Treffen der Mainstream-Ökonomie in Lindau: Reputation und Macht schlägt Kompetenz und Kreativität

by Dirk Elsner on 25. August 2011

Gespannt lausche ich derzeit der Berichterstattung aus Lindau vom 4. Treffen der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Dank der Online-Medien erhält man auch im Urlaub einige Impressionen vom Bodensee. Große Erwartungen habe ich an das Treffen nicht, denn dort diskutiert der unter starker Kritik stehende “Mainstream der Ökonomie”. Bei so viel versammelten Sachverstand könnte man eigentlich denken, hier müssen doch endlich einmal brauchbare Lösungsansätze für die Finanz- und Schuldenkrise heraus kommen. Ich wage mal die Prognose, dass diese Erwartung nicht erfüllt wird.

Tipp: Wulff überspulen, interessant wird es in dem Video ab 1h 11 Minuten mit den ersten Stellungnahmen.

Schon bekannt ist, dass mit den gängigen ökonomischen Modellen die Finanz- und Schuldenkrise nur unzureichend bzw. gar nicht erklärt werden kann. Wirkliche Analysen und Prognosen scheinen mit diesen Instrumenten nicht möglich, werden aber gleichwohl von der Politik erwartet. Nur wenn weder Analysen noch Prognosen möglich sind, wie soll man dann zu Handlungsempfehlungen gelangen? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann und die wohl auch Lindau nicht beantworten wird. Gleichwohl könnte man auch mit Roger B. Myerson argumentieren (in diesem Video ab 1:15 h): "’World is much better place today because of macroeconomics, but we have a lot to learn".

Vor diesem Hintergrund muss man sich die vielleicht beste aber mit Sicherheit ehrlichste Aussage aus Lindau auf der Zunge zergehen lassen: "Von der Wissenschaft sind keine Vorschläge zur Lösung der Finanz- und Euro-Krise zu erwarten.” Mit diesem Satz wird der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz zitiert. Und Stiglitz setzte sogar nach: “I actually think our macroeconomic models led us to the crisis”, twitterte Olaf Storbeck von dem Treffen. Stiglitz erhielt dafür Applaus.

Wenn Stiglitz aber mit dieser Aussage richtig liegt, mit welcher ökonomischen Rechtfertigung werden dann Empfehlungen zur Geld- und Finanzpolitik ausgesprochen? Wie kann man billionenschwere Rettungspakete für Staaten und Banken ökonomisch rechtfertigen?

Wie gesagt, ich erwarte von dem Treffen insgesamt nicht den großen Erkenntniswurf, vielleicht mit Ausnahme der noch folgenden Beiträge von Stiglitz, Myerson und Akerlof. Dabei sprach Myerson bereits gestern ein für das Verstehen der Finanzsysteme zentrale Thema an: Moral Hazard. Akerlof wird sicher über die “Behavioral Economics” sprechen und Stiglitz will gleich ein neues Modell vorstellen. Ob diese drei Vordenker freilich gehört werden, ist eine ganz andere Frage. 

Wichtig ist das Treffen in jedem Fall, weil trotz der Kritik am ehesten die Aussagen der Top-Ökonomen die Politik erreichen. Das mögen wir bedauern, weil die vielleicht besseren und vor allem kompetenteren Entwürfe (welche sind das?) so ignoriert werden. Aber so funktionieren Wirtschaft und Politik schon immer: Reputation und Macht schlägt Kompetenz und Kreativität.

Der letzte Satz wird bestätigt durch die Rede von Bundespräsident Christian Wulff. Glaubt man den Reaktionen (ich habe mir die Lektüre gespart), dann war der Auftritt enttäuschend und eine präsidiale Adelung von bekannten Gemeinplätzen (Spiegel Online). Gleichwohl erhielt Wulff gestern die meisten Aufmerksamkeit.

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