Optimistischer Herdentrieb hat wieder die Wirtschaftsmedien erfasst

by Dirk Elsner on 16. Dezember 2010

Kann das auf Dauer wirklich so gut gehen? Zwei Schlagzeilen von gestern:

Handelsblatt: Wirtschaftswachstum: Deutschland im XXL-Rausch

FTD: Konjunkturprognose – Zeitreise ins Wirtschaftswunderland

Der FAZ fiel kürzlich beim Blick auf dem Finanzmarkt der überbordende Optimismus an den Kapitalmärkten auf. Die Hausse bestätigt “die Hausse, da Agenturen, Medien und Anleger positiv interpretieren, was sich in Ansätzen auch nur positiv interpretieren lässt und kritische Nachrichten einfach ignorieren,” schrieb die Zeitung.

Kaum jemand mag sich da noch an den düsteren Winter 2008 erinnern, als die Lage genau andersherum war und tiefer Pessimismus die Deutschen umklammerte. Im Winter 2008 und 2009 dominierten die pessimistischen Prognosen und gute Nachrichten wurden ignoriert. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos feierten sich Anfang 2009 die Untergangspropheten.

Heute erinnert man sich natürlich nicht gern an diese Zeit. Dabei zeigt gerade der Herbst 2008, wie sehr sich die Euphoriker aus 2007 getäuscht können, vor allem, wenn der Optimismus dick aufgetragen wirkt, wie etwa mit der Eröffnung The Palm in Dubai.
Aber auch die tiefe Stimmungsdepression war deutlich überzogen, wie etwa “Roubinis Vision des Horrors für die amerikanische Wirtschaft”. Heute kann man sich darüber streiten, ob es wirklich so düster geworden ist. Jedenfalls steigerte man sich damals auch in der Wirtschaft in einen wahren Angstrausch hinein.

Auch die nicht besonders ausgeprägte Selbstkritik der Medien von damals ist heute vergessen. Nur wenige Autoren befassten sich mit dem medialen Anheizen der Spekulationsblase bis Mitte 2008, dem Verdrängen der Finanzkrise oder der Ignoranz kritischer Stimmen. Im Herbst 2008 drehte dann die Wirtschaftspresse die Windrichtung um 180 Grad. Man lieferte sich ein Wettrennen um die düstersten Schlagzeilen (besonders exemplarisch Kreditkartenrisiken: Mehr Luftblase als Monsterwelle). Heute dagegen muss man die Skeptiker gezielt per Google suchen und findet sie eher in kompetenten Wirtschaftsblogs.

Damals machte sich der Blick Log Gedanken über den Anlegerstress und seine Bewältigung.
Heute sollte man sich wieder fragen, wie man den “irrationalen Überschwang” wieder bremsen kann. Verrückt ist aber, dass man Übertreibungen erst hinterher erkennt.

Vergessene Beiträge aus dem Winter 2008/2009 zu Rolle der Medien in der Finanzkrise

Zeit: Finanzkrise Zwischen Alarmismus und Aufklärung (19.2.09): Der Ton wird ruhiger, die Bilder bleiben dramatisch: Wie Zeitungen und Zeitschriften über die Finanzkrise berichten

NDS:  Über das Zusammenspiel von Medien, Finanzwirtschaft und Politik – auch bei HRE sichtbar (Teil V zur Finanzkrise) (4.2.09)

HB: Die Blindheit der Profis (12.1.09): Die globale Finanzkrise hat zahlreiche US-Autoren dazu veranlasst, die vermeintlichen Gründe für den Zusammenbruch des Finanzsystems zu erötern. Die meisten ihrer Erklärungen kratzen jedoch eher an der Oberfläche des Problems.

Teleopolis: Apokalyptisches Spießertum und der nach einer geilen Katastrophe gierende Mediendiskurs (2.1.09)

TAZ: Die Wirtschaftsjournalisten in der Krise Seher mit blindem Fleck (30.12.09)

FAZ: Was weiß der Finanzjournalismus über die Krise? (28.12.08)

Blick Log: Der Tag, an dem Wirtschaft stillsteht (18.12.2008)

Blick Log: Medien als Beschleuniger der Finanzkrise und des Wirtschaftsabschwungs? (1.12.08)

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