Warum mich die Rekordeinlagen der Banken bei der EZB nicht beunruhigen

by Dirk Elsner on 29. Dezember 2011

In den letzten Tagen suggerierten Schlagzeilen über die Rekordeinlagen europäischer Banken bei der Europäischen Zentralbank für Aufregungen in einigen Redaktionen. So titelte das Handelsblatt “Das Vertrauen der Banken sinkt immer stärker”. Hintergrund dieser und ähnlicher Schlagzeilen sind die Übernacht-Einlagen, also eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei EZB. Diese waren am Mittwoch auf 452 Mrd. Euro gestiegen (aktuelle Daten sind hier abzulesen) und haben damit erneut einen Rekord erreicht. FTD, Handelsblatt und andere Publikationen interpretieren diese hohen Werte als Misstrauens-Indikator. Die FTD erklärt dies so:

“Finanzinstitute verleihen normalerweise überschüssige Liquidität untereinander auf dem Interbankenmarkt und erhalten dafür Zinsen. Diese liegen höher als die von der EZB für Einlagen gezahlten. Derzeit ist das Misstrauen der Banken untereinander jedoch sehr hoch, so dass die Institute das Geld lieber bei der Zentralbank einlagern. Dafür erhalten sie derzeit 0,25 Prozent Zinsen. Der Eonia, der Übernacht-Interbankenmarkt-Zinssatz in der Euro-Zone, liegt aktuell gut doppelt so hoch. Dementsprechend ist die Höhe der Einlagen bei der EZB ein Indikator für Misstrauen und Verunsicherung im Bankensektor.”

Ich habe zwar jetzt kein direktes Ohr am Geldmarkt, aber mir fallen diese Schlagzeilen zu dramatisch aus. Man darf nicht vergessen, dass die EZB erst vergangene Woche die Banken in einer Offenmarktoperation (Übersicht hier) mit dreijährigem Zentralbankgeld im Umfang von 490 Mrd. Euro geflutet hat. Man sollte sich eher fragen, ob die EZB mit ihren Operationen nicht den Geldmarkt selbst demoliert. So hat sie gestern dem Geldmarkt 211 Mrd. Euro entzogen durch ein einwöchiges Geschäft mit einem durchschnittlichem Zins von 0,56%. Warum sollen Banken sich untereinander also Geld leihen, wenn sie u.a. Risikoaspekten von der EZB für kurzfristiges Geld 0,56% bekommen können. Die gestrige Transaktion wird das Niveau des vermeintlichen Stressindikator vermutlich nach unten gedrückt haben.

Wie dem auch sei, ich kann mir vorstellen, dass viele Finanzhäuser sich gerade über das dreijährige Offenmarktgeschäft gefreut haben, weil damit zahlreiche Banken ihre Refinanzierungsprobleme der nächsten Monate lösen könnten. Der Refinanzierungsmarkt liegt weiter am Boden, was aber weniger daran liegt, dass sich die Banken untereinander nicht mehr vertrauen, sondern dass Investoren nicht bereit sind Banken ungesicherte Anleihen abzunehmen. Banken arbeiten daher derzeit intensiv daran, sogenannte “gedeckte Anleiheformen” zu entwickeln, um Investoren mehr Sicherheiten zu geben. Das Design dieser Produkte ist allerdings nicht ganz trivial in der Umsetzung, so dass man hier wohl noch ein wenig Zeit benötigen wird. Bis dahin kommt der Dreijahrestender genau richtig. In den nächsten Wochen fällig werdende (ungesicherte) Anleihen können so über die EZB refinanziert werden.

Ich sehe daher die Übernachteinlagen gerade nicht als zusätzlichen Stressindikator, sondern eher als Spiegelbild der Refinanzierungspolitik der EZB. Ich frage mich allerdings, wie die europäische Notenbank die aktuelle Geldpolitik wieder auf ein Normalmaß zurückführen will. Mit ihren Aktivitäten stört sie den Geldmarkt ganz erheblich und nun auch den Kapitalmarkt. Das nimmt zwar den Druck von den Banken und gewährleistet (hoffentlich) weiter eine ausreichende Kreditvergabe für die Realwirtschaft, sie mindert freilich auch die Anreize der privaten Banken, selbst für Abhilfe zu sorgen.

Previous post:

Next post: