Die Ökonomie der düsteren Schlagzeilen: Wollt Ihr den totalen Zusammenbruch?

by Dirk Elsner on 9. Dezember 2011

Ältere Semester erinnern sich bestimm noch an die Wirtschaftsprognosen zum Jahresbeginn:

Persönlich halte ich ja wenig von ökonomischen Vorhersagen. Gleichwohl waren mir die Vorhersagen Ende 2010 für 2011 zu euphorisch und ich fragte mich Anfang des Jahres, warum die Qualität der Vorhersagen für 2011 besser ausfallen sollten, als in den Jahren davor. Da waren sie nämlich extrem düster

Wir wissen mittlerweile, dass der Optimismus Dank der Schulden- und Finankrise 2.0 einer neuen Lust am Untergang der Eurozone oder gleich der Weltwirtschaft gewichen ist. Ein vorläufiger Höhepunkt lieferte vergangenen Mittwoch Handelsblatt online mit dem Titel “Und wenn doch alles zusammenbricht?” Oder auch ein Beitrag vom Dauerpessimisten Markus Gärtner, dessen Blog ich sehr schätze, ritt auf der Negativwelle. Markus befürchtet Schlimmstes für die Weltwirtschaft und macht dies an 5 Horrormeldungen fest. Die FTD erklärt uns, wie der Euro kollabieren könnte. Der Investor Jim Rogers stellte kürzlich fest, dass die Welt mit 100 Prozent Sicherheit noch eine weitere viel schlimmere Finanzkrise erleben wird, als diejenige, die sie im Jahr 2008 gesehen hatte. Die schrieb die International Business Times, die auch den unvermeidlichen Nouriel Roubini bemühte: “Professor Nouriel Roubini von der New York University sagte, dass die Weltwirtschaft wahrscheinlich bald eine Double-Dip-Rezession erleben wird. Zudem würden einige Länder wohl die Eurozone verlassen müssen.” Es lassen sich noch viele weitere Beispiele für die neue Lust am Untergang ausmachen.

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Mich erinnert die gegenwärtige Stimmung wieder an die die Zeit 2008/09 als düsterste Untergangsszenarien die Runde gemacht haben. Impressionen dazu hielt ich in dem Beitrag “Der Tag, an dem Wirtschaft stillsteht” fest.

Im Beitrag “Geschäftsmodell Schwarzsehen: Die düsteren Propheten der Ökonomie relativierten Matthias Eberle und Dirk Heilmann einmal für das Handelsblatt die Wirtschaftsgurus. Sie schrieben über prominente “Experten”, die ihren Promibonus vor allem dadurch erreicht haben, dass sie mehr oder wenig genau bestimmte Ereignisse vorhergesagt haben. Wirtschaftsmedien neigen dann dazu, diese “Experten” unkritisch in einen “Gurustatus” zu  befördern und ohne Distanzierung für die düster klingenden Prognosen als Presseverteiler zu arbeiten.

Eberle und Heilmann schreiben u.a.

“Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat ganze eine Schar ultrapessimistischer Außenseiter-Ökonomen zu Stars gemacht. Auch Marc Faber oder Nouriel Roubini haben sich so einen Namen gemacht. Und sie verdienen prächtig mit ihren düsteren Prophezeiungen zu Inflation, Immobilien- und Börsen-Crash – obwohl die Welt nicht wie versprochen untergeht.”

Nach Informationen der FAS v. 1.2.09 soll ein Auftritt von Roubini 50.000 US$ kosten. Dies ist ein stolzer Preis, um sich die Stimmung versauen zu lassen und etwas zu hören, was man schon weiß.

Owen Lamont, früher Professor an der Yale Universität, erklärte die Extremprognosen damit, dass Prognostiker starke Anreize für extreme Vorhersagen haben. Nur extreme Vorhersagen fallen in diesen Zeiten auf und sorgen für entsprechende Aufmerksamkeit für den jeweiligen Analysten. Mit der Aufmerksamkeit steigt die Kundenbasis und damit erhöhen sich die Einnahmen für sein Geschäft. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob die Prognosen zutreffen oder nicht. Kontrolliert wird ohnehin selten. Häufig erfolgt die Berichterstattung sogar asymmetrisch. Hat ein Analyst mit einer extremen Prognose ins Schwarze getroffen, dann kann er zum Guru aufsteigen. Trifft er nicht, dann wird dies meist ignoriert, es sei denn, er hat den Guru-Status erreicht.

Während Lamont die Lust am Untergang eher ökonomisch erklärt, versucht es der Zukunftsforscher Matthias Horx mit Psychologie. Ulrike Timm vom Deutschlandradio Kultur fragte:

“Wie viel an der Krise ist Krise, und wie viel Krise reden wir uns mit apokalyptischen Schlagzeilen wie "Ist das das Ende?" und "Europa zittert vor der Kernschmelze" eigentlich erst herbei? Die Fachleute sind uneins, aber den berühmten Satz Börse ist Psychologie, den bemühen sie alle, mal mehr, mal weniger. Gehen wir es also mal psychologisch an: Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich viel damit beschäftigt, wie die pure Angst von Gesellschaften das Leben mitgestaltet, und er meint: Finanzkrise ist schlimm, aber schlimmer noch ist die Angst vor der Krise.”

Horx Antwort:

“Das ist auch eine historische Erfahrung, und wir wissen ja auch vieles über den Menschen inzwischen aus der anthropologischen Forschung. Wir sind nun mal Angstwesen, und wir stecken uns auch mit Ängsten gegenseitig an. Und es war immer in der Geschichte so, dass wenn die Ängste überhand nehmen, wenn sie zu Panik und Paranoia und zur Hysterie werden, dann wird es wirklich schlimm, und man kann eben in dieser Krise das ganz besonders deutlich sehen und spiegeln, und man kann auch sehen, wie die Medien eine ungeheuer fatale Rolle dabei spielen gewissermaßen, die Dinge zu eskalieren und auch letzten Endes die Spannbreite für die Politiker immer enger zu machen, und …”

Etwas später ergänzt er:

“Die Wirklichkeit ist durch Stimmungen bestimmt, und das gilt gerade in der Ökonomie so. Wir haben ja in den letzten Jahrzehnten eine ökonomische Theorie über uns kommen lassen, die den Menschen als rationales Wesen sah, aber das ist natürlich Unsinn. Ganz viele ökonomische Faktoren werden durch Erwartungen gesteuert. Zum Beispiel Inflation wird durch Erwartung gesteuert: Wenn die Menschen kein Vertrauen in den Geldwert haben, dann zirkuliert das Geld viel schneller, und dann wird auch die Inflation steigen. Und das sind natürlich alles Faktoren, die heute quasi auf dem Tisch der Geschichte liegen, und das ist das, was im Grunde genommen die Europakrise ist, kann sich dadurch eben tatsächlich gefährlich ausweiten.

Im Kern ist die Europakrise zunächst mal nur eine Systemkrise. Also wir haben Europa 1.0 Betriebssystem, das haben wir gewissermaßen falsch konstruiert, da gab es keine richtigen Rückkopplungen für diejenigen, die ihre Schulden nicht bezahlt haben oder die falsche Politik gemacht haben. Jetzt müssen wir Europa 2.0 konstruieren. Das ist gewissermaßen im Gange, die Frage ist nur, ob quasi die Hysterien eben so schnell sprießen, dass wir eigentlich gar keine Chance mehr dazu haben. Und daran sind ja auch Leute interessiert. Man muss ja auch wissen, dass Untergang ein gutes Geschäft ist, nicht? Also die amerikanischen Ratingagenturen, die wünschen sich ein Europa mit verschiedenen Währungen, das auseinanderfällt, weil da können sie tolle Geschäfte mit machen, da können sie wunderbar hedgen und all diese schönen Dinge machen, die Banken gerne tun.”

Wer weiß, vielleicht liegen die Schwarzseher sogar richtig mit ihren bösen Vorahnungen. Wenn nur genügend Entscheidungsträger an den Zusammenbruch glauben und sich entsprechend verhalten, dann kommt er als selbsterfüllende Prophezeiung daher. Klar ist das aber nicht.

Uwe Jean Heuser wies in seinem Buch “Humanomics” auf die “Illusion des Wissens”, der wir angesichts der Informationsfülle unterliegen. Wir haben Zugriff auf unglaubliche Informationsmengen und glauben daher, viele Dinge gut erklären und vorhersagen zu können. In einem Artikel für Agora 42 (April 2010, ab S. 60) hatte ich ebenfalls dargelegt, dass dies ein großer Irrtum ist. Heuser ging einen Schritt weiter und forderte den “Abschied von der Idee, wir hätten alles im Griff.” Es sieht dies, als einen Akt der Befreiung und schreibt weiter: “Gute Reformer arbeiten mit dem Wissen, dass ein Gesetzesakt oft unerwartete Ergebnisse zeitigt, weil Menschen auf die neuen Anreize reagieren und ihrerseits die Wirklichkeit verändern. Sie wissen um die Fähigkeit der Wirtschaft, sich abrupt in unerwartete Richtungen selbst zu beschleunigen.”

Heuser forderte übrigens Anfang des Jahres von den Ökonomen: “Gebt zu, ihr wisst es nicht!”. Aber das verkauft sich natürlich nicht.

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