Banken im Abbruch: Internationale „Finanzelite“ feiert Chaostage mit den Märkten

by Dirk Elsner on 6. September 2011

An den internationalen und vor allem europäischen Finanzmärkten reagiert das Chaos und die internationale „Führungselite“ in Banken, Institutionen und Politik suhlt sich in einer unglaublichen Kakophonie von Äußerungen, sich widersprechenden Vorschlägen und Beschuldigungen. Drei Jahre nach Lehman geben diejenigen, die über das Wohl und Weh der Finanzwirtschaft bestimmen ein Bild des Jammers aber und tragen erheblich dazu bei, dass das eigentlich die Realwirtschaft unterstützenden Bankwesen wieder dabei ist, die Realwirtschaft nachhaltig zu beschädigen.

Bevor ich nur die gestrigen Beispiele präsentiere, hier das Bild des Tages mit der Montagspanik der völlig verunsicherten Anleger und Investoren:

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„Die Lawine ist ins Rollen gekommen“, sagte ein Börsianer. „Resignation und Perspektivlosigkeit prägen die Stimmung.“ Die Finanzwerte litten vor allem unter einer Vertrauenskrise, fügte ein weiterer hinzu. … Zu den größten Verlierern im Dax zählte die Deutsche Bank, deren Aktien 8,9 Prozent abrutschten. Damit notierten sie auf dem niedrigsten Stand seit März 2009. … Auch die Titel der Commerzbank sackten im Dunstkreis 5,9 Prozent ab.” (Quelle: Handelsblatt)

Als besonders ergiebig erwies sich wieder einmal die Tagung des Handelsblatt “Banken im Abbruch Umbruch”. Dort machte die “Finanzwelt Front gegen den Internationalen Währungsfonds”, also jener Institution, die gern gesehen ist, wenn es um die Vergabe von Hilfskrediten an Länder geht, die Probleme mit der Finanzierung am Kapitalmarkt haben. Nichts wissen will man freilich von der Kritik an den Banken selbst. Im Handelsblatt ist dazu zu lesen:

“Europas Finanzbranche und Notenbanker gehen auf Konfrontationskurs zum Internationalen Währungsfonds. Hintergrund sind Berechnungen des IWF, wonach europäische Banken wegen ihres Staatsanleihe-Risikos hohe Abschreibungen vornehmen müssten. „Die seit einigen Tagen kursierenden IWF-Schätzungen zu einem möglicherweise hohen Abschreibungsbedarf europäischer Banken empfinde ich als äußerst unglücklich“, sagte Dombret auf der Handelsblatt-Tagung „Banken im Umbruch“.

Auch der designierte Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hält die Warnungen des Fonds vor einem riesigen Kapitalloch bei den europäischen Banken für übertrieben. Diese Annahme sei so nicht richtig, sagte Draghi auf einer Konferenz in Paris. Viele Institute hätten vielmehr erfolgreich ihre Kapitaldecke gestärkt, fügte der italienische Notenbankchef hinzu.”

Wird hier nur geschossen, weil der IWF nahe an der Wahrheit liegt und man die aber den Finanzmärkten nicht zumuten kann? Diese Form der Zurückweisung von Kritik ist auch deswegen erstaunlich, weil Spitzenmanager der Banken ebenfalls nicht gerade zur Beruhigung beitragen: „Das Banken-Beben hat gerade erst begonnen„, titelt das Handelsblatt zu den Aussagen von Urs Rohner, Verwaltungsratschef der Credit Suisse, der von tektonischen Verschiebungen in der Bankbranche spricht und damit richtig liegt. Und auch die Staatsbank KfW warnte auf der Tagung vor Bankenpleiten. Solche Warnungen wären unnötig, wenn die Kapitalausstattung ausreichend wäre und die Institute ihre Risiken besser gestreut hätten.

Und auch Josef Ackermann stellt seiner eigenen Branche kein gutes Zeugnis aus: Das Handelsblatt zitiert ihn u.a. so.:

 

“Ackermann prophezeit der Bankenbranche trotzdem harte Jahre. „Den Marktakteuren sind gewissermaßen ihre mentalen Modelle abhanden gekommen.“ Und er räumt ein: „Wir als Finanzindustrie haben noch keine wirklich überzeugenden Antworten auf die Fragen der Finanzkrise anzubieten.“ Die Aussichten für das zukünftige Wachstum der Erträge seien „eher verhalten“.

Und Ackermann stimmt auch selbstkritische Töne an: „Gerade wir in der Finanzbranche sind gut beraten, uns an die Brust zu klopfen und darüber nachzudenken, inwieweit die Ursachen in unserer Branche liegen.“ Die Banken müssen nach seiner Ansicht ihr Handeln stärker auf die Bedürfnisse der realen Güterwirtschaft ausrichten. Die Fragen nach der Sinnhaftigkeit manch moderner Finanzprodukte und dem Sekundenhandel mit Wertpapieren würden immer lauter und erforderten neue Antworten. Die Finanzindustrie habe noch keine „wirklich überzeugenden Antworten“ auf die Fragen der Politiker und der Öffentlichkeit zu bieten.”

Aber nicht nur das Top-Management der Bankbranche sorgt für Stirnrunzeln. Auch die Europolitik ist gestern wieder ganz vorn dabei gewesen. Für vielleicht unbeabsichtigte Komik sorgt dafür noch einmal das Handelsblatt (nein, ich bekomme keine Provision, wenn ich die Zeitung hier so oft erwähne). Dort steht nämlich direkt unter dem Titel “Barroso glaubt Griechenlands Versprechungen” die Schlagzeile “Griechenland wird die gesetzten Sparziele nicht packen”. Glaubt also Barroso, dass es die Griechen nicht schaffen? Nein, er meint das Gegenteil von dem, was die Griechen sagen:

„Sie haben gerade einige wichtige Hinweise gemacht, dass sie ihre Verpflichtungen einhalten werden“, sagte Barroso ohne Nennung von Details. „Das ist sehr wichtig für Griechenland und auch wichtig für die Eurozone“, sagte Barroso.”

Und auch die Konkurrenz des Handelsblatts, die FTD, weiß von Uneinigkeiten der Politik und der Institutionen zu berichten:

“Die Zentralbank hilft Italien mit Anleihekäufen. Doch aus Sicht des künftigen EZB-Chefs Mario Draghi darf sich sein Heimatland darauf nicht ausruhen.”

Apropos Anleihekäufe der EZB. Commerzbank-Chef Martin Blessing will diese als eine neue Daueraufgabe für die Zentralbank etablieren:

„Er verteidigte zugleich die Staatsanleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB), die vor allem innerhalb der Deutsche Bundesbank kritisch gesehen werden. Man müsse sich nämlich fragen, ob eine Zentralbank nicht nur der Geldwertstabilität, sondern auch für die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes zuständig sei. „Was nützt eine stabile Währung, wenn darüber leider der Staatsanleihemarkt und vermutlich auch Finanzinstitutionen zusammengebrochen sind?“, fragte er.“

Bei all diesem Kuddelmuddel denkt kaum jemand an die Realwirtschaft. “Banken haben einen zu großen Anteil im BIP und binden ineffizient Kapital, dass den produktiven Bereichen der Wirtschaft fehlt. Wir brauchen mehr klassisches Boring-Banking und weniger Finanzmarkt-Tralala”, schrieb Jörg Seidel heute in einem Kommentar bei Google+. Recht hat er damit.

Freilich interessiert dabei kaum jemanden, dass die Politik gerade dabei ist, mit Basel III einen neuen Regulierungsmoloch zu schaffen, dessen Vorgänger bereits die Schuldenkrise verschärft hat (siehe “Basel II treibt die Schuldenkrise”). Immerhin spricht der Sparkassenpräsident Haasis dieses Thema im Interview an:

„Basel III bevorzugt den Kauf von Unternehmensanleihen gegenüber klassischen Unternehmenskrediten. Es bevorzugt kurze Laufzeiten gegenüber längeren. Es erschwert die Bedingungen für einlagenstarke Institute. Ich könnte weiter aufzählen. Das alles läuft auf eines hinaus: Die deutsche Wirtschaftsstruktur mit vielen kleinen, familiengeführten Unternehmen ohne Zugang zum Kapitalmarkt wird das alles bezahlen müssen.“

Das will aber in Deutschland keiner hören will, weil das ja Lobbyarbeit sei. Dabei wiederhole ich, der für Banken und mittelständische Unternehmen arbeitet, es hier noch einmal: Basel III diskriminiert die Finanzierung von Unternehmen.

Bei all der Kritik an der Finanzbranche, sollte man aber nicht alle Institute über einen Kamm scheren. Außerdem arbeiten in den Häusern viele engagierte Mitarbeiter, denen die aktuelle Lage ebenfalls nicht gefällt und die sich nachhaltig für eine Besserung einsetzen.

Ich denke, dass sollte für heute und für diese Woche reichen und ich will diesen Beitrag mit einem Appell an die “Funktionselite” beenden: Beendet dringend dieses Gefangenendilemma, in das Ihr uns manövriert habt. Es geht nicht darum, wer Schuld und das bessere Konzept hat. Es kommt nur noch darauf an, sich überhaupt auf ein Konzept zu verständigen und nicht so wirr durcheinander zu reden, um die eigenen Interessen zu verteidigen.

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