Folgen der griechischen Staatspleite für das Finanzsystem

by Dirk Elsner on 13. September 2011

Ich will mich jetzt hier nicht wiederholen. Am vergangenen Mittwoch erst habe ich geschrieben, warum wir den echten Schuldenschnitt für Griechenland aushalten sollten und gestern gefragt “Wann kommt der echte Haircut für Griechenland und der nächste Bailout für die Banken?”. Die Märkte für Kreditausfallversicherungen erwarten noch in diesem Jahr einen Ausfall (siehe für die US-Sicht Seeking Alpha).

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Wir sollten uns also jetzt eher auf die Frage konzentrieren, was bedeutet dieser Haircut:

  1. für das europäische Bankensystems?
  2. für andere Schuldnerländer?

Frank Bremser hat bereits vor einigen Wochen in der FTD erklärt, was ein Staatsbankrott ist:

“Ein Staatsbankrott ist die vollständige oder teilweise Nichterfüllung der von einem Land eingegangenen Verpflichtungen zur Tilgung oder zur Zinszahlung für eine Schuld. Dies kann in verschiedenen Formen geschehen. Möglich sind vollständige oder vorläufige Weigerung einer jeden Zinszahlung und Tilgung, ein Drücken der Schuldenlast oder eine einseitige Umwandlung der Anleihen in weniger wertvolle Papiere.

Eine vorherige Einigung zwischen Gläubiger und Schuldner, also zum Beispiel eine einvernehmliche Übertragung der Schulden auf eine längere Laufzeit, löst keinen Bankrott aus (Kreditereignis).”

Über die Konsequenzen wurde ebenfalls bereits viel spekuliert, wobei niemand genau die Konsequenzen kennt und hier allenfalls Vermutungen angestellt werden können:

FTD: Die Folgen einer Staatspleite

  • Was passiert, wenn der Staatsbankrott eintritt?
  • Was sind finanzielle Folgen des Ausfalls?
  • Was für Folgen könnte ein Ausfall Griechenlands für die Eurozone haben?

Die FAZ gab im Mai bereits eine “Anleitung für für den Staatsbankrott” heraus. Christian Siedenbiedel weist neben den Konsequenzen für das Bankensystem auch auf die Wirkung auf die EZB hin, die ja mindestens im zweistelligen Milliardenbereich griechische Anleihen im Portfolio haben dürfte. Zu der Konsequenz eines Schuldenschnitts für die EZB schreibt Siedenbiedel:

“Die Anteilseigner der Notenbank müssten eben unter Umständen anschließend das Kapital erhöhen. Fuest meint: „Wenn es richtig wäre, dass die EZB wegen der ihr drohenden bilanziellen Verluste einen Schuldenschnitt hinauszögern will, wie gelegentlich behauptet wird – dann wäre das ein Skandal.“

Das Handelsblatt hatte vergangene Woche mit wissenschaftlicher Hilfe ein weitergehendes Worst Case Szenario für die Eurozone skizziert. Die einzelnen Stufen sahen so aus:

 

Ich glaube nicht an das Szenario, aber daran, dass sich die Schuldenkrise für weitere Staaten zunächst verschärfen könnte. In der Folge müssen einige Banken stabilisiert oder vielleicht sogar abgewickelt werden. Uns könnten dann einige weitere schmerzhafte Wochen an den Finanzmärkte bevor stehen. Vielleicht kommt es aber auch viel schneller zu einer Stabilisierung, weil mit dem Eintritt des Haircuts in Griechenland endlich das passiert, was die “Finanzmärkte” ohnehin erwarten. Und oft ist es so, dass der Eintritt der Erwartung die Unsicherheit nimmt und damit Raum schafft für eine neue Stabilisierung.

Über die Folgen einer Staatsinsolvenz für das deutsche Finanzsystem hat Olaf Storbeck bereits im Juli etwas im Handelsblog geschrieben. Basis waren die mit den europäischen Stresstests veröffentlichten Daten:

“Deutsche Geldinstitute haben griechische Staatsanleihen von rund 8,8 Milliarden Euro in den Büchern – neun Prozent aller griechischen Staatsanleihen, die im EU-Bankensystem stecken (98,2 Milliarden Euro), liegen damit in Deutschland.

Französische Banken liegen mit rund 7,9 Milliarden Euro (acht Prozent) an zweiter Stelle.

Betrachtet mal alle drei Krisenstaaten Griechenland, Irland und Portugal zusammen, dann haben die 90 betrachteten Banken Staatsanleihen im Wert von 194,1 Milliarden Euro in ihren Büchern. Jeweils rund zwei Drittel davon gehören Geldinstituten aus dem jeweiligen Krisenstaat.”

Bei einem Haircut von 50% würden danach die unmittelbaren Verluste für deutsche Institute 4,4 Mrd Euro (+ Bad Bank der Hypo Real Estate ca. 5 Mrd.) betragen. Vollkommen unklar sind freilich die Wirkungen der Zweit- und Drittrundeneffekte, auf die man achten sollte. Ein Zahlungsausfall Griechenlands hat nicht nur unmittelbare Folge für die Inhaber der Anleihen. Finanzhäuser könnten auch deswegen Probleme bekommen, weil es indirekte Wirkungen gibt, etwa weil griechische Banken (oder Banken anderer Länder wie in Frankreich wg. hoher Kredite an Griechenland) Probleme bekommen oder große Unternehmen Zahlungsausfälle erleiden. Meines Wissens hat diese Zweit- und –Drittrundeneffekte noch niemand kalkuliert. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich waren griechische Unternehmen Ende 2010 mit 80,6 Mrd. Euro im Ausland verschuldet (siehe diese Grafik auf faz.net)

Ob und in welchem Umfang Banken zusätzliche Probleme bekommen, hängt natürlich auch davon ab, welche Vorsorge sie bisher schon getroffen haben. So soll laut einem Bericht der FAZ, die Deutsche Bank zwar griechische Staatsanleihen über 1,6 Milliarden Euro im Buch haben, aber diese nach eigenen Angaben schon auf den Marktwert abgeschrieben haben.

Noch nicht klar ist, welches Ersatzvolumen auf die Versicherer griechischer Staatsanleihen zukommt. Der Default Griechenlands ist auf jeden Fall ein sogenanntes Credit Event, bei dem die Versicherer in Anspruch genommen werden können (Auszug aus den Bedingungen für den Fall einer “freiwilligen” Umstrukturierung hier bei Seeking Alpha). Viele Banken und Investoren haben sich in den letzten 18 Monaten gegen einen Ausfall Griechenlands abgesichert. Ob das Volumen dafür nun 10 Mrd. Euro oder 50 Mrd. Euro beträgt ist unklar, weil der Markt unreguliert ist und over the counter abgewickelt wird.

Der deutsche Finanzminister Schäuble hat im Juni die Folgen einer Staatspleite für beherrschbar erklärt. Ob er das ernst meint oder nur die “Finanzmärkte” beruhigen wollte, ist bei der Gemengelage nicht ganz klar. Vollkommen offen ist außerdem, was bei einer Staatspleite unter beherrschbar zu verstehen ist. Fest stehen dürfte nämlich derzeit nur, dass das Leben sowohl in Griechenland als auch in Europa selbst nach einer Staatspleite weiter geht. Zur Erinnerung: Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers gab das Bundesfinanzministerium folgende Erklärung ab:

“Das Bundesministerium der Finanzen, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und die Deutsche Bundesbank haben heute Vormittag eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Danach stehen sie “in engem Kontakt mit ihren jeweiligen internationalen Partnerbehörden und den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft. Sie beobachten die weitere Entwicklung an den nationalen und internationalen Finanzmärkten sehr genau. Die Engagements deutscher Kreditinstitute bei Lehman Brothers Holding, die einen Antrag auf Gläubigerschutz angekündigt hat, halten sich in einem überschaubaren Rahmen und sind verkraftbar.”

Wie auch immer man die Folgen eines Ausfalls Griechenland kalkuliert, die Risiken eines Defaults sind hoch komplex. Andererseits hatten die professionellen Finanzmarktteilnehmer gut 18 Monate Zeit, sich auf einen Ausfall einzustellen. Diejenigen, die das nicht getan haben, werden sich darauf berufen, dass sie den europäischen  Institutionen geglaubt haben, Griechenland vor der Insolvenz zu bewahren.

Nachtrag

Auf ZEIT Online lese ich gerade, dass es in Griechenland so etwas wie ein stille Zustimmung in Griechenland zur Staatsinsolvenz geben soll.

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