Warum verhaltenswissenschaftliche Ansätze für die Ökonomie und Wirtschaftspraxis von Bedeutung sind

by Dirk Elsner on 9. September 2008

Der Rückgriff auf verhaltenswissenschaftliche Ansätze ist unter Ökonomen heftig umstritten[1]. Stellvertretend für den noch relativ jungen Ansatz hat Robert J. Shiller bereits vor Jahren davon gesprochen, dass in der Finanzmarktökonomik sich ein Paradigmenwechsel abzeichnet. Das neue Paradigma besitzt bereits einen Namen: Behavioral Economics[2].

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass zahlreiche Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre das neoklassische Menschenbild der Ökonomen systematisch in Frage stellen. Inspiriert durch Erkenntnisse der kognitiven Psychologie und der  Sozialpsychologie, hat in den Wirtschaftswissenschaften eine Entwicklung eingesetzt, die in dieser Disziplin zu den grundlegendsten Umwälzungen seit Jahrzehnten führen könnte[3].

Gegenstand der Psychologie ist nach Zimbardo das Verhalten, Erleben und Bewusstsein des Menschen, deren Entwicklung über die Lebensspanne und deren innere (im Individuum angesiedelte) und äußere (in der Umwelt lokalisierte) Bedingungen und Ursachen[4]. Es wirk daher arrogant, diese Wissenschaft zu ignorieren und auf diese Erkenntnisse zu verzichten. Allerdings, so machen Homann und Suchanek deutlich, liegt der Fokus der Ökonomik nicht auf der Erforschung der Eigenschaften der Menschen. Sie braucht für ihr Forschungsprogramm keine umfassende oder auch nur ausgebaute Theorie „des Menschen“. Mit dieser Aussage wird allerdings nicht ausgeschlossen, dass die Ökonomik nicht von Erkenntnissen etwas der Psychologie profitieren könnte[5].

Nicht vergessen werden sollte, schon viele Ökonomen haben sich mit Psychologie beschäftigt. John Maynard Keynes hat in der «Allgemeinen Theorie» psychologische Kategorien wie Motive, Erwartungen oder Unsicherheit verwendet; Friedrich August von Hayek, der in jungen Jahren zwischen dem Studium der Psychologie und jenem der Ökonomie geschwankt hatte, hat mit «The Sensory Order» ein ganzes Buch  zu psychologischen und erkenntnistheoretischen Fragen geschrieben; und in der Schweiz hat Walter Adolf Jöhr mit der Lehre vom sozialpsychologischen Kernprozess einen originellen Beitrag zur Konjunkturforschung geleistet[6].

Döring weißt darauf hin, dass gerade die Neue Institutionenökonomik die mikroökonomische Theorie um individuelles Verhalten erweitert[7]. Er kritisiert aber auch das dort zugrunde gelegte Menschenbild und beurteilt die aus seiner Sicht offensichtlich unrealistischen Verhaltensannahmen als grundsätzlich negativ[8]. Will man in den Sozialwissenschaften und insbesondere im ökonomischen Bereich realwissenschaftliche Tatbestände erklären, auch um auf dieser Grundlage aussagekräftige Prognosen zu entwickeln, muss man möglichst fundierte Aussagen über menschliches Verhalten zugrunde legen. Solche Aussagen sind ehesten im Bereich der Psychologie zu finden, denn diese beschäftigt sich als Wissenschaft mit der Beschreibung, Erklärung und Vorhersage des Verhaltens[9].

Die Lebenspraxis zeigt, dass es im Wirtschaftsleben häufig eher nach psychologischen Kategorien als nach ökonomischen Maßstäben zugeht. Das ökonomische Weltbild ist kein vollständiges Abbild der Realität. Das zeigen ausgerechnet Forschungen über die Märkte, denen die größte Nähe zu den „perfekten“ Modellmärkten der Ökonomen nachgesagt werden: den Finanzmärkten. In der Erforschung der Finanzmärkte hat sich eine Richtung herausgebildet, die als „Behavioral Finance“ bezeichnet wird. Die Behavioral-Finance-Theoretiker greifen neue Erkenntnisse aus der Psychologie auf, um das Anlegerverhalten und andere Phänomene in den Kapitalmärkten zu erklären[10].

Die Vertreter der Behavioral Finance vertreten explizit den Standpunkt, dass die Abweichungen von dem Standardmodell des „Homo Oeconomicus“, die „Anomalien“, so bedeutsam seien, dass psychologische Erkenntnisse stärker genutzt und Modelle begrenzter Rationalität weiterentwickelt werden müssten[11]. Erkenntnisse über das menschliche Verhalten aus der Psychologie, der Soziologie und der Anthropologie helfen nach Auffassung der Vertreter dieser Richtung, das Verhalten an Finanzmärkten besser zu erklären[12].

Im Prinzip hören die Psychologen dort auf, wo die Ökonomen anfangen. So strukturieren Homan/Suchanek die Interaktionsprobleme, die beim Gütertausch entstehen in Informations- und Anreizprobleme. In den Anreizproblemen spiegeln sich die konfligierenden Interessen der Akteure. Unter Anreizen verstehen sie verhaltensbestimmende Vorteilserwartungen. Umgangssprachlich geht es Homann/Suchanek um „Interessen“, „Motive“, „Ziele“, die das Verhalten von Interaktionspartnern bestimmen. Dabei unterstellt die Ökonomik, dass die Akteure auf ihren eigenen Vorteil aus sind, was immer sie selbst in ihrer jeweiligen Situation als ihren Vorteil ansehen[13]. Ich ersetze den Ausdruck umgangssprachlich durch psychologisch und schon haben wir die Schnittstelle zur Verhaltenswissenschaft.

G. Kirchgässner nimmt in seinem Buch „Homo Oeconomicus“ eine vermittelnde Position ein. Nach seiner Auffassung ist es sicher zulässig, die ökonomische Theoriebildung mit den Erkenntnissen der Psychologie zu vergleichen, denn schließlich pflegen die Ökonomen das, was sie nicht zu erklären vermögen, gerne in den Bereich der Psychologie zu verweisen. Die gilt insbesondere für Fragen nach der Entstehung und Veränderung von Präferenzen. Bei genauer Betrachtung der Psychologie und insbesondere der Sozialpsychologie zeigt sich jedoch, dass der Homo Oeconomicus, dessen Verhalten systematisch durch Anreize bestimmt und voraussagbar ist, nicht im Widerspruch zur psychologischen Betrachtung steht. Im Gegenteil: das psychologische Verhaltensmodell ist durchaus mit der Interpretation des Homo Oeconomicus vergleichbar. Das ökonomische und sozialpsychologische Modell menschlichen Verhaltens haben eine ganz ähnliche Struktur, die auf ein ähnliches Menschenbild zurückgeht[14].

Nach meiner Auffassung lässt sich das Verhalten des Individuums in der betrieblichen Praxis erst mit verhaltenswissenschaftlicher Fundierung befriedigend erklären. Zwar reicht es m. E. häufig aus, wenn zur Erklärung bestimmter Sachverhalte die Verhaltensannahmen der Neuen Institutionenökonomik unterstellt werden. Für die Mikrosteuerung von Maßnahmen des Managements kann es jedoch notwendig werden, zu verstehen, was das Verhalten, das subjektive Nutzenempfinden eines Individuum beeinflusst, was ihn motiviert etwas auf eine bestimmte Art und Weise zu tun bzw. etwas nicht zu tun.

Damit hängt es letztlich von der Zielsetzung der Fragestellung ab. Geht es beispielsweise in Fusionsverhandlungen darum, zu entscheiden auf welche Personen Kompetenzen verteilt werden, darf m. E. erwartet werden, dass keine bereits ist freiwillig Kompetenzen und damit Macht und eventuell pekuniäre Nachteile in Kauf zu nehmen. Zwar können einzelne Mitarbeiter von diesem erwarteten Verhalten abweichen, eine Mikroanalyse jedes Betroffenen würde jedoch Zeit und Kosten verursachen. Übersteigen die erwarteten Kosten den erwarteten Nutzen dieses Informationsgewinns, dann wäre diese ansonsten sinnvolle Mikroanalyse ökonomisch nicht rational.

Im Mittelpunkt steht das Verhalten in der Wirtschaftspraxis stehen. Ziel soll es dabei sein, das Verhalten erklären und möglichst vorhersagen zu können[15]. Das Verhalten in der betrieblichen Praxis umfasst mehr als das rein ökonomische Verhalten. Gleichwohl erscheint es notwendig, auch das ökonomisch „richtige“ Verhalten zu kennen, weil erst über die Feststellung von Abweichungen zum ökonomischen Verhalten an fruchtbaren Erklärungsansätzen gearbeitet werden kann.

Von einer Erklärung sprechen Psychologen, wenn sich die Bedingungen oder sogar die Ursachen aufweisen lassen, die ein Phänomen hervorgebracht haben[16]. Klar dürfte dabei sein, dass es die allumfassende Theorie nicht gibt, die das menschliche Verhalten in seiner ganzen Vielfalt und Komplexität erklären könnte[17]. Wir können uns daher der Erklärung von Verhalten und Handeln nur mit Hilfe von Erklärungen und Hypothesen annähern.

Als weitere Zielsetzung der Psychologie nennen Zimbardo/Gerrig die Kontrolle von Verhalten[18]. Auch diese ist natürlich reizvoll. Ob dies tatsächlich gelingen kann, lasse ich hier offen.

Endnoten


[1] Vgl. dazu ZfbF Sonderheft, S. 48 f., S. 62, W. Stähle, Management, 8. überarb. Aufl. 1999, Teil 1; H. Döring, Kritische Analyse der Leistungsfähigkeit des Transaktionskostenansatzes, Göttingen 1999.

[2] R. J. Shiller, Paradigmenwechsel in der Finanzmarktforschung Marktanomalien als Ausgangspunkt eines neuen Theoriegebäudes, in:  Neue Zürcher Zeitung,  28. Juli 2001

[3] E. Fehr, Über Vernunft, Wille und Eigennutz hinaus: Ansätze zu einer neuen Synthese von Psychologie und Ökonomie, in: Neue Zürcher Zeitung, 28. April 2001,

[4] P. G. Zimbardo u. R. J. Gerrig, Psychologie, 7., neu übers. u. bearb. Aufl. Berlin 1999, S. 2.

[5] K. Homann u. A. Suchanek, Ökonomik, Tübingen 2000, S. 427.

[6] O. V., Psychologische Grundlagen der Ökonomie: Recht auf Unvernunft, in: Neue Zürcher Zeitung, 25. August 2001, http://www.nzz.ch/dossiers/2001/psycho_oekonomie/2001.08.25-wi-article7LJL9.html

[7] H. Döring, Kritische Analyse der Leistungsfähigkeit des Transaktionskostenansatzes, Göttingen 1999, S. 10.

[8] ausführlich dazu H. Döring, Kritische Analyse der Leistungsfähigkeit des Transaktionskostenansatzes, Göttingen 1999, S. 70 ff. Eine wie ich finde klarstellende Darstellung des Menschenbildes im Rahmen der Methodologie der Ökonomik ist bei K. Homann u. A. Suchanek, Ökonomik, Tübingen 2000, S. 414 ff und insbesondere 426 ff. zu finden.

[9] H. Döring, Kritische Analyse der Leistungsfähigkeit des Transaktionskostenansatzes, Göttingen 1999, S. 76.

[10] M. Weber et al., Behavioral Finance Idee und Überblick, Bd. 0 aus der Reihe Behavioral Finance Group „Forschung für die Praxis“, Universität Mannheim 1999, S. 6.

[11] K. Rudzio, Verflixte Psyche, Die Zeit 1999 Nr. 41; www.ZEIT.de/tag/aktuell/199941.anlegerfehler_.html; vgl. auch M. Weber et al., Behavioral Finance Idee und Überblick, Bd. 0 aus der Reihe Behavioral Finance Group „Forschung für die Praxis“, Universität Mannheim 1999.

[12] Vgl. den Übersichtsaufsatz von R. J. Shiller, Human Behavior and the Efficiency of the Financial System, 1997; http://www.econ.yale.edu/~shiller/handbook.html In Deutschland befasst sich die Behavioral Finance Group an der Universität Mannheim mit dem Thema und sucht den Austausch mit der Praxis http://www.behavioral-finance.de In Deutschland befasste sich ein Sammelband bereits 1990 ausführlich mit psychologischen Fragenstellungen im Zusammenhang mit Börsen; P. Maas u. J. Weibler (Hrsg.), Börse und Psychologie, Köln 1990.

[13] K. Homann u. A. Suchanek, Ökonomik, Tübingen 2000, S. 9.

[14] G. Kirchgässner, Homo Oeconomicus, 2., erg. U. erw. Aufl. Tübingen 2000, S. 30.

[15] Gegenstand der Psychologie ist auch das Beschreiben, also das Sammeln relevanter Daten über das Verhalten (einschließlich Erleben und Bewusstsein) und die Bedingungen, unter denen es auftritt; P. G. Zimbardo u. R. J. Gerrig, Psychologie, 7., neu übers. u. bearb. Aufl. Berlin 1999, S. 2. Diesen Gegenstand der Psychologie lasse ich in diesem Skript unbeachtet.

[16] P. G. Zimbardo u. R. J. Gerrig, Psychologie, 7., neu übers. u. bearb. Aufl. Berlin 1999, S. 3.

[17] P. G. Zimbardo u. R. J. Gerrig, Psychologie, 7., neu übers. u. bearb. Aufl. Berlin 1999, S. 9.

[18] P. G. Zimbardo u. R. J. Gerrig, Psychologie, 7., neu übers. u. bearb. Aufl. Berlin 1999, S. 6.

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