Vorschau zum TSI-Kongress 2011: Findet die Finanzbranche endlich einen Weg aus der selbst verursachten Krise?

by Dirk Elsner on 28. September 2011

Am vergangenen Wochenende las ich in dem Buch „Im freien Fall“ von Joseph Stiglitz ein paar Sätze zur Innovationsfreudigkeit der Banken. Seine Analyse des Verhaltens der Finanzbranche auf die Krise 2008/09 trifft heute immer noch gut zu.

Die „Innovationen“ der Banken „hatten weder zu einem höheren nachhaltigen Wachstum geführt noch den Durchschnittsamerikanern geholfen, das mit dem Erwerb von Immobilien verbunden Risiko zu begrenzen; sie hatten nur zur schlimmsten Rezession seit der Großen Depression und zu massiven staatlichen Rettungsaktionen geführt. Wenn man sich damit begnügte, den Banken mehr Geld zu geben, ohne ihre Anreize zu verändern, oder einen neuen Ordnungsrahmen zu schaffen, würde ihnen dies erlauben, so weiterzumachen wie bisher. Und genau so ist es in weiten Bereichen gekommen.

Morgen und übermorgen trifft sich in Berlin die Finanzbranche zum TSI-Kongress in Berlin, um sich über die nähere Zukunft der Finanzierung auszutauschen. Ich nehme an dieser hochkarätig besetzten Veranstaltung gern teil, weil sie mich aus mehreren Gründen interessiert. Ich berate Unternehmen in betriebs- und finanzwirtschaftlichen Fragen und vernehme weiterhin starke Klagen darüber, dass der Finanzsektor einfach nicht in der Lage sei, kundengerecht auf die Finanzierungsherausforderungen der Unternehmen zu reagieren. Immer mehr Unternehmen wollen außerdem unabhängiger von der Bankfinanzierung werden und suchen hier nach Lösungen. 2008/09 hat sich als Trauma in das kollektive Gedächtnis vieler Finanzchefs und Unternehmer eingebrannt, als sie mit harten Bandagen um Finanzierungen kämpfen mussten. Daher bin ich sehr gespannt, welche Antworten derzeit die Finanzbranche selbst zu bieten hat. Meine Erwartungen sind hier nicht besonders hoch, lasse mich aber gern überraschen.

Meine Erwartungen sind auch deswegen nicht besonders hoch, weil nicht erkennbar ist, wie sich die klassische Finanzbranche selbst erneuern will und ob sie das überhaupt kann. Allein die Themenvielfallt der Agenda zeigt, mit welchen Spezialthemen sich die Finanzierungsspezialisten derzeit herumschlagen. Bei all den Spezialthemen scheinen aber die eigentlichen Bedürfnisse der Realwirtschaft bzw. der normalen Kunden wieder einmal nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Hier überlässt die Finanzbranche den neuen Mitspielern komplett das Feld.

Die vergangenen Wochen haben klar gemacht, dass die Finanzbranche die selbst gemachte Krise keineswegs überwunden hat. Im Gegenteil: Mittlerweile ist deutlich geworden, dass die zur Eurokrise hochgejazzte Schuldenkrise eines wirtschaftlich kleinen Mitglieds der Eurozone in Wirklichkeit eine Bankenkrise ist. Zu Recht kann man außerdem von der “intellektuellen Trägheit” der “Finanzelite” sprechen, die es bisher nicht geschafft Antworten auf die Krise zu finden, mit denen die Folgen der eigene Handlungen selbst getragen und nicht unter düsteren Zusammenbruchsdrohungen sozialisiert werden.

Ich weiß, dass es viele Banker stört, dass sie zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren einen realwirtschaftlichen Abschwung verursachen. Nun bin ich gespannt, ob sie diesmal einen Weg aus dieser Krise finden. Es bleibt freilich die erst zu widerlegende Vermutung, dass Stiglitz Recht haben wird mit dem Satz:

“Die Strategie der Akteure auf den Finanzmärkten war klar: Mögen die Befürworter echter Veränderungen im Bankensektor ruhig regen und reden – die Krise wird vorbei sein, ehe sie sich auf eine Regelung verständigen, und mit dem Ende der Krise wird der Reform der Wind aus den Segeln genommen werden.“

 

Impressionen vom Kongress wird es von mir via Twitter und via Google Plus an den Kreis Blick Log geben.

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