Es geht um Europa, nicht um den Euro!

by Constantyn on 23. September 2011

Es ist schon erstaunlich, mit welchem Erfindungsgeist alle jene, die sich für die neue Eurokrise verantwortlich fühlen sollten, täglich neue Ursachen für unsere hausgemachte Schuldenmisere zu identifizieren glauben.  Fast erscheint es so, als würde der bunte Fächer unterschiedlichster Perspektiven auf die Eurokrise diese aufwerten und eine Aura der rätselhaften Komplexität verleihen, vergleichbar einem  naturwissenschaftlichen Phänomen unbekannten Ursprungs, das wir gerade erst wahrgenommen und noch nicht verstanden haben.

Aber was, wenn wir einfach nur all die Jahre über unsere Verhältnisse gelebt haben?

Wenn die Presse Finanzminister, Staatsoberhäupter, Wirtschaftsprofessoren und andere Meinungsführer immer wieder nach dem Verbleib Griechenlands in der Währungsunion befragt, verkennt sie, dass es nicht um die Währung geht und dass ein Währungswechsel (denn das wäre ja der Euroausstieg) mit den ursächlichen Problemen der Krise kaum etwas gemein hat.  Gelegentliche Blicke in die Historie gelten dabei als wenig zeitgemäß, könnten aber weiterhelfen.  Einst, lange ist es her, gab es keine EZB, ja noch nicht einmal die Bundesbank.  Geld gab es freilich damals schon, denn man hatte längst erkannt, dass Geld als Verrechnungseinheit und universelles Tauschmittel für Schulden und Waren große Vorzüge aufwies im Vergleich zum urzeitlichen Bartergeschäft mit Hühnern und selbstgebrannten Tontöpfen.  Die Einführung des Geldes trug erheblich zur Effizienz der damaligen Handelsmärkte bei.  Doch woher kam dieses Geld  als keine Zentralbank die Geldmenge steuerte?  Das Wort Geld ist etymologisch vom Begriff „Gold“ abgeleitet und Gold war das ideale wertbeständige Tauschmittel, das aufgrund seiner Knappheit nicht beliebig vermehrbar und zudem sowohl universell bekannt als auch akzeptiert war. Klar, dass die regionalen Fürsten  es sich nicht nehmen liessen, die Hand auf die Geldschöpfung, sprich Münzprägung zu halten und  mit Argusaugen seine Verbreitung kontrollierten. Die Versuchung, zusätzliche Münzen zu prägen, vor allem solche, die nicht aus Gold waren, erschien gelegentlich überwältigend, endete aber fast immer damit, dass sie wertlos wurden und nicht mehr gegen echtes Gold eingetauscht werden konnten  –  mit der Folge, dass die Kaufleute Gold als Zweitwährung nutzten.  Inflation also?   Natürlich, aber wichtiger vielleicht ist die Tatsache, dass diese Münzen de facto die Schulden des Fürsten darstellten.  Und oft genug wurde das überschuldete Fürstentum, das seine Rechnungen und Soldaten nicht mehr bezahlen konnte,  einem anderen Fürstentum einverleibt.  Historiker mögen mir diese vereinfachte Darstellung verzeihen.

Was hat das mit heute zu tun?  Heute haben wir Zentralbanken, die das Recht, Münzen zu prägen, von den Fürsten übernommen haben.  Gleichwohl geraten auch Zentralbanken immer wieder in die Versuchung, viele Münzen zu prägen und Geld zu schöpfen – es ist ja ihre Aufgabe, ihr Lebenszweck sozusagen. Sie tun dies besonders dann gerne, wenn die Wirtschaft zu schwächeln scheint und die Gefahr, dass Preise angehoben werden könnten (die von allen so sehr gefürchtete Inflation), gering erscheint.  Führende Ökonomen begrüßen dies als Abkehr vom jenem radikalen Monetarismus, der uns in der ersten Weltwirtschaftskrise so viel Inflation und Elend beschert hat. Ein bisschen Keynes schadet  nie …   aber war da nicht noch was mit der Keyneschen Liquiditätsfalle?

Ein Schritt zurück:  gedruckt haben die Notenbanken das Geld, weil unsere Wirtschaft schwächelte –  und mit zunehmender Begeisterung für die Geldschöpfung haben wir vergessen, nach den Ursachen für das Schwächeln unserer Wirtschaft zu fragen. Stattdessen ist zunächst einmal das viele Geld im Transmissionsmechanismus des Geldkreislaufs (sprich des Bankensystems) steckengeblieben. Kein Mensch, und auch kein Unternehmen außerhalb der Bankenwelt, wollte sich je so viel Geld ausleihen – mit Ausnahme von Staaten. Im Bankensystem wurden verbriefte Kredite und eben diese Staatsanleihen gerne gekauft.  Je mehr sie gekauft wurden, desto stärker stieg der Preis für diese Kredite und diese Staatsanleihen und umso mehr fiel die Effektivverzinsung. Die Staaten haben sich nie darüber beschwert, niedrige Zinsen klingt immer gut.  Aber irgendwie  erschien das dann doch etwas inflationär.  Irgendwann, wie bei einem Aktiencrash, brachen dann bei den Krediten die Kurse zusammen und stiegen die sog. Credit Spreads. Schlagartig. Mit verheerenden Folgen: Lehman, Finanzkrise etc. Es war sehr schlimm, aber mit diesem Kreditcrash entwich mit einem Mal die ganze heiße Luft aus der Blase. Die weltweite Überbewertung (sprich Inflation) dieser Assetklasse wurde abgebaut. Wir haben geblutet, aber überlebt.  „Also gut, zurück zum Tagesgeschäft!“, lautete nun die Devise.

Ein paar kleine Stimmen fragten: Aber wo ist das Geld geblieben?  Die Zentralbanken haben keines zurückgenommen, im Gegenteil!  Eine andere Stimme:  Unsere Wirtschaft schwächelt immer noch, woran liegt das bloß?  Antworten gab es keine. Die Banken wurden zwischenzeitlich barsch darauf getrimmt, nur „vernünftige“ Kredite zu vergeben, am liebsten an sichere Schuldner, Staaten zum Beispiel.  Um dafür einen Anreiz zu schaffen, wird es Banken erlaubt, für Kredite an den meisten Staaten dieser Welt kein Kapital vorzuhalten, so wie es für Unternehmenskredite erforderlich ist.  Den Staaten indes war dies mehr als recht!  Mit so viel Geld konnte man die lahmende Wirtschaft einigermaßen am Laufen halten, die Staatsbediensteten und die Pensionen bezahlen, Sozialleistungen aufrecht erhalten und  auf Parteitagen brillieren.  Ganz so, wie Fürsten ihren Hofstaat bezahlen.  Dass die Staatsschulden der westlichen Welt über Jahrzehnte immer weiter gestiegen sind, haben wir nur gelegentlich und nur halbherzig zur Kenntnis genommen. Dass das Abtragen dieser Schulden von der künftigen Leistungskraft unserer Wirtschaft abhängt haben wir meistens verdrängt.  So hat sich der Schuldenstand in den USA innerhalb der letzten 10 Jahren und nach einigen Kriegen auf 14 Billionen Dollar mehr als verdoppelt.  In Europa haben die Wenigsten wissen wollen, dass z.B. Portugal eine Gesamtverschuldung (Staatsschulden, Unternehmensschulden und die Verschuldung privater Haushalte zusammengefasst)  aufgebaut hat, die 300% des Bruttosozialproduktes ausmacht.* Das kleine Land müsste also, um diese Schulden zu tilgen, 30 Jahre lang 10% seines Bruttosozialproduktes beiseite stellen!  Ähnliche Beispiele finden sich quer durch Europa, der Blick braucht sich dabei nicht auf Griechenland auszuruhen.

Und wieder einmal ist es, wie bei einer heissgelaufenen Aktienbörse, ein plötzlicher, kollektiver Vertrauensverlust. Denn auch Staatsanleihen liegen in den Portfolios institutioneller Investoren, Fonds, Pensionskassen usw. und wurden im Vertrauen auf Rückzahlung gekauft. Die ersten tiefergreifenden Analysen kommen zu dem Schluß, dass der eine oder andere Staat wohl Schwierigkeiten haben dürfte, diese Schulden abzubauen:   Bestände werden also verkauft, weitere Investoren ziehen mit, Ratingagenturen werden skeptisch und stufen herab, Wachstumsprognosen verdüstern sich und die Lawine rollt.  Die Investoren flüchten sich unterdessen in Gold, das demnächst auf $2.000,– steigen wird und noch, Gottseidank, in Bundesanleihen.  Rational?  Nein, aber die Staatsverschuldung der westlichen Länder ist es noch weniger.   Die Fürsten werden entmachtet.

Eine Institution stemmt sich dennoch dagegen: die EZB.  Mit denselben Mitteln, die diese Krisen mit verursacht hat. Sie prägt neue Münzen, um damit die Schulden der Fürsten aufzukaufen.  Wie lange das wohl gut geht?

Ach ja, die eine Frage blieb unbeantwortet:  warum schwächelt denn unsere westliche Wirtschaft bloß?

 

* FT: Spain, not Greece, may be biggest eurozone threat (paid content)

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