Medien spielen Ragdoll mit der HSH Nordbank

by Dirk Elsner on 1. September 2009

Wissen Sie was ein Ragdoll-Effekt ist? Den Begriff verwenden Computerspieler für die Bewegungen eines niedergeschossenen und am Boden liegenden Gegners, auf den erneut geschossen wird. In Deutschland werden Ragdoll-Effekte in Egoshootern meist entfernt, weil sie als besonders grausam gelten.

Diese Assoziation kam mir am vergangenen Freitag, als ich bei einem Besuch in Hamburg einen Blick in die Ausgabe der Hamburger Morgenpost vom Vortag warf. Und da trocknet einem langsam die Spucke aus. Die Hamburger Morgenpost liefert Anschauungsunterricht, wie man auf einen am Boden liegenden und sich vor Schmerzen krümmenden Gegner immer wieder ballert, bis er seinen letzten Atem aushaucht.

Unter der Überschrift “Liebestolle HSH-Banker – noch ’ne Klage” wärmte das Blatt auf einer ganzen Zeitungsseite eine neue Klage einer Mitarbeiterin der New Yorker Niederlassung die bereits bekannten Machenschaften des US-Managements der Bank wegen sexueller Nötigung auf. Garniert wurde die Story mit Fotos von vier Stripperinnen.

Nun soll das Verhalten der US-Manager hier weder verharmlost noch gar entschuldigt werden. Es geht aber um den Stil der Berichterstattung und wie dies auf Mitarbeiter und Kunden des Instituts wirkt. Gerade die verbliebenden Mitarbeiter sollen das Institut auch im Interesse Hamburgs und Schleswig Holsteins durch die Krise zu bringen und wieder aufzubauen. Doch sie werden mit immer wieder neuen Schlagzeilen, die nur der Empörungssteigerung dienen, mürbe geschossen.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Die Hamburger Medien haben die Krise der HSH Nordbank nicht zu verantworten. Die Schuldigen kreisen bekanntlich in einem unüberschaubaren Geflecht zwischen Management, Aufsichtsräten, Eigentümern und Wirtschaftsprüfern. Viel zu lange sind riskante Geschäfte insbesondere mit Kreditderivaten geduldet und gedeckt worden, um die Bank kapitalmarktfähig zu machen. Die Suche nach Ursachen und Verantwortlichen ist derzeit Gegenstand von zwei Untersuchungsausschüssen und staatsanwaltlichen Ermittlungen, die noch genügend Zündstoff produzieren werden.

Dennoch den Hamburger Medien scheint die finanzielle Nahtoderfahrung der beiden nördlichsten Bundesländer nicht auszureichen. Bis zur Enthüllung weiterer harter Fakten tritt man weiter auf das Institut ein. Das nervt, zumal mit den Beiträgen nur das Empörungspotential abgeschöpft wird.

Von Mitarbeitern des Instituts hört man, dass TV-Stationen vor der Bank versuchen, O-Töne zum Verhalten des Vorstands zu bekommen. Dirk Jens  Nonnenmacher hat sich bei den Führungskräften und Mitarbeitern des Instituts einen Bärendienst erwiesen mit seiner Halteprämie. Nonnenmacher (“Die Diskussion über mein Gehalt ist nicht ehrlich“) hatte sich intern bereits großen Respekt bei seinen Mitarbeitern erarbeitet und diesen nun aufs Spiel gesetzt. Aber bitte wie sollen das die Mitarbeiter nun kommentieren?

Ohnehin scheint man mit der aktuellen Berichterstattung die falschen Personen zu treffen. Glaubt man Medienberichten der Welt (“Wie die HSH vom Kurs abkam” oder “HSH-Krise: Die Risiken waren kein Geheimnis”), dann sind die für die Schieflage der Bank verantwortlichen Personen schon lange nicht mehr dabei.

Es scheint ein Zeichen unserer Zeit zu sein, Häme über jemanden auszuschütten, der längst am Boden liegt. Im Dezember vergangenen Jahres hatte der Blick Log mal gefragt: “Warum werden Merckle und Klatten in der persönlichen Krise verspottet?” Adolph Merckle war in aller Munde und wurde mit Spott und Häme überschüttet, weil er sich der Milliardär mit VW-Aktien verspekuliert hatte. Ein anderes Beispiel für Schadenfreude war Susanne Klatten, die als Milliardenerbin Opfer von Betrug und Erpressung durch einen Gigolo wurde.

Die Zeit versuchte das Phänomen Schadenfreude zu erklären:

“Es ist die Lust an fremdem Unglück – und viel mehr als nur eine kleine, gerade noch akzeptierte Bösartigkeit. Schadenfreude ist die kleine Schwester der Niedertracht, sie ist verwandt mit dem Neid und wird gespeist von dem Minderwertigkeitsgefühl. Sie ist evolutionär betrachtet überlebensnotwendig, weil sie das Gruppenrudel vor Einzelschmarotzern schützt, sagen einige Experten. Und sie ist ein gut funktionierender Sich- Vergewisserungs-Kitt in einer sozialen Gemeinschaft. »Seht her, der macht es falsch.« Heißt übersetzt: »Seht her, wir machen es also richtig.« Wer im Bus brav eine Fahrkarte gelöst hat, genießt die Genugtuung, wenn jemand vom Kontrolleur erwischt wird, der es nicht nötig hatte, für die Fahrt wie alle anderen zu zahlen. Mangels Befugnis hätte man ihn nicht selbst bestrafen dürfen, somit wird es als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden, dass jemand anders es erledigt.

Schadenfreude setzt einiges voraus. »Das belachte Objekt muss Überlegenheit ausstrahlen, sonst wäre es Häme«, sagt die Psychologin Brigitte Boothe von der Universität Zürich. »Und der Schaden muss von begrenztem Ausmaß sein. Schadenfreude entsteht immer dann, wenn einem Beneidenswerten scheinbar unerwartetes Unglück widerfährt. »Schadenfreude ist in der psychoanalytischen Theorie neben der Vorfreude das einzige Gefühl, das unmittelbare Entspannung gibt«, sagt Boothe. »Das funktioniert ohne jeden weiteren Energieaufwand. Manchmal reicht es, nur ein Interview zu lesen, in dem etwas steht, über das man sich erheben kann. Das ist dann wie ein Geschenk des Schicksals, und deswegen mögen sich so wenige Menschen von der Schadenfreude lösen.«

Schadenfreude ist ein gesellschaftlicher Gleichmacher. Mit ihrer Hilfe können sich auch sozial Schwächere wenigstens für einen Augenblick auf einem Niveau mit den vermeintlich Besseren, Stärkeren, Schöneren fühlen.”

Bei Schadenfreude ist das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, hat der Ökonom Urs Fischbacher von der Uni Zürich herausgefunden. Indem Menschen bestrafen, belohnen sie sich selbst.

Diese Schadenfreude können wir gut bei der HSH Nordbank beobachten. Bis vor zwei Jahren stand das Institut blendend am Markt da und diente als Vorzeigebank in der Landesbankenlandschaft. Die HSH Nordbank bereitete sich auf den Börsengang vor und vermittelte den Eindruck von der auflodernden Finanzkrise nicht betroffen zu sein. Im November 2007 schrieb das Handelsblatt:

“Die HSH Nordbank hat in den vergangenen Jahren stets eine Vorreiterrolle im Landesbankensektor eingenommen. Ihr gelang die erste und bislang einzige Fusion zweier Landesbanken auf Augenhöhe. Gegen den starken Widerstand der Sparkassen-Organisation war die HSH auch die erste Landesbank, die mit Christopher Flowers den ersten privaten Investor aufnahm. Flowers erwarb den WestLB -Anteil, den die Sparkassen-Organisation gern im öffentlich-rechtlichen Lager gehalten hätte. „Jetzt werden wir die erste Landesbank sein, die an die Börse geht“, konstatierte der Minister.”

Natürlich traute sich damals keiner öffentlich ernsthaft die Bank zu hinterfragen. Intern und am Markt gab es zwar sehr wohl kritische Stimmen zum Kurs der Bank. Die wurden aber genau so ausgeblendet, wie insgesamt Warnungen vor der Finanzkrise. Damals wurde das Management um die Kapitalmarkt und Strukturierungsspezialisten gefeiert. Interne Kritiker wurden schon mal “versetzt”, und aus der Politik waren ebenfalls keine engagierten Fragen zu den “Erfolgsrezepten” zu hören.

Selbst als die Halbjahreszahlen 2008 vor einem Jahr präsentiert wurden, wollte man dem damaligen Chef, Hans Berger, noch glauben, das Institut komme mit einem blauen Auge durch die Krise.  Mit dem Überkochen der Finanzkrise ab der Lehman-Pleite wurde dann Institut auf die öffentliche Schlachtbank geführt. Dies wurde gefördert durch eine politisch motivierte Kampagne in Hamburg und Schleswig Holstein. Dazu gesellte sich eine äußerst ungeschickte Kommunikationspolitik der Bank, die Kreditgebern und Kunden immer wieder versuchte, wenig glaubhafte Beruhigungspillen zu verpassen.

Jedenfalls kippte im Herbst vergangenen Jahres die Stimmung gegen die Bank. Fortan wurden alle Aktivitäten in einem anderen Licht interpretiert. Die lokale Presse schoss sich auf das Institut ein und grub viele Geschichten aus, deren Verbreitung zelebriert wurde. Vorstand, Aufsichtsorgane, Führungskräfte und Mitarbeiter gerieten dabei immer mehr unter Druck. Und dieser Druck ist längst nicht zu Ende. Untersuchungsausschüsse, Strafanzeigen, katastrophale Prüfungsberichte, Aufbau einer Bad Bank und mehr lassen vermuten, dass Stäbe und Mitarbeiter rotieren und angesichts der öffentlichen Hetzjagd, jeder Angst vor Fehlern hat und so ein beherzter Neuanfang erst recht erschwert wird.

Wir beobachten hier das, was der Blick Log am vergangenen Freitag als Halo Effekt am Beispiel des FC Bayern und Jürgen Klinsmann darstellte. Auch der Umgang mit dem aktuellen Vorstandsvorsitzende der Bank unterliegt diesem Halo-Effekt. Zunächst wurde es als Retter, Sanierungsexperte und Macher gefeiert. Mit seinen ausverhandelten und mit den Eigentümern vereinbarten Prämienzahlungen ist die Stimmung gekippt. Er hat sich das Leben damit selbst schwer gemacht. Böse Zungen behaupte gar, er wolle so seinen eigenen Abgang beschleunigen.

Es ist einfach für Außenstehende, über jedes Eigentor der Bank zu grölen. Dabei weiß kaum jemand, wie man die Bank wieder auf Kurse bringen kann. Für die Fahrt durch das raue Fahrwasser der Finanzkrise bedarf es vor allem viel Mut. Mutig wäre es, wenn die HSH Nordbank sich in dieser Phase einmal aktiv mit den Kritikern hinsetzten würde und diese ihr “Moralmobbing” (FAZ) pausieren lassen.

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