Abschied der Finanzmärkte vom Habitus der schweigenden Priesterkaste?

by Dirk Elsner on 17. Dezember 2010

Silence is Spoken Here

Hier wird Schweigen gesprochen (Foto: flickr/Mr. Kris)

Das Schweigen der Finanzmarktakteure zur Finanzkrise, zu ihren Geschäftsmodellen, Risiken und Verhalten ist ein immer wieder gern genommenes Thema des Blick Logs. Regelmäßige Leser dieses Blogs ahnen, dass Stille und Intransparenz zum Geschäftsmodell der Finanzmärkte gehören.

Nun fordert die Publizistin und Unternehmensberaterin Gertrud Höhler in ihrem neuen Buch “Götzendämmerung”, um das ramponierten Image der Finanzbranche in der Öffentlichkeit wieder aufzupäppeln, mehr Transparenz. Sie schreibt:

“Doch die Banker müssen etwas dafür tun: glaubwürdig werden, Vertrauen schaffen und Qualitätsnachweise ihrer Produkte liefern. Im O-Ton Höhler: „Sie müssen sich von ihrem Habitus der schweigenden Priesterkaste verabschieden.“

Abschied von der schweigenden Priesterkaste? Ist das eine realistische Forderung für den Finanzsektor?

Die Geschäftsmodelle der Finanzmärkte sind im Prinzip ziemlich simple, denn es geht vorwiegend um die Modellierung bedingter und unbedingter Zahlungsströme in Gegenwart und Zukunft sowie den dazu notwendigen Vereinbarungen zwischen verschiedenen Marktteilnehmern. Geld verdienen lässt sich damit vor allem, wenn die Märkte nicht so ticken, wie es die neoklassischen Ökonomen gern hätten und Marktteilnehmer über einen Informationsvorsprung verfügen und diese Informationsasymmetrien für sich ausnutzen können.

Der Ökonom Norbert Häring betrachtet in seinem gerade erschienenen Buch “Markt und Macht” das Weitergeben und Zurückhalten von Informationen mit der Absicht, das Verhalten einer anderen Person zu beeinflussen, als Machtausübung (S. 4, in dieser Leseprobe nachzulesen). Die Anbieter von Finanzdienstleistungen, die Häring an der Spitze der ökonomischen Machthierarchie sieht, nutzen ihren Wissensvorsprung weidlich, um Geschäfte zu machen.

Abschied vom Schweigen würde bedeuten, Transparenz zu schaffen. Transparenz wiederum ist der Tod der Informationsasymmetrie und damit vieler Geschäftsmodelle, denen vor allem die Investmentbanken ihre lukrative Existenz verdanken (siehe ausführlich dazu insbesondere Kapital 1 in “Markt und Macht”).

Und gerade in Krisenzeiten, darf man keine Transparenz erwarten, denn sie kann sogar zum vorzeitigen Ableben in Form der Illiquidität führen. So fürchten etwa problembeladene Finanzhäuser, wenn andere Marktteilnehmer ihre Situation sowie  ihre Bestände und vor allem ihre Bewertungen kennen würden, dass dies unmittelbaren Einfluss auf die Refinanzierung und die Liquidierbarkeit von Vermögenspositionen hat. Ausgezeichnet hat dies Andrew Ross Sorkins in seinem Buch “Die Unfehlbaren” am Beispiel der Rettungsversuche und des Untergangs der Investment Bank “Lehman Brothers” dokumentiert.

Auf den Finanzmärkten geht es zu wie an einem Pokertisch. Ein “Tell” lässt den Mitspielern Rückschlüsse auf die Attraktivität der Hand des Gegners zu. Wer beim Pokern aber zu viel über sein Blatt verrät oder in seiner Spielweise durchschaubar wird, der hat kaum eine Chance zu gewinnen. Bevor also etwas verraten werden könnte, zeigt man lieber gar keine Regung, setzt also ein Pokerface auf.

Umgekehrt sollten Beobachter der Finanzmärkte stets damit rechnen, dass eine öffentliche Ansage gerade nicht das bedeutet, was sie vordergründig zu vermitteln vorgibt. Finanzmarktteilnehmer müssen bei öffentlichen Erklärungen und Auftritten stets drei Gruppen mit zum Teil gegensätzlichen Interessen im Blick haben: Kunden, Kapitalgeber und Öffentlichkeit. Wer da zu viel verrät, eckt schnell bei einer dieser Gruppen an.

Finanzhäuser inszenieren sich lieber als perfekt organisiert, jederzeit gut kapitalisiert und vor allem stets gut informiert. Von diesem Mythos lebt Branche seit tausenden von Jahren. Häuser die hier nicht mitspielen wollen, laufen Gefahr entweder Kunden oder Kapitalgeber zu erschrecken (siehe auch Ende eines Newcomers: Die Noa Bank war eine gute Idee). Die Chancen stehen derzeit gut, dass die Mythen der Finanzmärkte auch nach der großen Weltfinanzkrise 2007 bis 2009 Bestand haben werden.

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