Ursachen der Finanzkrise: Auch Sloterdijk hat es vorher gewusst

by Dirk Elsner on 10. März 2009

Es ist ja schön, wie jetzt immer mehr Personen im Nachhinein vorher schon immer alles gewusst haben. Ich will damit nicht über den Philosophen Peter Sloterdijk urteilen, aber der Abrechnungen mit unserem Gesellschafts- und vor allem Wirtschaftssystem scheint es mir doch noch an einigen Stellen an Tiefe zu fehlen. Zumindest von Sloterdijk  ist man mehr gewohnt. In einem dennoch an vielen Stellen auch erhellendem Interview des Cicero, das das Manager Magazin übernommen hat, sagte Sloterdijk u.a. :

“Ich habe von Schneeballsystemen gesprochen, die dem Selbstbetrug von Zinsenjägern zugrunde liegen, ich habe in meinem vorletzten Buch „Zorn und Zeit“ über „Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen“ gehandelt. Es war nicht schwer zu prognostizieren, was früher oder später geschehen musste. Ich bin einer unter tausend Autoren, die im Augenblick überhaupt nicht überrascht sind. Wenn Sie die zeitgenössische Literatur überblicken und in den Zeitungen der vergangenen zehn Jahre blättern, sehen Sie: Es gibt sehr viele, die den Inflationsschwindel bemerkt hatten und jetzt, übrigens bemerkenswert untriumphal, feststellen, sie hätten seit Jahren vorhergesagt, was aktuell geschieht.”

Solche und ähnlich Äußerungen lese ich häufiger in den letzten Wochen. Es ist dabei nicht so, dass ich gegen diese Äußerungen polemisieren will. Ich frage mich allerdings, welcher alternativen Gesellschafts- oder Wirtschaftsentwürfe dahinter stehen mögen und auf welchen menschlichen Verhaltensannahmen diese Entwürfe beruhen.

Interessanter dagegen die Äußerungen von Sloterdijk auf die Frage, warum niemand vorher reagiert hat, wenn es so viele gewusst haben:

“Die Wirtschaftskommentatoren sind großteils „eingebettete Journalisten“ – sie schreiben dem Tagesbefehl gemäß und ziehen mit ihrer Truppe ins Feld. Für sie wären Argumente gegen den Mainstream beruflicher Selbstmord. Die zweite Antwort lautet: Die Handelnden auf dem Gebiet der Finanzmarktspekulation leben völlig außerhalb der Hörweite der analytischen Intelligenz. Sie sind von ihren Spielen berauscht und haben keine freien Kapazitäten für alternative Gedanken.”

Zur “Gier” sind von Sloterdijk interessante Sätze zu hören:

“[D]er viel zitierte Bereicherungstrieb spielt in der Angelegenheit eine völlig untergeordnete Rolle. Es ist nicht die Gier, die das System antreibt, die Fehlsteuerung geht von den Zwängen des Billigkreditsystems aus: Wenn die Zentralbanken kostenloses Geld ausspucken, wäre es für echte Global Player ruinös, es nicht zu nehmen.”

Nicole Walter hat gestern in der Printausgabe und heute auf Handelsblatt Online über den Auftrieb der Wirtschaftsethik geschrieben und verschiedene Positionen gegenübergestellt.

Einen Aufstellung verschiedener Artikel zur philosophischen, ethischen und gesellschaftlichen Debatte zur Finanzkrise ist hier zu finden. Einen Überblick über die verschiedenen Facetten der Finanzkrise gibt es hier. Die Mindmap der Finanzkrise, ist auf dieser Webseite dargestellt.

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