Das ist Breaking: Bund erhält erstmals Zinsen für seine Schulden – negative Rendite für Bundesanleihen schon länger

by Dirk Elsner on 9. Januar 2012

Dafür muss ich glatt gerade einmal meine Mittagspause opfern. Um 12.32 meldete das Handelsblatt, dass Anleger nun auch erstmals bei einer Versteigerung von Geldmarktpapieren des Bundes negative Renditen akzeptieren.

“Bei der Versteigerung von Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von sechs Monaten am Montag lag die durchschnittliche Rendite bei minus 0,0122 Prozent, teilte die mit dem Schuldenmanagement des Bundes betraute Finanzagentur mit. Einem Sprecher zufolge ist das ein absolut Novum: „Die Anleger bezahlen eine gewisse Prämie dafür, dass sie dem deutschen Staat Geld leihen“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.”

Anders ausgedrückt: Investoren zahlen dem Bund heute 100,00616 Euro, um dafür in 6 Monaten 100 Euro zurück zu erhalten. Aber so sensationell, wie das klingt, ist das nicht. Im Zweitmarkt gibt es das nämlich bereits länger (siehe Abbildung vom 30.12.2011). Aber bei einer Emission gab es das bisher noch nie in Deutschland.

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Quelle: Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH v. 30.12.2011 (jeweils aktuelle Renditen hier)

Am Markt wurden über das ausgeschriebene Tenderverfahren Papiere mit einem Volumen von 3,9 Mrd. Euro unter gebracht. Angebote lagen über 7 Mrd. Euro vor, allerdings nicht alle mit einem negativen Zins. Das FTD_Wirtschaftswunder wies übrigens per Twitter darauf hin, dass für diese Emission erstmals die Bedingungen so geändert wurden, dass negative Zinsen überhaupt erst möglich sind:

“Erstmals bei der Auktion  am  9. Januar 2012 erfolgt bei  Bubills  eine Umstellung der Gebotsabgabe  im Bund Bietungs-System (BBS)  von Rendite-  auf Kursgebote.  Zulässig sind Kursgebote mit Kursen unter 100, zu 100 und über 100. Die gebotenen Kurse müssen auf volle 0,00005-Prozentpunkte lauten.  Durch die Abgabe von Kursgeboten mit Kursen über 100 können auch negative Renditen abgebildet werden.”

Ein vollkommenes Novum sind negative Zinsen für Staatspapiere wie gesagt nicht. So realisierte Dänemark bereits Ende letzten Jahres negative Zinsen bei der Emission einer Anleihe. Und Barbara Schäfer schrieb in der FTD:

“Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers Ende 2008 war die Nachfrage nach US-Schatzwechseln so groß, dass Washington keine Zinsen zahlen musste. Für die vermeintliche Sicherheit der staatlichen Schuldtitel nahmen die Investoren Verluste in Kauf – im Dezember war das auch in den Vereinigten Staaten erneut zu beobachten.”

Acemaxx Analytics weißt darauf hin, dass auch in der Schweiz die Geldmarktzinsen negativ sind. Die Rendite der schweizerischen Staatsanleihen mit 2 Jahren Laufzeit beträgt heute Minus 0,0551%. Siehe dazu auch ZEIT Die Angst treibt das Geld in die Schweiz

Die FTD ging in dem Beitrag auch der Frage nach “Warum Investoren Staaten Geld schenken”. Im Tenor lautete die Antwort: “für die vermeintliche Sicherheit der staatlichen Schuldtitel nahmen die Investoren Verluste in Kauf”. Die weiteren Argumente, nämlich Spekulation auf Wechselkursgewinne bzw. Papiere würden als Pfand zur Hinterlegung bei der EZB benötigt, kann ich dagegen nicht nachvollziehen. Warum soll ich für ein Geldmarktpapier des Bundes negative Zinsen in Kauf nehmen, um es anschließend für Geldmarktkredit bei der EZB zu hinterlegen. Da könnten Banken die für das Bundespapier reservierte Liquidität auch direkt bei der EZB auf ein Konto packen. Demnach würde ich nicht erwarten, dass Banken die Papier für sich selbst gezeichnet haben.

Tatsächlich ist gar nicht genau klar, wer die Papiere jeweils erwirbt. Als Bieter treten immer nur Kreditinstitute auf, die für sich, andere Banken oder andere Kunden die Papiere erwerben. Philip Faigle nennt auf ZEIT Online einen Grund, warum vielleicht auch Banken zu den Käufern gehören könnten:

„Der Ökonom Müller vermutet, dass es vor allem Banken – darunter auch deutsche – sind, die eine schlechtere Bewertung durch die Rating-Agenturen fürchten. Deshalb halten sie einen Anteil an sehr sicheren Papieren in ihren Büchern, selbst wenn das Verluste bedeutet. „Viele Institute dürfen oder können kein Kreditrisiko eingehen und beißen deshalb in den sauren Apfel“, sagt Müller.“

Der negative Zins ist eher Ausdruck einer umfassenden Vertrauenskrise in andere Anlageformen. Wenn strikt risikoscheue institutionellen Anleger, wie etwa Versicherungen oder Unternehmen, auf liquiden Mitteln sitzen, die derzeit bei Banken auf Girokonten liegen, dann zeigt die Inkaufnahme negative Zinsen, dass man selbst Giro- und Festgeldeinlagen bei Banken nicht vertraut. Diese Investoren sind also bereit, Aufbewahrungskosten für ihre Liquidität zu zahlen in Form negativer Zinsen. Bei der Bewertung von Futures wird in solchen Fällen von Cost of Carry gesprochen, also Bestandshaltekosten.

Da aber die meisten Kommentatoren das Thema Vertrauenskrise aufgreifen dürften, sollte man auch die andere Seite sehen, nämlich, dass diese Entwicklung unterstreicht, dass die “Märkte” der Bundesrepublik Deutschland als Schuldner ausgesprochen viel Vertrauen entgegen bringen. Gerade Deutschland steht ja wegen seiner Wirtschaftspolitik unter Beschuss insbesondere der angelsächsischen “Wirtschaftselite”, wie Uwe Jean Heuser jüngst für die ZEIT herausgearbeitet hat. Aber wahrscheinlich wird man auch diese Entwicklung nun Deutschland wieder um die Ohren hauen und diese Auktion als Ergebnis des deutschen Narzissmus bezeichnen, wie das Hans Kundnani letzte Woche im Guardian gemacht hat.

Erstaunlich ist diese Entwicklung, weil zumindest auf den Kapitalmärkten die Schulden Deutschlands nicht als risikofrei angesehen werden. Kreditausfallversicherungen in Form von Credit Default Swaps wurden letzte Woche lt. Bloomberg mit einem Spread von 111,43 gehandelt wurden. Im Klartext bedeutet das eine Risikoprämie von 1,1%.

Die Großanleger sehen also schlicht keine Alternative mehr. Banken sollen Gelder nicht mehr bekommen bzw. neuerdings nur noch gegen die Stellung von Sicherheiten , andere Staaten und Unternehmen auch nicht bzw. nur gegen höhere Risikoprämien. Es ist etwa für eine Versicherung keine Alternative, Geld zinslos auf einem Girokonto bei einer Bank zu hinterlegen, wenn die Einlage nicht der Einlagensicherung untersteht und die Absicherung für eine Bankeinlage teurer ist, als für den Bund.

Ein beruhigendes Zeichen ist der Negativzins also nicht.

Hilfreiche Links

Finanzagentur: Historie der Auktionsergebnisse 2012

Finanzagentur: Auktionsergebnisse vergangener Jahre

Finanzagentur: Erklärung des Tenderverfahrens

Finanzagentur: Bietergruppe Bundesemissionen

Reaktionen

ZEIT: Euro-Krise Angst frisst deutsche Zinsen auf: Die Anleger bezahlen jetzt auch den deutschen Staat dafür, dass er ihr Geld nimmt. Keine sonderlich gute Nachricht.

WSJ: Money for Nothing

WSJ.de: Bund lässt sich für Schuldenmachen bezahlen

FTD: Investoren schenken Deutschland Geld

Lost in Europe: Der Markt widerlegt Merkel

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