Mit Credit Default Swaps europäischer Schuldenmärkte abschießen?

by Dirk Elsner on 23. Februar 2010

Licorne 2

Atombombentext (Foto: flickr/Pierre J.)

Fein, endlich ist es wieder so weit. Die bösen Instrumente, die Schuld an der griechischen, nein besser der europäischen Schuldenkrise sind, konnten ausgemacht werden. In diesen Tagen häufen sich nämlich wieder die Berichte (etwa hier im Handelsblatt), dass Großspekulanten mit Credit Default Swaps angeschlagene Schuldner, diesmal bevorzugt Staaten wie Griechenland oder Spanien, in die Knie zwingen. Die finsteren Instrumente, die bereits Schuld an der Lehman-Krise gewesen sein sollen, destabilisieren nun die europäische Wirtschaft.

Solche Berichte unterstreichen gängige Vorurteile gegen diese gern auch als Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte titulierten Instrumente und lenken ab von den eigentlich Verantwortlichen. Selbst hochkarätige Fachleute (wie etwa Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post in der FTD) machen diese Instrumente verantwortlich für die Finanzkrise. Dabei ist dies genau so falsch, wie die Atombombe von Hiroshima für die Opfer der von Menschen verantworteten Bombardierung zu machen. Wer Instrumente für die durch sie angerichteten Schäden verantwortlich macht, drückt sich davor, Menschen als Verantwortliche zu benennen. Mit den CDS ist es wie mit Feuerwaffen. Schäden werden nur damit angerichtet, wenn sie in die “falschen” Hände geraten.

Credit Default Swaps (CDS) sind Kreditderivate und dienen der Absicherung gegen Kreditausfälle bzw. der Absicherung gegen eine Verschlechterung der Bonität eines Kreditnehmers. Im Kern ermöglichen sie eine Trennung der mit einem Kredit verbundenen Risiken von der zugrunde liegenden Kreditbeziehung. Ausfallrisiken können so gehandelt werden ohne die Kreditbeziehung selbst zu verändern (siehe auch “Einmaleins der Kreditderivate”).

Unter dem Gesichtspunkt des Risikomanagements machen solche Instrumente unbedingt Sinn, weil Banken so Kredite vergeben können, die sie aus verschiedensten Gründen sonst nicht vergeben könnten. Denkbar ist etwa ein Kredit an einen Autozulieferer, der unter Risikogesichtspunkten abzulehnen wäre, weil etwa der Bestand zu viele Kredite an Autoindustrie und Zulieferer aufweist. Diese Bank würde sich durch einen CDS gegen die Verschlechterung der Kreditwürdigkeit bis hin zum Ausfall absichern und wäre somit Sicherungsnehmer oder Käufer eines CDS. CDS-Lösungen haben somit zunächst einmal einen versicherungstechnischen Charakter. Als Sicherungsgeber treten andere Banken, Versicherungen oder zunehmend Hedge Fonds auf.

Wie alle Finanzinstrumente lassen sich CDS auch für Spekulationszwecke einsetzen. Auch dies ist zunächst nicht zu verurteilen, denn jede auf Unsicherheit ausgerichtete Handlung stellt letztlich eine Form der Spekulation dar. Kritisch wird es freilich, wenn die Geschäft unter Moral-Hazard-Verdacht stehen. Ob und wie das im Fall  Griechenlands ausgesehen haben könnte, soll derzeit angeblich sogar vom griechischen Geheimdienst untersucht werden. Tatsächlich haben Investoren, die sich vor dem Hype der helenischen Kreditkrise mit CDS eingedeckt haben, ordentlich verdient. Im Zuge der Eskalation der Krise und der damit erhöhten Unsicherheit über die Zahlungsfähigkeit Griechenlands haben sich die Prämien dieser Derivate fast vervierfacht (siehe diesen Chart der FAZ).

Investoren, die etwa im Oktober diese Instrumente gekauft haben ohne selbst Kreditgeber für Griechenland zu sein, haben also gut daran verdient. Auch dies halte ich nicht für verwerflich. Kritisch wird es, wenn über welche Kanäle auch immer gezielt Verunsicherung über die griechische Zahlungsfähigkeit gestreut wird. Allerdings setzt dies einen besonderen Zugang zu Informationsmedien voraus und eine hohe Reputation des Informationsgeber. Ich halte eine solche Manipulation für unrealistisch, weil die Finanzmarktteilnehmer es vergleichsweise gut beherrschen, aus den tausenden täglich auf den Informationsmarkt strömenden Gerüchten die “richtigen” Informationen herauszufiltern.

Bedenklicher wird es, wenn Marktteilnehmer durch gesonderten Zugang Insiderinformationen über die griechischen Schuldverhältnisse erhalten hätten und diese direkt oder über Dritte zum eigenen Vorteil ausgenutzt haben. Solche Insidergeschäfte sind in den meisten Ländern untersagt und häufig sogar unter Strafe gestellt. Ob dies der Fall war, dürfte angesichts der Intransparenz dieses komplexen Marktes schwer zu ermitteln sein. Nach der Faktenlage hatten jedoch diverse Banken einen besonderen Zugang zu Insiderinformationen über die kritische Situation des griechischen Haushalts (siehe dazu auch Wiwo: Die Mutter aller Interessenkonflikte). Die Finanzkrise jedenfalls hat uns gelehrt, dass wo immer sich ein “Window of opportunity” für die Investmentbanken aufgetan hat, dies auch ausgenutzt wurde. Dabei scherte sich niemand darum, ob dies gesellschaftlich fragwürdig war, solange die Geschäfte selbst juristisch legal darstellbar waren.

Es dürfte freilich schwer sein, hier eine schnelle Antwort zu bekommen. Der Markt für Credit Default Swaps ist nämlich trotz gegenteiliger Beteuerungen weiter höchst intransparent (siehe auch Handelsblatt) und wird meist “über den Schalter” abgewickelt. Die kurz nach der Lehman-Pleite gelobte und geforderte Transparenz dieses Marktes und die angestrebte Abwicklung über börsenähnliche Plattformen und Clearingsysteme war wieder einmal ein Beruhigungsplacebo ohne Wert gewesen. Banken, die aber nichts gegen diese Intransparenz tun, sollten sich nun nicht wundern, dass sie und ihre besten Kunden, die Hedge Fonds unter Generalverdacht gestellt werden.

Interessant ist in diesem Kontext eine Frage, die die FAZ in einem Beitrag zum CDS-Markt gestellt hat, nämlich wer eigentlich diesen “Versicherungsschutz” konkret anbietet, sprich als Verkäufer von CDS auftritt. Spekuliert wird etwa darüber, dass ausgerechnet der Versicherungskonzern AIG, der genau durch diese Instrumente ins Trudeln gekommen war und vom US-Staat mit über hundert Milliarden Dollar aufgefangen werden musste, wieder als Anbieter mitspielt.

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