kapital von David G. Myers Lehrbuch Psychologie. In Kapital 2 geht es um Neurowissenschaft und Verhalten, ein ausgesprochen lesenswerter und verständlich geschriebener Abschnitt, der übrigens einmal mehr deutlich macht, wie sehr Psychologen daran interessiert sind, ihre Wurzeln in der Naturwissenschaft zu suchen (nur Ökonomen scheinen zu glauben, dass sie das nicht brauchen). Faszinierend, er schafft es in seinem Absatz zu beschreiben was uns Menschen ausmacht:

Jeder von uns ist ein System, das aus Subsystemen besteht, die wiederum aus anderen, noch kleineren Subsystemen bestehen. Kleine Zellen organisieren sich zu Organen wie dem Magen, dem Herz und dem Gehirn. Diese Organe wiederum bilden ein System, das Verdauung, Durchblutung und Informationsverarbeitung erst möglich macht. Und auch diese Prozesse sind Teil eines noch größeren Systems – das Individuum, das seinerseits Teil einer Familie, einer Kultur und einer Gemeinschaft ist. Jeder von uns ist ein biopsychosoziales System. Um das menschliche Verhalten verstehen zu können, müssen wir also untersuchen, wie diese biologischen, psychologischen und soziokulturellen Systeme funktionieren und interagieren.”

Wenn diese Einführung liest, erhält man einen groben Eindruck darüber, aus welchen komplexen elektrochemischen Reaktionen unser Verhalten beeinflusst wird. Er erklärt in diesem Abschnitt auch neuronaler Netze. Sie gehören quasi zum Informationssystem unseres Körpers, das aus Milliarden von miteinander verbundenen Zellen, den Neuronen, aufgebaut ist. Die Netze können durch Erfahrung lernen, da die Verbindungen, die zu bestimmten Ergebnissen führen, durch Rückkopplung verstärkt oder geschwächt werden. Das sind genau die Funktionen, die man mit Hilfe künstlicher neuronaler Netze simulieren will. In neuronalen Netzen haben sich Neuronen (= Nervenzellen, also die Grundbausteine unseres Nervensystems) zusammengeschlossen. Myers veranschaulicht das in eingangs eingefügten Grafik und schreibt dazu:

“Neurone bauen Netzwerke mit benachbarten Neuronen auf. In diese Netze aus miteinander verbundenen Nervenzellen ist Ihre eigene Identität und die Wahrnehmung Ihres Selbst mit eingewebt, die sich über die Jahre hinweg erweitert. … In dem Maße, in dem durch Rückkopplung die Verbindungen, die bestimmte Ergebnisse hervorbringen, verstärkt werden, kommt es zu Lernprozessen.”

Mit Computermodellen wird nun versucht, solche neuronalen Netze zu simulieren, “komplett mit erregenden und hemmenden Verbindungen, die durch Erfahrung verstärkt werden.”

Weiter erklärt Myers in dem Abschnitt die Grundlagen elektrochemischen Informationssystem des Körpers, das Zusammenspiel mit dem endokrinen System und dem Gehirn. Das endokrine System ist chemisches Kommunikationssystem in unserem Körper und beeinflusst neben dem Nervensystem maßgeblich unser Verhalten. Am Ende des Abschnitts hält er fest, dass es ein langer Weg bis zur heutigen Neurowissenschaft war und trotzdem das, was wir nicht wissen, noch immer unser Wissen in den Schatten stelle. Er schreibt weiter:

Wir können das Gehirn beschreiben. Und wir können versuchen, zu verstehen, wie die einzelnen Teile miteinander kommunizieren. Aber wie kann unser Geist aus diesem Zellhaufen entstehen? Wie kann ein elektrochemisches Aufleuchten in einem Knäuel von der Größe eines Kopfsalats zu einer kreativen Idee, zur freudigen Erregung vor dem Geburtstag und zur Erinnerung an unsere Großmutter führen?”

Und dann folgt das Zitat, dass ich gestern schon auf Twitter postete:

Der Geist versucht, das Gehirn zu verstehen; dies ist in der Tat eine der größten Herausforderungen der Wissenschaft. Und das wird immer so sein. Um es mit den Worten des Kosmologen John Barrow zu sagen: Ein Gehirn, das so einfach ist, dass man es verstehen kann, ist zu einfach, um einen Verstand hervorzubringen, der es versteht.” (S. 98, Unterstreichung durch mich).

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