Ende eines Newcomers: Die Noa Bank war eine gute Idee

by Dirk Elsner on 19. August 2010

Das ist die Krux mit dem Netzzugang. Eigentlich wollte ich während meines Urlaubs keinen Beitrag veröffentlichen. Aber mit großer Ernüchterung habe ich die Berichte über die Noa Bank (siehe unten) gelesen und formuliere während meine Familie noch schläft ein paar Gedanken zu der Einstellung des Geschäftsbetriebs des ambitioniert gestarteten Newcomers.

Wer in Deutschland den Schaden hat, der kann sich sicher sein, dafür auch Spott und Häme zu ernten. Und dies gilt natürlich erst recht, wenn man mit hohen moralischen Ansprüchen an den Start geht und sich traut das Establishment anzugreifen. Die Reaktionen, die nun mit Gewalt auf Francois Jozic einprasseln, sind ausgesprochen heftig. Und wie immer in solchen Fällen tauchen nun die Fachleute aus den Versenkungen auf, die es im Nachhinein schon vorher besser gewusst haben.

Der Blick Log hat es vorher übrigens nicht besser gewusst, sondern wie bei jeder Neugründung mit einem hohen Risiko gerechnet. Und Risiken bergen nun einmal die Gefahr des Scheiterns in sich. Dafür jemanden mit Häme und Besserwisserei zu bestrafen, erschreckt mich immer wieder, erklärt aber möglicherweise, warum sich in diesem Land so wenig Menschen trauen, etwas zu gründen.

Die im Herbst letzten Jahres gegründete Noa Bank hatte Probleme, die zunächst zur Insolvenz der Tochter Noa Factoring GmbH haben und nun die BaFin bewogen haben, “die Bank für den Verkehr mit der Kundschaft zu schließen.” Weiter schreibt die BaFin: “Man habe das Moratorium anordnen müssen, um die verbliebenen Vermögenswerte zu sichern, teilte die BaFin zur Begründung mit. Dem Institut drohten nach dem Insolvenzantrag der zum Konzern gehörigen noa Factoring AG die Zahlungsunfähigkeit und die Überschuldung.”

Über die Ursachen wird schon länger in Fachkreisen spekuliert. Den von Herrn Jozic öffentlich in seinem Blog dargestellten Gründe, die sich immer noch wie eine Verschwörung lesen, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ist zwar deutlich einflussreicher, als es in der Öffentlichkeit den Anschein hat, aber sie allein dafür verantwortlich zu machen, mutet kurios an.

Nach meiner Einschätzung handelt es sich um Managementfehler, die allein daran deutlich werden, dass stets Herr Jozic selbst als Miteigentümer auftaucht und die eigentlichen Geschäftsleiter der Bank keine Rolle spielten. Nach dem deutschen Kreditwesenrecht ist dies nicht erlaubt. Da haben die Geschäftsleiter die Bank zu vertreten. Und sie haben weisungsunabhängig über die Geschäftspolitik zu entscheiden. Ob tatsächlich auch strafbare Handlungen vorliegen, müssen Ermittlungen zeigen, die offenbar nach einer bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf eingegangenen Strafanzeige aufgenommen werden (Newsletter Handelsblatt Finance v. 20.8.).

Unabhängig von strafrechtlichen Ermittlungen, die Regeln in Deutschland sind im Grundsatz ziemlich klar. Eine Bank benötigt eine angemessene Eigenkapitalausstattung. Wie hoch die sein muss, bestimmt sich freilich nach ausgesprochen komplizierten Regeln, für deren Einhaltung Kreditinstitute viel Energie und Ressourcen aufwenden müssen.

Dass der Eigenkapitalpuffer der Bank schneller aufgebraucht wird als geplant, müsste der Bank bereits seit März bekannt gewesen sein, weil sie nämlich auf der Einlagenseite (= Fremdkapital) deutlich stärker wuchs als geplant und gleichzeitig die aufgenommenen Gelder nicht in der gleichen Geschwindigkeit als Kredite vergeben konnte. Dies war offenbar ein Ressourcenproblem, das man aber hätte angehen können. Aber egal ob die Weitergabe des Geldes als Kredit oder die Ersatzanlage in die Noa Factoring GmbH oder in Anleihen erfolgte, der Eigenkapitalpuffer war zu niedrig.

Ich vermute aber, Jozic hat seit dem Frühjahr versucht, neue Kapitalgeber zu finden. Nur ist das in Deutschland nicht ganz so einfach, wie man sich das zeitweise vorstellt. Die Eigenkapitalbeschaffung in diesem Land ist gerade für Gründer ein mühsames und langwieriges Geschäft, über das der Blick Log viel geschrieben hat.

Die Schwäche der Noa Bank ist für den noch sehr zerbrechlichen Markt ein herber Rückschlag und wird die Kritiker der neuen Form eines transparenteren und die Kunden einbeziehenden Bankings bestärken. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Freudetänze der Bewahrer des Traditionsbankings zu früh kommen. Das Ende des Banking 2.0 ist damit genau so wenig eingeläutet, wie das Ende des Investmentbankings, das viele Beobachter nach der Pleite von Lehman und dem Erwerb “normaler” Banklizenzen von Goldman Sachs und Co. vor zwei Jahren ausgerufen haben.

Das Drama um die Noa-Bank hat deutlich gemacht, dass auch für neue Formen des Bankings stets die Gravitationstheorie der Finanzwelt gilt. Und dazu gehört nun einmal, Einzahlungen müssen größer als Auszahlungen sein, die Erlöse überschreiten die Kosten und die Eigenkapitalausstattung ist ausreichend. “Social Banking” ist gerade kein sozialer Zuschussbetrieb, sondern muss sich wie andere Firmen am klassischen ökonomischen 1×1 orientieren. Nichts rechtfertigt die Annahme, dass die 2.0 diese Regeln irgendwie ändert.

Die Noa Bank ist übrigens nicht das einzige Unternehmen mit dem 2.0-Label, das an seiner Strategie gescheitert ist. Es gibt einen großen Friedhof von untergegangenen Unternehmen, die mit sozialen Netzwerken Geld verdienen wollten und nicht mehr existieren.

Schade, die Noa Bank war eine gute Idee. Die Ansprüche, mit denen Francois Jozic gestartet war, klangen ambitioniert und erfrischend. Aber gute Ideen reichen allein meist nicht aus, wenn die Umsetzung nicht professionell erfolgt. Das klingt nach Binsenweisheit und ist es wohl auch. So bleibt zu hoffen, dass die Macher der Geschäftsmodelle der weiteren Newcomer aus den Fehlern der Noa Bank lernen und schon gelernt haben.

Nachträge

HB: Schließung der Noa Bank: Wie Kunden nun an ihr Geld kommen: Seit Mittwochnachmittag kommen Kunden der Noa Bank nicht mehr an ihre Einlagen heran. Das Institut wurde geschlossen, während es noch rund 172 Millionen Euro verwaltete. Für Betroffene heißt das aber nicht, dass sie ihr Geld abschreiben müssen.

SB2.0: Noa Bank: Was betroffene Kunden tun müssen – Anlegerforum eingerichtet – Bafin: Kein neuer Fall Kaupthing Bank

FTD: Agenda – Theatralischer Abgang der Noa Bank: Diese Bank wollte anders sein. Eine Bank, die nicht spekuliert. Die transparent ist und moralisch. Die Aufsicht hat der Inszenierung ein Ende gesetzt.

Presse-und Blogmeldungen

HB: Alternatives Geldhaus: Game Over – BaFin macht Noa Bank dicht

FTD: Nach Streit mit BaFin – Aufsicht macht Ethikbank Noa dicht

Berichte von Social Banking 2.0

Spon: Tochter der Noa Bank meldet Insolvenz an: Die alternative Noa Bank rutscht immer tiefer in die Krise: Nun hat ihre Unternehmenstochter Noa Factoring nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Insolvenz angemeldet. Die Firma ist der mit Abstand größte Kreditnehmer des Instituts.

Stern: Alternative Noa Bank will schließen

SZ: Ethische Investments Die Noa Bank kämpft ums Überleben. Der Gründer der Ethikbank hat zwar neue Investoren für sein Projekt einer „finanziellen Demokratie“ gefunden. Doch jetzt muss François Jozic die Finanzaufsicht überzeugen.

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