Europäischer Profifußball verteidigt sich gegen Finanzkrise

by Dirk Elsner on 5. Dezember 2008

Manchester City Centre

Manchester City Centre: An diesem Verein geht die Finanzkrise bisher vorbei

Die Finanzkrise hat bereits vor einigen Wochen ihre Offensive gegen den europäischen Profifußball begonnen. Zu zählbaren Ergebnissen ist sie dabei noch nicht gekommen. Dennoch, die finanziellen Abwehrketten der Topligen stehen unter Druck, wie dieser Beitrag zeigt.

Wie sind also die aktuellen Zwischenstände in England, Spanien, Italien und Deutschland. Eine Halbzeitbericht:

Deutschlands Bundesliga

Der deutsche Fußball gibt sich nicht mehr so entspannt, wie noch vor einigen Wochen. Die DFL sehe sich zwar betroffen, halte sich aber für gut aufgestellt, wie ‚Christian Seifert der FAZ sagte. Das glaubt auch Felix Magath, Trainer, Manager und Geschäftsführer des VfL Wolfsburg: „Die Bundesliga ist sehr gut aufgestellt. Bei uns wurde seriöser gewirtschaftet als anderswo, wir haben die Regeln streng eingehalten. Das kommt uns jetzt zugute.“ zitiert ihn die Welt. Wittert die deutsche Liga jetzt möglicherweise Morgenluft, weil sie auf eine Verringerung des Finanzvorsprungs zur viel beneideten Premier League hofft?

Die Neuvergabe der Fernsehrechte in der vergangenen Woche hat bereits gezeigt, dass die Erlöse in den nächsten Jahren nicht mehr so hoch ausfallen, wie noch im Sommer erhofft.

Besorgt zeigte auch sich der Manager der Deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff. Er befürchtet Auswirkungen der Finanzkrise auf Ticketverkauf und Erlöse aus dem Pay-TV. Aber die Liga hat ja noch Ideen, wie man sich künftig finanzieren kann. Dazu Christian Seifert in der FAZ:.

„Die richtige Frage ist, wie können wir zusätzlich seriöses Kapital in die Liga bringen? Eine der ersten Antwort hat damals Schalke gegeben, das ausgelacht wurde, weil es sich mit dem Bau seines Stadions verschuldete. In Wahrheit ist das eine Immobilienfonds-Lösung, bei der Gelder aus Pensionsfonds in ein Fußballstadion investiert wurden. Damit war Schalke ein Vorreiter bei der Erschließung neuer Finanzierungsquellen.“

„Wir neigen zwar zu einer punktuellen Betrachtung, doch Themen wie 50+1, die denkbare Aufstockung von 18 auf 20 Klubs, die ins Gespräch gebrachte Einführung eines Ligapokals gehören zusammen. Stockt man die Liga auf, kann es vermutlich keinen großen Ligapokalwettbewerb geben; wenn die Champions League ab 2010 an einem Samstag im Mai den Saisonabschluss darstellen will und auch das DFB-Pokalendspiel weiter samstags stattfinden soll, reicht vielleicht die jetzt ins Auge gefasste Verkürzung der Winterpause um ein, zwei Wochen nicht mehr.“

Jürgen Klinsmann äußerte sich vor kurzem in einem Interview zu den Auswirkungen der Finanzkrise auf die Bundesliga: „Die Finanzkrise wird den Fußball die nächsten Monate richtig treffen. … Es wird eine Neudefinierung des Marktes geben, auch was Transfers und Gehälter betrifft.“

Englands Premier League

Die Finanzkrise drückt kräftig gegen die Tore der Premier League. Die Website Zoomer machte vor einigen Wochen „Panik in der Premier League“ aus. Die Zeit sah die Abwehrreihen aber gut sortiert und stellte nüchtern fest: „Kein Crash in der Premier League„.

Die derzeitige Topliga in Europa spürt die Kombinationsstärke der Finanzkrise stärker, da sich an den Vereinen viele Investoren beteiligt haben, die die Gelder nun nicht mehr für ihr Hobby verwenden wollen.

In einem Spielbericht des Guardian ist zu lesen, dass die englische Liga dem Vorbild vieler Politiker nacheifere: Sie hat einen Brief an ihre Mitglieder verschickt, in dem sie „in ökonomisch schwierigen Zeiten“ Sicherheiten garantiert, um einen „Transfer Crunch“ zu vermeiden. Zum Hintergrund: Viele Transfers englischer Klubs sind zumindest zum Teil über Hedge Fonds und andere riskante Anlageformen abgewickelt worden, die durch die globale Finanzkrise in Gefahr geraten sind. Die Folge könnten hohe Transferschulden sein. Unklar ist ob der Brief, wie behauptet, eine vorbeugende Maßnahme ist, oder, wie Insider angeblich behaupten, eine Reaktion auf Beschwerden von Gläubigervereinen ist (Zeit).

„Mike Ashley, der finanziell überforderte Besitzer von Newcastle United, findet weiterhin keine Käufer. Der FC Liverpool hat den schon seit Jahren geplanten, 440 Millionen Euro teuren Stadionneubau für unbestimmte Zeit vertagt; „zu riskant und schwierig“ sei dieses Unternehmen im derzeitigen Klima, befindet Geschäftsführer Rick Parry.“(Zeit)

„Und West Hams isländischer Eigentümer Bjorgolfur Gudmundsson hat nach der Verstaatlichung der von ihm geführten Landsbanki 300 Millionen Euro verloren. „Wir werden wahrscheinlich kein Geld für neue Spieler im Januar zur Verfügung haben“, sagte sein Vize Asgeir Fridgeirsson.(Zeit) Intensiver denn je denkt Besitzer Björgolfur Gudmundsson, Hauptaktionär der isländischen Pleitebank Landsbanki, über den Verkauf des mit 36 Mill. Pfund (42 Mill. Euro) verschuldeten Clubs nach. Zu allem Überfluss meldete West Ham-Trikotsponsor XL im Oktober Konkurs an.“ Handelsblatt)

Selbst Liga-Krösus FC Chelsea mit dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch als Besitzer ist gegen die Turbulenzen auf dem internationalen Finanzmarkt nicht immun. „Ich glaube, alle Klubs werden den finanziellen Engpass in relativ naher Zukunft spüren“, warnte Chelseas Vorsitzender Bruce Buck.(Zoomer) Wie die Wirtschaftsagentur Bloomberg vermeldete, hat der Oligarch große Teile seines Geldes im Stahlkonzern Evraz Group S.A. angelegt und durch die Finanzkrise, ohne Berücksichtigung von Immobilienbesitz und liquiden Mitteln, bislang rund 20 Milliarden Dollar verloren.“ (Welt) „Kostspielige Vorhaben wie ein Neubau am Trainingsgelände wurden gestoppt, die meisten Talente-Späher bereits verabschiedet.“ (Handelsblatt)

„Mit Northern Rock, AIG, Barclays und Nationwide sind eine ganze Reihe von Sponsoren durch die Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten und bringen die reichste Fussballliga der Welt in Bedrängnis.“ (Handelszeitung)

Auf Manchester City scheint die Finanzkrise bisher keine Auswirkungen zu haben. Die großen Ankündigungen durch die neuen Eigentümer wurden zwar im September relativiert, dennoch will der Club jetzt Italiens Nationaltorhüter Gianluigi Buffon für 75 Mio. € von Juventus Turin kaufen und ihm 75 Mio. € Gehalt für die nächsten fünf Jahre zahlen.

Spaniens Primera División

In der spanischen Primera División sieht es nicht besser aus. Seit Mitte der 70er Jahre hatte im spanischen Fußball jeder Klub, der etwas auf sich hielt, einen Bauunternehmer zumindest in der Vorstandschaft sitzen, ist bei Spox zu lesen. Nun liegt der Immobilienmarkt auch in Spanien am Boden und spätestens seit eine der größten Baufirmen des Landes, Martinsa-Fadesa, im Sommer seine Aktien an der Börse aussetzte und Insolvenz anmelden musste, geht die Angst um in Spaniens Fußball.

Die Schicksale ganzer Klubs sollen eng verflochten sein mit denen ihrer zahlungskräftigen Gönner und Sponsoren aus dem Baugewerbe. Von Provinzklubs wie Alaves bis rauf in die Beletage, zu Racing Santander oder dem FC Valencia.“ (Spox)

Nach Einschätzung von Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, im Gespräch mit der FAZ stehen im spanischen Fußball einige Klubs an der Grenze zur Insolvenz, weil sich dort traditionell immer wieder Bauunternehmer Profiklubs als Hobby gehalten haben und der Immobilienmarkt bekanntlich in der Krise ist. Die Pleite eines großen Clubs, wie etwa Real Madrid oder Barcelona, dürfte dennoch als unwahrscheinlich gelten, denn

„Als Real Madrid vor einigen Jahren in einer brenzligen finanziellen Lage war und den Klub rund 280 Millionen Euro Schulden drückten, kauften die Behörden kurzerhand das Trainingsgelände der Königlichen im Stadtzentrum am Estadio Santiago Bernabeu auf und bebauten das Gebiet mit den höchsten Wolkenkratzern downtown. Real bekam im Gegenzug – neben einem stattlichen Verkaufserlös, die Rede war von 400 Millionen Euro – ein Gelände draußen am Flughafen Barajas zugeteilt. Mittlerweile liegt dessen Grundstückspreis weit über dem des alten Geländes in der Stadt.“ Spox).

„Der FC Valencia steht am Rande des technischen Bankrotts“, titelte das Sportblatt „Marca“. Die Verhandlungen des spanischen Pokalsiegers mit der Bank Bancaja über eine Aufstockung eines laufenden Kredites in Höhe von 240 Mill. Euro um weitere 100 Mill. gestalten sich schwierig. Nach den Kriterien der spanischen Zentralbank handele es sich bei dem gewünschten Kredit um eine „Operation auf der höchsten Risikostufe“, hieß es aus Bankenkreisen. Deshalb verlangt der Verhandlungspartner vom Club zusätzliche Sicherheiten. Schon seit Monaten wirbt der FC Valencia auf seinen Trikots für ein längst bankrottes Unternehmen, das keinen Euro mehr zahlt. Andere spanische Erstligisten wie Racing Santander oder Deportivo La Coruna spielen ohne Trikotsponsor. Die Hemden des FC Malaga ziert ein Schriftzug der spanischen Hafenstadt an der Costa del Sol, Betis Sevilla macht Reklame für Andalusien.“  (Handelsblatt)

Italiens Serie A

Auch in Italien kombiniert sich die Finanzkrise durch die Abwehrreihen, wie die folgenden Beispiele zeigen

Die globale Finanzkrise wird auch unseren Fußball nicht verschonen. Ich bin vor allem wegen der Sponsoren-Verträge und der Abonnenten der Bezahlsender besorgt. Wenn die ganze Welt verarmt, wird es negative Folgen für uns alle haben“, sagte der Vizepräsident von AC Mailand, Adriano Galliani.(Focus)

„Laut einer jüngst veröffentlichten Analyse kassieren die italienischen Erstligisten von ihren Hauptsponsoren im Schnitt 3,9 Millionen Euro pro Jahr. Kürzungen würden die Bilanzen der Vereine schwer belasten. Besonders die Autobranche ist unter den Sponsoren stark vertreten, und hier melden die Hersteller massive Auftragsrückgänge. Auch die Aktienkurse von Hauptaktionären wie Fiat für Juventus oder die Mailänder Mediengesellschaft Mediaset von Premierminister Silvio Berlusconi für Milan befinden sich im Tiefflug.“ Focus)

„Einen Schritt in eine bessere finanzielle Zukunft wollen die Serie A Vereine damit erreichen, dass sie sich von der Serie B abkapseln. Die Klubs der ersten Liga wollen nicht mehr für die Ausgaben der Serie B Vereine aufkommen, und sich haben die Unterstützungszahlung für die laufende Saison bereits von 95 Millionen Euro auf 65 Millionen Euro gekürzt. In Zukunft sollen gar keine Zahlungen mehr erfolgen, stattdessen wollen die Serie A Klubs mit dem Geld ihre Bilanzen sanieren und in neue Stadien investieren.  Wenn die Finanzkrise durch finanzielle Einbußen bei den Sponsoren nicht schon vorher dafür sorgt, dass bei manchen hochverschuldeten Vereinen aufgrund von Geldmangel plötzlich die Lichter aus gehen.“ (Goal)

Punkte konnte die Finanzkrise bereits in Italiens unterklassigem Fußball: „Es gibt eine neue Fußball-Pleitewelle in Italien, aber diesmal sind nicht die großen Klubs betroffen (wie vor ein paar Jahren der AC Florenz, der SSC Neapel und der AC Parma), sondern Drittligisten wie Pescara und Legnano, Klubs mit einer langen Tradition und einer starken Verwurzelung in ihrer Region. Bei Pescara Calcio hat das Desinteresse der Besitzer – die Schweizer Firma Eurocat – den Klub ins Abseits gestellt. Seit August haben die Spieler kein Gehalt bekommen, deswegen drohen sie immer wieder mit Streik.“ (Zeit)

Reaktionen der UEFA

Die UEFA denkt darüber nach, verschuldete Vereine von internationalen Wettbewerben auszuschließen. Derartige Sanktionen seien möglich, wenn sich die Vereine nicht ernsthaft mit ihren „beträchtlichen Schulden“ beschäftigten, wird UEFA-Generalsekretär David Taylor von der Welt zitiert. HSV-Präsident Bernd Hoffmann rechnet auf kurz oder lang im europäischen Fußball mit einem Prozess der Gesundung, „dem der eine oder andere Klub erliegen wird.“

Gestürmt wird übrigens auch gegen kleinere Ligen, wie etwa gegen die belgische Jupiler League, wo mit mit den Ausfällen von Dexia und Fortis wichtige Sponsoren ausgeschaltet werden konnten.

Fazit

Bisher hält die Defensive der europäischen Teams gegen den Hochgeschwindigkeitsfußball der sich in Topform befindenden Angriffskette der Finanzkrise. Die finanziellen Offensiven einiger Ligen scheinen zunächst einmal beendet. Ein schlagzeilenträchtiger Paukenschlag in Form einer Insolvenz eines englischen, spanischen oder italienschen Vereins ist dabei nicht ausgeschlossen. Darunter wird allerdings, so meine Vermutung, keiner der Top-Vereine sein. Und vielleicht bewahrheitet sich tatsächlich die Hoffnung, dass die Bundesliga nun näher an die europäische Spitze aus Italien, Spanien und England aufrücken kann.

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