Für unser Hirn gilt: Geld = Sex = Drogen = Gier

by Dirk Elsner on 2. Dezember 2008

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Hirnregionen und Verbindungen

Zugegeben, die Überschrift klingt etwas reißerisch. Dennoch werden wir im Laufe dieses Beitrags sehen, dass der Titel keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Anlass der Betrachtung ist einmal mehr die internationale Finanzkrise. Sie zeigt, so wird vielfach vermutet, die fatalen Auswirkungen der menschlichen Geldgier.

Hirnforscher und Psychologen haben sich bereits an die Arbeit gemacht, Erklärungen zu finden. Wenn Neurobiologen auf Psychotherapeuten treffen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Neurobiologen erklären, dass das Seelische nur eine elektrische oder chemische Reaktion des Gehirns ist. Oder die Psychotherapeuten behaupten, dass das Eigentliche der Seele nicht in der Materie des Gehirns zu finden sei.

Geld ist es eine Art Joker, ein Platzhalter für persönliche Bedürfnisse, Sehnsüchte und Instinkte. Im Unterschied beispielsweise zu Nahrung und Sex befriedigt uns Kapitalvermögen zwar nicht unmittelbar, doch es lässt sich in vieles verwandeln, was Menschen begehren – seien es nun Schuhe, Autos, Macht oder Anerkennung. Psychologen bezeichnen Geld daher auch als »Sekundärverstärker«.

Gewinne schaffen Lust aber …

Brian Knutson, Professor für Neurologie und Psychologie an der kalifornischen Stanford University entdeckte 2004, dass unser Gehirn nach Geld giert, genauso wie nach Sex: Bei einem Orgasmus, einem Stimmungshoch durch Kokain oder dem Adrenalinstoß, eine Aktie günstig zu kaufen, sind jeweils die gleichen neuronalen Netzströme aktiv.

Neurobiologen erforschen, „wie das Gehirn die Seele macht“. Eine zugespitzte Formulierung, aber es gibt eine Fülle von Beispielen, die zeigen, dass die Neurochemie des Zellgeschehens im Gehirn die Grundlage für dessen Arbeit ist. In Millisekunden tauschen sich Ionen aus, laden und entladen sich Spannungen, die heute exakt messbar sind. Wer die elektrisch oder chemisch ausgelösten Reaktionen kennt, kann sie auch herstellen.  Man kann zeigen, dass Wünsche in unbewussten Regionen des Gehirns entstanden sind, bevor das „Ich“ sie ins Bewusstsein übernimmt.

Knutson kam zu seinen Schlüssen aufgrund von Gehirnstrommessungen, nachdem er in einem freiwilligen Versuch Studenten an Kernspintomographen angeschlossen hatte. In dem Teil des Gehirns, in dem erfreuliche Gefühle angesiedelt sind, pulsierte das Blut, als die Studenten Aktien- und Anleihegeschäfte durchführten. Auf Knutsons Radarschirm leuchtete diese Region des Gehirns, in dem der Kern der menschlichen Begierde sitzt, auf.

Hirnforscher haben noch andere bizarre Wechselwirkungen zwischen Geld und Mensch entdeckt. So bringen zum Beispiel Rabatte Hirnareale in Wallung, die auch von Kokain angesprochen werden. Gratis-Angebote können gar rauschartige Zustände auslösen.  In Experimenten schrecken Menschen vor einem Münzwurf-Spiel zurück, auch wenn sie mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit 1,50 Dollar gewinnen und nur einen Dollar verlieren können. Logisch gesehen ist das ein Fehler, den Menschen vermeiden, deren Angstzentrum im Gehirn beschädigt ist.

Die Impulse von erfreulich verlaufenden Geschäften können so stark sein, daß der Teil des Gehirns, wo der rationale Verstand angesiedelt ist, das Nachsehen hat. Forscher des Nationalen Instituts für Alkohol-Abusus und Alkoholismus (NIAAA) in den USA sind der Überzeugung, dass positive Erwartungen ein bestimmtes Zentrum im Gehirn aktivieren. Dabei ist völlig gleichgültig, ob die „Belohnung“ danach mit Drogen oder mit Geld erfolgt.

Nucleus accumbens heißt der Suchtknubbel im Kopf. Tierversuche belegen, dass er bei der Selbstbedienung mit Alkohol oder Drogen aktiv wird. Hirnforscher des NIAAA und der Harvard University konnten nun zeigen, dass der Nucleus accumbens ebenfalls aktiv wird, wenn Versuchspersonen um echtes Geld spielen. Je höher der erwartete Gewinn (null, zwei, ein oder fünf Dollar), desto gereizter der Knubbel. Verloren die Spieler, blieb ihr Nucleus accumbens stumm, dafür reagierte eine benachbarte Hirnregion gereizt. Positive und negative Gefühle, so schließen die Forscher, laufen über verschiedene Schaltkreise im Kopf.

Weitere Experimente aus der Neurofinanzwissenschaft zeigen: Es ist vor allem die Aussicht auf einen monetären Gewinn, die das Belohnungsnetzwerk anregt. Je höher die Summe, die auf dem Spiel steht, umso aktiver sind dort die Nervenzellen. Offenbar ist die Gier aufs Geld stärker ins Gehirn einprogrammiert als das Geld selbst. Und je mehr es zu holen gibt, desto größer die Gier. Stecken die Scheine erst einmal im Portemonnaie, übernehmen höher entwickelte Hirnregionen das Zepter – etwa der präfrontale Kortex, der als der Sitz der Vernunft gilt.

Wenn Menschen Geld verlieren, passiert im Gehirn genau das gleiche wie bei Angst und körperlichen Schmerzen. Das haben britische Forscher um Ben Seymour vom Wellcome Trust Centre for Neuroimaging in London festgestellt.  Sie haben die Gehirnaktivitäten bei Probanden beim Glückspiel beobachtet. Der Teil des Gehirns, der bei der Aussicht auf einen eventuellen Gewinn aktiv wird, heißt Striatum. Er ist ein Teil der Basalganglien, die zum Großhirn gehören. Das Corpus striatum bildet die Eingangsstation der Basalganglien und ist Bestandteil bedeutsamer neuronaler Regelkreise, die einen elementaren funktionellen Stellenwert für den frontalen Teil des Gehirns haben. In dieser Region werden Motivation, Emotion und Kognition koordiniert. Die Magnetresonanztomografien der Probanden haben dabei deutlich gezeigt, dass das Gehirn bei einem drohenden finanziellen Verlust anders reagiert als etwa bei einem möglichen Gewinn. Dabei wurden auch andere Aktivitäten festgestellt: Die vorderen Regionen werden bei eventuellen Gewinnen aktiv, die hinteren bei drohenden Verlusten.

… Geld macht nicht glücklich und …

Allerdings ist unsere intuitive Gier nach immer mehr Geld aus Sicht des Psychologen Aron Ahuvia  von der University of Michigan-Dearborn eigentlich widersinnig. 2008 veröffentlichte er eine Überblicksstudie, die dem Zusammenhang von Geld und Lebenszufriedenheit in zahlreichen vorherigen Untersuchungen nachging. Ergebnis: Die meisten Menschen streben nach mehr Wohlstand, obwohl ein größeres Vermögen
ihr psychisches Befinden in Wirklichkeit nicht verbessert. Auch statistische Analysen zeigen, dass Reichtum
für das persönliche Lebensglück zumindest in Westeuropa kaum eine Rolle spielt. Die Zufriedenheit eines Durchschnittsverdieners in einem Land wie Deutschland oder Dänemark schwankt zwar – es lassen sich aber nur fünf Prozent der Abweichungen vom mittleren Glücksniveau durch den Faktor »Geld« erklären. Mit anderen Worten: Zu 95 Prozent hängen Lebensfreude und -sinn nicht vom schnöden Mammon ab.

Sind unsere grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung und ein Dach über dem Kopf also erst einmal befriedigt, verpufft die beglückende Wirkung des Geldes – nicht aber das Verlangen danach. In puncto  Lebenszufriedenheit ist es demnach gleichgültig, ob wir 4000 Euro im Monat verdienen oder 40 000.

… Verluste verursachen Schmerzen

Das Gehirn könne demnach den drohenden Schmerz sogar vorhersagen und das Verhalten entsprechend steuern, um den Schmerz zu verhindern, mutmaßen die Wissenschaftler. Offensichtlich spielen bei der Einschätzung der Situation bereits gemachte Erfahrungen eine wesentliche Rolle. „Die von uns gemachten Erkenntnisse spiegeln auch jene wieder, die in Gehirnen von Mäusen aufgetreten sind“, meint der Forscher. Dabei wurde deutlich, dass finanzielle Verluste im Gehirn sich genau dort abspielen, wo auch die Wahrnehmung von Schmerzen und Leiden liegt.

Dann kommt jener Bereich der Neuroökonomie ins Spiel, mit dem sich Peter Bossaerts beschäftigt: Die Risikoabschätzung. „Das Risiko beeinflusst Investmententscheidungen in entgegengesetzter Weise zur erwarteten Belohnung“, sagt der gebürtige Belgier. „Obwohl Menschen dafür bezahlen, den möglichen Gewinn zu maximieren, zahlen sie auch dafür, die Risiken zu minimieren.“

Schätzten Probanden in Untersuchungen Risiken falsch ein, ging das mit einer frühzeitigen Aktivierung der anterioren Insula einher. Dort werden Emotionen integriert und zum präfrontalen Kortex geschickt – jenem Teil des Gehirns, der Handlungsentscheidungen fällt. „Emotionen beeinflussen die Risikoabschätzung – und aus Sicht der Evolution ist das auch sinnvoll“, sagt Bossaerts. „Angst ist kein schlechter Ratgeber, wenn man einen Dschungel durchstreift, in dem es Tiger gibt.“ Doch an den Aktienmärkten erweise sich diese Verbindung mitunter als fatal. Wegen des Angstreflexes würden Anleger auf Verluste überreagieren, anstatt das Risiko nüchtern abzuwägen.

Den Hauptgrund dafür, dass unser Verstand beim Geld oft aussetzt, sieht Bossaerts aber darin, dass finanzielle Risiken extrem schwer vorherzusagen sind. Risiken folgen der berühmten Gauß’schen Normalverteilung: Starke Ausschläge von der Norm sind die Ausnahme. Anders als in der Natur ist an Börsen das Risiko nicht normalverteilt. Würde man die Gaußkurve auf die Akteinmärkte übertragen, dann dürften extreme Ausschlage wie im Moment so gut wie nie vorkommen. Tatsächlich gibt es aber alle zehn Jahre einen größeren Crash.

Aussicht auf Reichtum übertüncht die Angst vor Armut

Hirnforscher sind davon überzeugt, dass ein besonders hohes Risiko die Vorstellung eines möglichen Gewinns zusätzlich versüßt: Die Aussicht auf Reichtum übertüncht die Angst vor Armut. Verantwortlich für dieses an sich irrationale Denken sei ein »Antizipationsschaltkreis« im Gehirn, wie Brian Knutson von der kalifornischen Stanford University kürzlich herausfand.  2008 wertete der Neurowissenschaftler in
einer Übersichtsstudie 21 experimentelle Untersuchungen über die neuronalen Mechanismen des Geldeinnehmens und -verlierens aus.

Dabei zeigte sich, dass die Erwartung eines finanziellen Gewinns die Nervenzellen im Nucleus accumbens stärker aktiviert als ein tatsächlich erhaltener Geldbetrag. Diese Hirnregion ist Teil des Belohnungssystems und liegt tief hinter den Augen an der Rückseite des Frontallappens. Ein ähnlicher Effekt ließ sich auch in anderen Hirnregionen nachweisen, etwa in der Insula oder im zentral gelegenen Thalamus. Das Emotionszentrum Amygdala fällt hingegen aus der Reihe: Es reagiert auf finanzielle Einnahmen stärker als bei bloßen Gewinnerwartungen.

Insgesamt ruft laut Knutson die Aussicht auf Vermögen ein deutlich größeres neuronales Feuerwerk hervor als der reale Besitz. Die erhöhte Neuronenaktivität geht dem Forscher zufolge mit einer gesteigerten physiologischen Erregung einher, die wiederum unsere Handlungsbereitschaft steigert. Die Erkenntnisse Knutsons widersprechen allerdings den Überzeugungen vieler Forscher. So meinte der Psychologe Daniel Kahneman, Verlusterfahrungen würden nachhaltiger wirken als tatsächliche oder erwartete Gewinne.

Fazit

Psychologie und Neuroökonomie mögen so die Gründe der Finanzkrise aufhellen, die mit Gier zusammenhängen. Ob die  Erkenntnisse helfen, künftige Krisen zu verhindern ist allerdings zweifelhaft. Die die Gier ansprechenden Hirnzentren dürften sich wohl kaum massenhaft durch Medikamente lahm legen lassen.

Da die hier aus verschiedenen Beiträgen zusammen gefassten Erkenntnisse aber generell für Menschen gelten, folgt aus den Beiträgen der Hirnforschung auch, dass man mit einer einseitigen Schuldzuweisung auf bestimmte Personengruppen im Prinzip zu kurz springt. Die Hirnfunktionen von Investmentbankern, Hedge-Fonds-Managern und Bankvorständen werden nicht grundlegend von denen anderer Menschen abweichen. Der einzige Unterschied ist, dass diese Gruppen durch ihre Instrumente auch die Gelegenheit hatten, ihre Gier auszutoben, während die große Mehrheit der Menschen diese Möglichkeit nicht hat, dafür aber unter den Folgen leidet.

Quellen und Literatur für diesen Beitrag

Badische Zeitung v.2.5.01: Joachim Rogosch, Wie die Psyche das Gehirn baut

FAZ: Neurofinanzwissenschaften Sex, Geld, Gier und Hirnströme

Nikolas Westerhoff, Hauptsache: MEHR! in Geist und Gehirn 12/2008:

Handelsblatt: Was Geld im Gehirn anrichtet

Markus Pitzke, Warum die meisten Investoren dumm sind, Spiegel Online v. 1.10.2007

Süddeutsche: Rabatt im Hirn

Welt: Warum Geld verlieren weh tut

Zeit: Suchtknubbel im Kopf


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