Wochenbericht des DIW: Internet-Kreditplattformen ziehen immer mehr traditionelle Kreditnehmer an

by Gastbeitrag on 13. September 2011

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sich im Wochenbericht 36/2011 mit Internet-Kreditplattformen befasst. Im Abstract heißt es:

“Immer mehr Menschen nehmen Kredite nicht mehr bei einer Bank oder einem Finanzdienstleister auf, sondern leihen sich über das Internet Geld von anderen Privatpersonen. Sie nutzen dazu sogenannte Internet-Kreditplattformen, die als Alternative zu traditionellen Kreditmärkten zunehmende Bedeutung gewinnen. Eine Studie des DIW Berlin hat die demografischen Merkmale dieser Nutzer untersucht und mit der Gesamtheit der Kreditnehmer in Deutschland verglichen. Dabei zeigt sich, dass Männer den neuen Kreditmarkt überdurchschnittlich häufig nutzen: Bisher wurden 72 Prozent der Darlehen auf der größten deutschen Internet-Kreditplattform von Männern aufgenommen. Insgesamt unterscheiden sich die Nutzergruppen jedoch weniger stark als erwartet. Insbesondere die Altersverteilung hat sich derjenigen der traditionellen Kreditnehmer deutlich angenähert. Dies deutet darauf hin, dass traditionelle und neue Kreditgeber im Internet zunehmend die gleichen Kunden bedienen.”

In der achtseitige Studie, die hier als PDF heruntergeladen werden kann, definiert das Institut auch Peer2Peer-Plattformen und ordnet sie ökonomische ein. Hier ein Auszug aus den ersten Seiten der Studie:

Internet-Kreditplattformen ermöglichen es Privatpersonen, Kredite ohne Vermittlung durch Banken oder Finanzdienstleister direkt an andere Privatpersonen zu vergeben.1 Solche Darlehen werden auch Peer-to-Peer- (P2P)-Kredite genannt. Die erste P2P-Kreditplattform wurde 2005 in Großbritannien gegründet. Seitdem sind mehr als 30 vergleichbare Plattformen in verschiedenen Ländern entstanden. Laut Expertenschätzungen
belief sich 2010 das Gesamtvolumen der vermittelten P2P-Kredite auf eine Milliarde Dollar.

image

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Kreditvolumina der bekanntesten vier P2P-Kreditplattformen seit ihrer Gründung bis Juni 2011.
Aus Sicht der ökonomischen Theorie handelt es sich bei Internet-Kreditplattformen um sogenannte zweiseitige Märkte, bei denen sich Kreditnehmer und Kreditgeber auf beiden Marktseiten gegenüber stehen. Zweiseitige Märkte zeichnen sich durch sogenannte positive Externalitäten aus, die auf beiden Marktseiten entstehen können. Zum Beispiel hat eine Erhöhung der Zahl der Kreditgeber einen positiven Effekt auf die Kreditnehmer, weil sich dadurch die Suchkosten verringern und die Wahrscheinlichkeit steigt, geeignete Transaktionspartner zur Finanzierung der Kredite zu finden. Umgekehrt steigen die Investitionsmöglichkeiten für Kreditgeber, wenn mehr Kredite nachgefragt werden.

Wie funktioniert die Kreditplattform Smava?

Die größte deutsche P2P-Kreditplattform4 ist die im März 2007 gegründete Smava. Auf Smava können Kreditnehmer einen Ratenkredit zu einem festen Zinssatz aufnehmen. Der maximal zulässige Kreditbetrag beträgt 50 000 Euro. Die Laufzeit liegt bei 36 oder 60 Monaten. Kredite können zu verschiedenen Zwecken nachgefragt werden, beispielsweise für privaten Konsum oder zur Gewerbefinanzierung. Rund 83 Prozent der bis August 2011 vermittelten 6 500 Kredite mit einem Gesamtvolumen von mehr als 53 Millionen Euro5 waren Konsumentenkredite. Auf Geschäftskredite entfielen lediglich 17 Prozent. Die meisten Konsumentenkredite werden im Segment Haus, Garten, Heimwerken nachgefragt.
Daneben werden Darlehen zur Ablösung anderer Kredite (Umschuldung), zur Anschaffung und Reparatur von Kraftfahrzeugen und zur Verbesserung der Liquidität besonders häufig aufgenommen (Abbildung 2). Die durchschnittliche Höhe der gewährten Konsumentenkredite
beträgt rund 7 000 Euro.

image

Ein Kreditinteressent muss auf Smava zunächst ein Kreditgesuch mit persönlichen Informationen ausfüllen. Er spezifiziert den Zweck der Kreditaufnahme sowie Kreditsumme, Laufzeit und Zinssatz des gewünschten Darlehens. Dabei erhält der Interessent zur besseren Orientierung
Hinweise auf übliche Zinsen für vergleichbare Kreditangebote auf Smava. Der Bewerber wird entsprechend seines SCHUFA-Scores einer Risikoklasse zugeordnet. Die Smava-Risikoklassen reichen von der besten Klasse A bis zur schlechtesten Klasse H. Den Kreditbewerbern stehen Kreditgeber gegenüber. Sie sichten die auf der Plattform gelisteten Kreditanfragen und entscheiden, zu welchem Anteil sie diese finanzieren wollen. Üblicherweise finanzieren Kreditgeber nur Teile einer angefragten Kreditsumme. Ein Kreditgeber kann sich entweder persönlich die Profile
anschauen oder einen Gebotsassistenten einschalten. Der Assistent sucht automatisch nach den Kreditbewerbungen, die am besten zu den Wunschmerkmalen des Kreditgebers passen. Investoren haben somit die Möglichkeit, sich ein Portfolio aus Krediten zusammenzustellen, das unterschiedliche Laufzeiten, Risikoklassen und Kreditprojekte enthält.

Eine weitere Besonderheit des elektronischen Marktes sind Produkte wie die sogenannten Sofortkredite, die Smava im Juli 2009 eingeführt hat.7 Hierbei kann ein Kreditbewerber einen Gebotsassistenten konsultieren, der ihm Zinsraten vorschlägt, zu welchen der Kredit sofort finanziert werden kann.

Auf den weiteren Seiten der Studie, die auch die Fußnoten mit weiteren Literaturhinweisen enthält, untersuchen die Autoren die Nutzerstruktur der Kreditbörsen und vergleichen sie mit dem “traditionellen” Kreditgeschäft. Abschließend gibt es noch sechs Fragen an Dorothea Schäfer: Kredite im Internet: starke Gemeinsamkeiten mit traditionellen Kreditnehmern

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: