Ägypten brennt, Davos pennt: Das Weltwirtschaftsforum findet die neue Normalität nicht

by Dirk Elsner on 1. Februar 2011

imageWas war das denn, liebe Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos? Ich habe ja schon geahnt, dass die einstige “Gala der Wirtschaftsmacht” ihren Glanz längst verloren hat. Dass die Berichte über die Top-Veranstaltungen derartig wenig inspirierend sind, mögen erfolgreich netzwerkende Besucher der Champagner- und Canapé-Zonen vielleicht den Chronisten zuschreiben, offensichtlich ist jedoch, dass es den Podiumsteilnehmern an Kreativität, Visionen und Problemlösungskompetenz fehlt. Das mag ja noch zu verkraften sein, weil die inhaltlichen Erwartungen ohnehin jedes Jahr niedriger geschraubt werden. Aber das der Umbruch in den arabischen Ländern praktisch in Davos ignoriert wird, ist erschreckend für ein Forum, das sich dem ökonomischen und gesellschaftlichen Vordenken verschrieben hat.

Einen „surrealen Anblick“ boten die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos aus Sicht von Richard Quest in einer Kolumne für das österreichische Wirtschaftsblatt: Zitat aus der Presseschau des Handelsblatts: „In Ägypten brannten Städte und in Davos diskutierte man Themen wie Die Zukunft des Unternehmens, Arbeit neu definieren und Gesunde Erziehung. Davos war ziemlich gut darin, all das zu ignorieren, was in Nordafrika und Nahost infolge des Aufstands in Tunesien gerade passierte.“ Zwar habe es dann doch eine Diskussion mit dem Davos-typischen, auf eine niedliche Alliteration gestützten Titel „Tunesien: Trendwende oder Tsunami?“ Doch die sei eigentlich zu spät gekommen. In den vergangenen Jahren habe Davos erfolgreich aktuelle Krisen einbezogen, z. B. nach dem Erdbeben von Haiti, nach dem Tsunami, oder während der Gaza-Offensive. „Und diesmal? Was gab es diesmal zum Thema der Stunde? Nichts.“ Ein gespenstisches Schweigen habe das offizielle Davos vernehmen lassen. „Schade, dass uns Davos die Krise nicht schon erklärt hat, während sie geschehen ist.“

Sogar aus Teilnehmerkreisen wird deutliche Kritik geäußert, wenn auch, wie sich das in diesen Kreisen gehört, ohne Namen. „Das Format hat sich überlebt“, zitiert die FAZ den Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns. Zu viel Rummel, zu wenig Inhalt, die Themen auf den Podien zu beliebig, lautet seine Kritik. Auch über die Inszenierung Schwabs als Weltgewissen, dem „nur aus Versehen noch nicht der Friedensnobelpreis verliehen wurde“, mokiert sich mancher Top-Manager, schreibt die FAZ.

Was zu lesen, hören und zu sehen war, zeugt von der Amnesie einer satten Funktionselite vor dem was in dieser Welt wirklich passiert. In Davos sollte die neue Normalität nach der Finanzkrise gefunden werden, gefunden hat man sich allenfalls selbst auf einem Cocktailempfang.

Es ist ja mittlerweile bekannt, dass in Davos neue Entwicklungen nicht vorhergesagt werden, sondern nur bekannte Trends bestätigt werden. Zur neuen Realität hätten aber in jeden Fall die Unruhen in Nordafrika und deren Auswirkungen gehört. Gerade für die Wirtschaft werden die Aktivitäten in Ägypten, Tunesien und möglicherweise bald in weiteren Staaten (Saudi Arabien, Indien, China?) tiefgreifenden Konsequenzen haben. Die Netzwerk- und Ansteckungseffekte der dortigen Aufstände, die ich für vollkommen berechtigt halte, werden offenbar von der Funktionselite erst dann wahrgenommen, wenn es zu einer Blockade des Suezkanals kommt oder die Rohölversorgung leidet.

Folgt man den offiziellen Berichten, dann herrschte in der heilen Bergwelt eitler Optimismus. Man rühmte sich, wie man die Krise bewältigt hatte, glaubt an das Ende der Eurozonen-Krise und freut sich über das erwartete Wachstum der nächsten Jahre. Für solche Selbstbeweihräucherungen benötigt man Davos nicht. Viel spannender wäre der Umgang mit den nicht bekannten Risiken, also den “Schwarzen Schwänen” gewesen, wie die Welt schreibt. Immerhin sickerte auf zahlreichen Podien die Erkenntnis durch, dass die stark wachsenden Ungleichgewichte bei den Einkommen die Stabilität der Wirtschaft gefährden könnte. Von Lösungsansätzen dazu wird jedoch nichts notiert.

Der Fall Ägyptens und Tunesiens kam für die “Meinungs- und Machtelite” überraschend. Kenner der Länder wissen dagegen, dass es dort seit Jahren brodelt und es irgendwann zum Überkochen kommen musste. Die Ansteckung weiterer Länder bis hin zu China wird nicht mehr ausgeschlossen. Die Welt wird das nicht aus dem Lot reissen, jedoch wird die globale Machtbalance empfindlich gestört mit derzeit nicht abzuschätzenden Wirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Schon vor zwei oder drei Jahren hätte man auf solche Entwicklungen in Davos hinweisen können, wie auf zahlreiche weitere Brandherde, die ja insbesondere internationale Konzerne aus ihrem Tagesgeschäft gut kennen sollten. Aber darüber schweigt man wohl lieber aus Angst schlafende Mumien zu wecken. Und durch Außenseiter eingebrachte Positionen erhalten in Davos erst dann eine Chance, wenn sie in den Mainstream eingesickert sind.

Und was war jetzt los in Davos? Ich habe am Wochenende den vom Blick Log eingerichteten Twitter-Ticker gescrollt (siehe unten) durchgesrollt. Die Tweets stammen nicht von irgendwelchen Aktivisten, sondern von professionellen Beobachtern, wie Handelsblatt, FTD, New York Times, Wall Street Journal, Spiegel Online, Huffington Post, Business Insider, Economist, FAZ und mehr. Die Meldungen sind ernüchternd. Mir ist nichts Spannendes aufgefallen. Ägypten fand dort nicht statt. Lediglich in einem “offiziellen” WEF-Tweet heißt es:
“I hope that the Egyptian govt will start a dialogue with the people and initiate reforms to restore stability – Naoto Kan PM Japan #WEF”. Immerhin hat es am Samstag noch ein eilig einberufenes Podium zu den Unruhen gegeben. Über das Ergebnis finde ich keinen Bericht und wende mich lieber der Berichterstattung aus Kairo zu (beeindruckende Impressionen dazu etwa von Richard Gutjahr).

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