Wenn Banken schwächeln, gründen Unternehmen einfach eine neue Bank: Etris Bank für den Mittelstand

by Dirk Elsner on 23. September 2011

Ich muss hier nicht erneut eine Beweisführung dafür antreten, dass das Bankensystem seit mindestens vier Jahren schwächelt. Banken haben sich vom “Dienstleister zum Bedroher” entwickelt, wie das Handelsblatt genüsslich auf der Titelseite kommentierte. In der Unternehmenspraxis, die ich in meinem Berufsleben von der Unternehmens- und Bankseite erleben darf, haben die ganz großen Klagen über die Finanzierungsfähigkeiten der Bankhäuser zwar etwas nachgelassen. Von einem positiven Trend will aber noch niemand sprechen. Im Gegenteil: Das Misstrauen in vielen Unternehmen gegenüber dem traditionellen Finanzsektor ist weiter hoch. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach darauf hingewiesen, dass schon vor längerer Zeit im Unternehmenssektor ein Trend eingesetzt hat, den Anteil der Finanzierung außerhalb des Banksystem zu erhöhen. 

Einen von der Öffentlichkeit unbemerkten Schritt weiter geht nun die EDE, die “Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler GmbH”. Die EDE, offiziell E/D/E abgekürzt, ist ursprünglich als Unternehmen gestartet, um für Eisenwarenhändler den gemeinsamen Einkauf zu organisieren und dadurch Größenvorteile zu realisieren. Die EDE spielt für die Refinanzierung ihrer Kunden mittlerweile ein große Rolle, weil sie sehr professionell das Verhältnis zwischen dem Einkauf und der Belieferung ihrer Kunden organisiert hat. Durch entsprechende Zahlungsvereinbarungen können sich ihre Kunden hier zu deutlich besseren Konditionen refinanzieren als über ihre Hausbank, die zudem oft Probleme haben, die Waren als Sicherheit vernünftig zu bewerten (ein oft unterschätzter Faktor im praktischen Kreditgeschäft und ein großes Ärgernis für die Kreditnehmer). Nun ist die EDE einen Schritt weiter gegangen und gründet eine eigene Bank gegründet: die Etris Bank. Darauf aufmerksam machte mich ein Mandant, den ich in Finanzierungfragen und zu betriebswirtschaftlichen Themen berate.

Laut der eigenen Homepage befindet sich das Institut noch in der Pilotphase, was auch immer das heißt, und will ab 2012 den Geschäftsbetrieb starten. Einem Bericht auf der Webseite der Westdeutschen Zeitung ist zu entnehmen, dass die Etris Bank als 100-prozentige EDE-Tochter das Finanzgeschäft der EDE übernehmen wird. Das Institut wird kein Privatkundengeschäft betreiben und als Spezialinstitut für Zentralregulierung, Zahlungsverkehr und Handelsfinanzierung das Finanzgeschäft des EDE übernehmen. Künftig könnten nach Angaben der Unternehmensleitung auch Investitionsfinanzierung, Forderungs-Management oder Bürgschaften und Garantien zum Geschäftsfeld gehören.

Zum Start wird das Institut zunächst mit 80 Millionen Euro Eigenkapital ausgestattet. Das klingt zunächst nicht viel. Die EDE GmbH selbst verfügt über 239 Mio. Euro Eigenkapital (der im Internet veröffentlichte Geschäftsbericht der EDE enthält leider nicht die Bilanzdaten) und hat daher vermutlich noch Spielraum für weitere Kapitalerhöhungen, wenn das Finanzierungswachstum an die aufsichtsrechtlichen Kapitalgrenzen stößt.

Mal unabhängig von den geschäftlichen Details, finde ich den Schritt der EDE sehr konsequent. Sie kann mit ihren hohen liquiden Mittel nicht nur Lieferanten finanzieren, sondern ihr steht nun auch das Zentralbanksystem für das Parken von Liquidität zur Verfügung. In Zeiten weiter fragiler Finanzhäuser ein nicht zu unterschätzender Vorteil, den auch andere Großunternehmen nutzen.

Aus Kundensicht nehme ich dem Newcomer den Satz “Wir kennen und verstehen auch die Bedürfnisse mittelständischer Handelsunternehmen besonders gut”, erst einmal ab. Selbst wenn sie nicht alle Bedürfnisse kennen, so dürften sie ihre Kunden bessere kennen als so manche Hausbank. Ein Ärgernis traditioneller Bankverbindungen, über das hier vor einigen Monaten hier einmal geschrieben habe, schreit quasi nach einer solchen Lösung. Dabei geht es um “restriktive Beleihungswerte” für aufgenommene Darlehen. Damals ärgerte ich mich wieder in einem Gespräch mit einer Bank über deren äußerst restriktive Kreditbesicherungspolitik und insbesondere über die niedrigen Beleihungswerte für durchaus marktgängige Lagerbestände meines Mandanten. Den Unternehmen kostet dies nachweisbar Wachstum. In einem Folgebeitrag schaute ich, was Banken und Unternehmen tun könnten, um sich hier Erleichterung zu verschaffen. Eine Empfehlung war, sich Institute zu suchen, die die Sicherheiten besser bewerten können.

Es kommt also Bewegung in den Finanzdienstleistungsmarkt. Während die etablierten Banken weiter in innovativer Erstarrung verharren, nehmen Unternehmen das Heft selbst in die Hand. Ein logischer und richtiger Schritt.

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