Das Ende der Legende von Goldman Sachs?

by Dirk Elsner on 20. April 2010

Goldman Sachs GS October 6, 2009

Goldman Sachs am 6. Oktober 2008. Stürzt Goldman noch einmal so ab? (Foto: flickr/OptionsHouse)

Heute wird Goldman Sachs die goldglänzende Zahlen des ersten Quartals bekannt geben. Im Mittelpunkt stehen dabei freilich andere Themen, denn das Haus hat es in der vergangenen Woche knüppeldick erwischt. Erst die Meldungen über einen von der Investmentbank aufgelegten und gemanagten Immobilienfonds, mit dem Anleger Milliardenverluste erlitten haben. Es folgte bisher nicht ausgeräumte der Verdacht, dass ein Mitglied des Verwaltungsrates des Hauses in die Insideraffäre um den Hedgefonds von Raj Rajaratnam verwickelt ist und als Höhepunkt die Anklage der SEC wegen Betrugs. Diese drei Tiefschläge unterscheiden sich deutlich von den sogenannten “Imageunfällen” der vergangenen Monate, sei es nun dass GS-Chef Blankfein glaubte, “Gottes Werk” zu verrichten, die zweifelhafte Beratung Griechenlands in Sachen Staatsverschuldung oder gar die unendliche Boni-Diskussion.

Tatsächlich spielen die drei zuletzt genannten “Imageunfälle” innerhalb der Finanzbranche und beim “Spiel des Smart Money” überhaupt keine Rolle, sie sind faktisch irrelevant für die Geschäfte von Großanlegern und Investmentbanken. Unter Finanzprofis, auch wenn dies keiner in Interviews zugeben würde, erntet Goldman sogar hohe Anerkennung für seine Geschäftspraktiken. Den meisten Kunden, vor allem den institutionellen Investoren, war das öffentliche Ansehen bislang egal. Sie vertrauen auf den Geschäftssinn, das einflussreiche Netzwerk, die Qualifikation der Mitarbeiter und das Risikomanagement der Goldman Banker. Die Imagediskussion mag Lloyd Blankfein möglicherweise persönlich ärgern, Finanzkreise sehen sie als eine Diskussion der Hauptstraße, über die man schweigend lächelt. Ansehen und Image mögen beim Häuslebauer und Girokontoinhaber eine Rolle, wenn er zwischen Sparkasse und Volksbank entscheidet. Dort, wo das Smart Money “spielt” ist es irrelevant. Image verdient oder verliert kein Geld.

Tatsächlich wurde ja auch Fabrice Tourre, der Mitarbeiter, der das zur Anklageerhebung herangezogene „Abacus-Geschäft” gemanagt haben soll, als Held der Szene gefeiert (siehe dazu Spiegel Online). Nun könnte es freilich anders zu kommen. Die Anklageerhebung gegen Goldman Sachs unterstreicht die neue Qualität gegen Aktivitäten in den rechtlichen Grauzonen der Finanzmärkte. Jüngst erst hatte das Handelsblatt in einem Beitrag ausführlich beschrieben, wie der US-Staatsanwalt Preet Bharara, ausgestattet mit zusätzlichen Bundesmitteln, den Hedge-Fonds-Manager Raj Rajaratnam, der sich mit Insidertipps eines Mitarbeiters der Strategieberatung McKinsey versorgen ließ, festsetzte.

Die Kreise des “Smart Money” um Investmentbanken und institutionelle Investoren kennen die Spiele. Geschäftsvorteile lassen sich hauptsächlich nur durch die Nutzung von Informationsasymmetrien erzielen. Natürlich benötigt man eine exzellentes und hochprofessionelle Organisation mit einer Top-Technik. Wirklich Vorteile erlangt man damit aber nur, wenn man besser informiert ist als der Marktdurchschnitt. Daneben darf man nicht zimperlich im Umgang mit Geschäftspartnern sein. Dies musste etwa 2008 die HSH Nordbank bitter lernen, als sie mit Goldman Sachs Probleme wegen eines Swapgeschäfts hatte(siehe dazu hier).

Mit der Anklageerhebung will die SEC nun wirklich ein Big Point landen. Man darf getrost davon ausgehen, dass sich die Behörde diese Anklageerhebung reiflich und gut überlegt hat. Goldman Sachs greift man auf diese Art nicht an, wenn nur ein loser Verdacht besteht. Dabei ist der Vorwurf gar nicht so sattelfest, wie es die öffentliche Reaktion vermuten lässt. Die spannende juristische Frage wird nämlich bei dem Abacus-Deal sein, ob die Information über die Beteiligung Paulsons tatsächlich das Entscheidungsverhalten der Investoren (etwa der IKB) beeinflusst hätte.

Die Reaktion von Goldman wirkt wie ein schriller Reflex. Natürlich muss das Haus die massiven Vorwürfe als „völlig haltlos“ abstreiten und sich „und seine Reputation energisch verteidigen“.  Aber allein die fixe Reaktion zeigt, dass GS der Schreck in den Gliedern sitzt. Während das Haus nach den Vorwürfen, den Griechen bei der Verschleierung ihrer Staatsschulden geholfen zu haben, etwa 10 Tage mit einer hauchdünnen öffentlichen Reaktion wartete, konnte man hier am gleichen Tag eine Stellungnahme lesen.

Während die sonst über Goldman Sachs kübelweise ausgeschüttete Häme am Management und an den Mitarbeitern abperlt, wie Wasser von einer heißen Herdplatte, könnte es nun tatsächlich anders kommen. Diesmal hat nämlich die Reputation von Goldman an den Finanzmärkte selbst empfindlich gelitten. Die Herabsetzung der Kreditwürdigkeit, gemessen an den Absicherungsprämien über Credit Default Swaps, hatte sich Ende letzter Woche deutlich verschlechtert. Die Kosten für die Kreditabsicherung stieg am Freitag um 42 Punkte und erreichte 133 Punkte.

Eine weitere Gefahr droht außerdem von zivilen Schadensersatzklagen aus dem SEC-Verfahren. So berichtet etwa der britische Telegraph, dass der Versicherungskonzern AIG, der Kreditversicherungen auf den Abacus CDO verkauft hat, prüft, Goldman Sachs auf 2 Mrd. US$ Schadensersatz zu verklagen.

Der Ruf von Goldman Sachs dürfte jedenfalls empfindlich getroffen werden, wie auch die Nachrichtenagentur Bloomberg am Wochenende feststellte:

On Goldman Sachs’s list of business principles, “clients’ interests always come first” ranks highest. The SEC paints a different picture. The firm failed to tell investors when selling them a so-called collateralized debt obligation tied to mortgages that the package had been designed to fail by hedge fund Paulson & Co., which profited from the losses, the agency alleged. Goldman Sachs said it will contest the case, calling it “completely unfounded in law and fact.”

“The risk is long-term reputational,” said Benjamin Wallace, an analyst at Grimes & Co. in Westborough, Massachusetts, which manages $900 million and doesn’t own Goldman Sachs stock. “People are going to be more inclined to look at Goldman Sachs and think, ‘Who’s on the other side of this trade?’”

Die Anklage entlarvt das Prinzip “clients’ interests always come first”, das selbstverständlich bei einer Bank gar nicht funktionieren kann und es übrigens auch nicht darf. Man muss sich angesichts der in der Natur des Bankgeschäfts liegenden unterschiedlichen Interessen verschiedener Kundengruppen und weiterer Stakeholder nämlich fragen, welche Interessen denn zuerst kommen sollen.

Feststehen dürfte, dass bereits ganze Herrscharen von Anwälten daran arbeiten, den Ruf der Bank wieder herzustellen. Ob ihnen dies gelingt und man am Ende eine symbolische Strafe “verhandelt”, ist derzeit offen. Eine Strafe in Höhe von 1 Mrd. Euro wird das Haus locker verkraften.

Für Goldman wiegt viel schlimmer, dass nun tatsächlich das Standing beim “Smart Money” leiden könnte. Milliardenverluste mit Immobilienfonds, Verwicklung in Insidergeschäfte und mutmaßlich betrügerische Falschberatung von Investoren, damit wird selbst die Geduld der ansonsten wenig zimperlichen “Finanzprofis” überstrapaziert. Die beschädigte Reputation von Goldman könnte zurückspringen auf die Kunden. Michael Maisch schrieb dazu gestern im Handelsblatt:

“Am Ende gehe es um den Marktanteil von Goldman im heiß umkämpften Investmentbanking-Markt und damit um Umsatz und Gewinne. „Blankfein profitierte jahrelang davon, dass alle Kunden am liebsten Geschäfte mit der Nummer eins in der Branche machen wollten“, meint ein Londoner Konkurrent. „Jetzt werden sich viele überlegen, ob sie nicht selbst ein Reputationsrisiko bekommen, wenn sie Goldman engagieren.“

Tatsächlich fragen sich mittlerweile immer mehr Mitarbeiter professioneller Investoren, die Finanzchefs großer Unternehmen und die ebenfalls zum Kundenkreis gehörenden Staaten, woher eigentlich diese enormen Gewinne des Instituts kommen. Auf einem gerade von Banken in Sonntagsreden gern geforderten freien Markt, sollte es auf Dauer gar nicht möglich sein, solche absurden Überrenditen zu erzielen. Dies gehe nur, wenn der Marktmechanismus ausgehebelt wird und ausgesprochen hohe Risiken für wen auch immer eingegangen werden. Insbesondere staatliche Institutionen werden sich es künftig sehr gut überlegen, ob sie tatsächlich mit Goldman Sachs zusammen arbeiten wollen und dadurch möglicherweise unter politischen Druck geraten.

Gerade erst vorvergangene Woche versuchte Lloyd Blankfein in einem Aktionärsbrief zu beteuern, dass das Haus nicht gegen seine Kunden gewettet habe. Die Anklage der SEC entlarvt diese Beteuerung auf einem qualitativ hochwertigen Niveau. Dies können die gutgläubigsten Kunden selbst dann nicht mehr ignorieren, wenn die Begründung, Goldman Sachs habe selbst Risikomanagement betreiben müssen, plausibel ist.

Nachtrag

HB: Gewinn fast verdoppelt: Goldman Sachs hat es mal wieder allen gezeigt: Die umstrittene US-Investmentbank Goldman Sachs hat mit ihrem Gewinn im ersten Quartal mal wieder alle Erwartungen übertroffen: Der Gewinn stieg um 91 Prozent. Doch interessieren dürfte die Öffentlichkeit vor allem eines: die Betrugs-Klage. Goldman will die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen – und sucht den ultimativen Showdown.

Weitere Beiträge

HB: Der Fall Goldman sollte Anlegern zu denken geben (20.4.10): Die Anklage der amerikanischen Wertpapierbehörde (SEC) gegen Goldman Sachs sollte auch Privatanlegern zu denken geben. Denn letztlich geht es dabei um Strukturen, die sich ganz ähnlich in vielen Märkten finden.

Investors Inside: Goldman Sachs – der Auslöser der nächsten Krise?

FTD: Goldman – Dämon der Wall Street: Zeitenwende an der Wall Street: Die Klage der Börsenaufsicht SEC gegen Goldman Sachs markiert ein neues Kapitel der Finanzkrise. Die Obama-Regierung will endlich durchgreifen. Finews: Die verfänglichen Emails von Goldman Sachs: Bei dem Betrugsskandal von Goldman Sachs ist auch ein 31-jähriger Händler angeklagt. Seine Emails brachten die Behörden erst auf die heisse Spur.

FAZ: Goldman Sachs – Der Druck auf die Führung steigt Die Börsenaufsicht SEC hat Goldman Sachs wegen Wertpapierbetrugs bei der Vermarktung eines Pakets aus zweitklassigen Hypothekenanleihen verklagt. Jetzt spekulieren Analysten auf den Rücktritt von Vorstandschef Blankfein.

NYT: A Difficult Path in Goldman Case (19.4.10): To a layperson, the case against Goldman may seem clear cut; but the rules that govern these kinds of transactions are not so plain.

Alphaville: The Goldman defence documents (19.4.10): A big hat tip to the FT’s Francesco Guerrera here. Presenting Goldman Sachs’ detailed defence of Abacus 2007-AC1 CDO — Part I and Part II

FTD: Goldman steht auf schnellen Sex: Goldmans potenzielle Kunden dürfte es reichlich egal sein, ob die Bank sie juristisch korrekt oder inkorrekt übers Ohr haut. Entscheidend ist, wer die wahren Treiber, was die wirkliche Motivation hinter diesem CDO waren

FAZ: Ein kleines Huch namens Goldman: Der Skandal um Goldman Sachs konnte die Aktienkäufer nur kurz verschrecken. Wall Street zeigte sich im Nachmittagshandel schon wieder fest. Gut aufgenommene Unternehmenszahlen dürften die Aktienkurse wieder befestigen.

NZZ: Die UBS und das Regime der Dummköpfe: Die Subprime-Krise hat Goldman Sachs , den Primus unter den Investmentbanken, eingeholt. Die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) wirft der Bank in einem Zivilverfahren vor, professionellen Kunden komplexe Produkte verkauft zu haben,

FTD: Aufarbeitung der Finanzkrise Die Folgen des Goldman-Debakels

FAZ: Energie & Rohstoffe – Dämpft die Goldman-Klage den Risikoappetit?: Die Ankündigung der amerikanischen Wertpapieraufsicht, Goldman Sachs wegen Betrugs anzuklagen, führt zu Turbulenzen. Sollten derivative Finanzprodukte stärker reglementiert werden, würde sich das an den Rohstoffmärkten bemerkbar machen.

NZZ: Aller Augen auf Goldman Sachs: Klage rückt Bankholding ins Zentrum politischer und regulatorischer Diskussionen. Die SEC-Klage gegen Goldman Sachs wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Beobachter machen in der Klage derzeit eher eine politische Dimension aus als inhaltliche Substanz. Sollten weitere Klagen folgen, könnte sich das Bild ändern.

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