Kommentar zu JP Morgan und die Illusion von der Unfehlbarkeit

by Gastbeitrag on 28. Mai 2012

*Gastbeitrag von Dr. Stefan L. Eichner*

Am vergangenen Donnerstag hatte ich von Stefan Eichner einen so ausführlichen und inhaltsreichen Kommentar zu meinem Beitrag “JP Morgan und die Illusion von der Unfehlbarkeit”, dass ich ihn gefragt habe, ihn hier noch einmal als eigenen Beitrag veröffentlichen zu dürfen. Die Zitate beziehen sich auf meinen Text.

“Der Ruf nach Regulierung wird immer dann besonders laut, wenn es schief gegangen ist. Warum rufen die gleichen Leute nicht nach mehr Kontrolle, wenn die Gewinne in astronomische Höhen steigen?”

Das tun viele. Nur werden sie nicht gehört und es wird nichts darüber in Presse und Medien geschrieben. So war es ja auch vor der Finanzkrise. Es gab viele, die auf die Gefahren hingewiesen haben. Aber dafür haben sich weder die Banker, Aufsicht, Politik noch die Medien – trotz ihres Informationsauftrages – interessiert. Es war wohl eher Zufall, dass Nouriel Roubini in Davos zu Wort kam und ebenso unerwartete wie schräge Warnungen vor dem Crash äußerte – er wurde ausgelacht. Andere werden als “Untergangspropheten” geschmäht.

“Finanzmarktregulierung erzeugt die Illusion, die “Märkte” und Banken unter Kontrolle zu haben. Das ist Blödsinn.”

Das ist absolut korrekt – jedenfalls unter den gegebenen marktstrukturellen Bedingungen. Den Weltmarkt machen global operierende Großbanken unter sich aus – man denke nur an den Derivatemarkt: in den USA kommen fünf Banken-Holdings (JPMorgan, BoA, Citi, Morgan Stanley, Goldman Sachs) auf einen Anteil von 96 Prozent und das entspricht laut jüngstem OCC-Report einem Derivate-Volumen von (nominal) 290 249 Milliarden Dollar bzw. 290,249 Billionen Dollar. Der globale OTC-Derivatemarkt hatte zum gleichen Zeitpunkt (Ende 2011) laut BIS-Statistik ein Volumen (nominal) von 647 762 Milliarden Dollar.

Es ist vor diesem Hintergrund eine geradezu hanebüchene Idee, man könne die davon ausgehenden Risiken in den Griff bekommen, indem man diese, mit Bilanzsummen weit über der eine Billion-Grenze liegenden Kolosse für “systemrelevant” erklärt und ihnen ein paar niedliche Zusatzverpflichtungen auferlegt.

Das ist überdies auch deswegen völlig neben der Spur, weil die Frage, inwieweit unter solchen Bedingungen überhaupt noch fairer Wettbewerb existiert – ganz besonders wenn man den Einfluss der entsprechenden Lobby auf die Politik in die Rechnung mit einbezieht -, überhaupt nicht gestellt wird. Es gibt aber auch sehr viele Banken, die nicht ein großes Rad im Casino drehen, sondern ihr Geld damit zu verdienen versuchen, was man gemeinhin als volkswirtschaftliche Funktion des Bankensektors beschreibt. Denen kommt man damit aber nicht entgegen. Im Gegenteil hat man, wie Folker Hellmeyer kürzlich bemerkte, den Eindruck, die Regulierer würden es ausgerechnet diesen Banken mit den neuen Regeln (Basel III) erschweren, ihre volkswirtschaftliche Funktion zu erfüllen.

“Die “Märkte” wird man nie unter Kontrolle bekommen, es sei denn man würgt damit auch alle Vorteile ab, die die Marktwirtschaft mit sich bringt.”

Märkte, die von wenigen großen Konzernen dominiert werden, so wie es heute auf vielen globalen Märkten der Fall ist, wird man mit Regulierung nicht unter Kontrolle bekommen können, weil das, was sich darauf abspielt, nichts mehr mit fairem, freien Wettbewerb zu tun hat!
Die stärkste und beste regulierende Kraft ist EFFEKTIVER bzw. WIRKSAMER Wettbewerb. Es ist leider ein vom ökonomischen Mainstream gepflegtes Märchen, dass Wettbewerb jederzeit, das heißt unabhängig von den marktstrukturellen Gegebenheiten und dem Reifegrad von Märkten, diese regulierende Funktion erfüllt.

In einer Welt mit beispielsweise relativ kleinteiligen Märkten wäre dies der Fall und wir hätten nicht die Probleme, die wir aktuell nicht nur im Bankensektor, sondern auf globalen Märkten VIELFACH – denken Sie an Intel, BHP Billiton, die Ölkonzerne, den Automobilsektor usw. – haben.
Die Marktwirtschaft ist nicht prinzipiell und unter allen Umständen gesamtwirtschaftlich ein Segen und “vorteilhaft”. Es hängt von den Marktgegebenheiten und der vorherrschenden FORM von Wettbewerb ab, ob sie es ist oder nicht!

Das kann sich jeder einfach vor Augen führen, wenn er beispielsweise an die Marktgegebenheiten im Nachkriegsdeutschland denkt und diese einfach einmal mit den heutigen vergleicht. Was wir heute haben, nicht so sehr in Deutschland, sondern – schlimmer – auf den Weltmärkten, ist etwas völlig anderes als damals. Damals standen die Märkte am Anfang ihrer Entwicklung, es gab eine immense Nachfrage, enorme Wachstumschancen und vor allem auch – aufgrund der kleinteiligen Märkte – ein enormes unternehmerisches Entfaltungspotenzial. Heute haben wir vielfach gesättigte, von wenigen Oligopolisten dominierte Märkte. Unternehmerisches Entfaltungspotenzial gibt es aufgrund dessen nicht. Es ist naheliegend, dass sich große Finanzmarktakteure unter solchen Bedingungen von der Realwirtschaft abwenden, und ihre Renditen auf Geschäftsfeldern jenseits davon suchen – mit den bekannten Folgen.

Daran müssen und können auch nur die Politik UND die Nachfrager etwas ändern. “Der Wettbewerb”, in der aufgrund der marktstrukturellen Gegebenheiten aktuell vorherrschenden FORM, kann es nicht.

* Dr. Stefan L. Eichner ist Ökonom. Auf seiner Webseite Stefan Leichners Blog schreibt er in Über mich:

“Als Ökonom beschäftige ich mich seit 1990 mit den Themen: Europäische Integration, Wirtschafts- und Industriepolitik, Industrieökonomik und Wettbewerbstheorie. 2002 habe ich in einer Publikation eine neue Wettbewerbstheorie vorgestellt, die ich "evolutorischer Wettbewerb" nenne. Sie bietet eine andere Erklärung von der Funktionsweise des Wettbewerbs als die bisher bekannten Theorien namens "funktionsfähiger Wettbewerb" und "freier Wettbewerb". Eine auf Wachstum und Beschäftigung gerichtete Wirtschafts- und Industriepolitik kommt ohne eine zutreffende Vorstellung davon, wie Wettbewerb funktioniert und idealerweise funktionieren muss, nicht aus. Die Wettbewerbstheorie erklärt, unter welchen Voraussetzungen eine Marktwirtschaft prosperiert. Darum ist sie wichtig.”

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