Was die “Märkte” wollen, ist gar nicht klar

by Dirk Elsner on 3. Juli 2012

Ich finde es immer wieder putzig, wenn irgend jemand davon spricht und Aussagen trifft, was die “Märkte” von Europa erwarten und daraus konkrete Forderungen an die europäische Politik formuliert, die explizit an die Wünsche der Finanzmärkte gerichtet sind. Ich halte das für Unsinn, weil die “Märkte” selbst gar keine eigenen einheitlichen Forderungen aufstellen, sondern stets nur auf das reagieren, was passiert. Das ist ein ganz großer Unterschied.

Hier nur zwei Beispiele, was Vertreter der “Märkte” wollen. Da äußerte sich einmal der Co-Chef für Europa von Goldman Sachs, Richard Gnodde, in einem Interview mit Michael Maisch (Handelsblatt Printausgabe v. 27.6.):

“Die Investoren wollen zwei Dinge sehen. Zum einen müssen die europäischen Regierungen beweisen, dass sie zu 100 Prozent hinter dem Euro stehen und das Projekt Gemeinschaftswährung wirklich vorantreiben wollen. Zum anderen müssen die Politiker einen glaubhaften Plan präsentieren, wie und in welchem Zeitrahmen sie die Designfehler der Währungsunion beheben wollen. Sind die Vision und die Details dieses Plans glaubhaft, werden auch die Märkte die nötige Geduld beweisen.

….

Ja genau, die Investoren wollen Bewegung in Richtung gemeinsamer Verantwortung in der Euro-Zone sehen, das heißt zum Beispiel stärkere Fiskalintegration. Für ein neues Europa gibt es verschiedene Vorbilder, das können die Vereinigten Staaten sein, aber auch Kanada oder Australien.”

Die Aussagen sind so wunderbar unkonkret, dass man damit kaum etwas anfangen kann bzw. man viele Beschlüsse als Aktivitäten in diese Richtung verkaufen kann. So glaubte die europäische Politik in den letzten Jahren, die diversen Rettungs- und Stützungsfonds für Banken seien etwas, was die “Märkte” wollten. Je nach vorhergehender Erwartung, “feierten” die Finanzmärkte Gipfelbeschlüsse mit einem Kursfeuerwerk, das manchmal ein paar Stunden, manchmal sogar ein paar Tage dauerte. Meist trat aber irgendwann die Ernüchterung ein und das nächstgrößere Geschütz musste herausgeholt werden. Im Nachhinein lässt sich dann stets leicht behaupten, dass die Ergebnisse dann doch nicht das waren, was die “Märkte” erwartet haben oder nach der Analyse die Schwächen gesehen haben.

Ein anderes Beispiel sind die Äußerungen von Andrew Bosomworth, Deutschland-Chef von Pimco, das ist einer der weltgrößten Anleger für vorwiegend institutionelle Investoren. In einem Gespräch mit der ZEIT fordert dieser Vertreter der “Märkte” „Lasst Banken pleitegehen„. Bosomworths hält die Folgen einer Bankpleite für geringer, als die der Rettung aller Banken. Außerdem fordert er eine „europäische Regierungserklärung“ und ein glaubwürdiges Konzept.

Mit der Forderung nach einem glaubwürdigen Konzept stimmt Bosomworths mit Gnodde überein. Nur wie genau ein “glaubwürdiges Konzept” aussehen soll, wissen natürlich auch Gnodde und Bosomsworths nicht.

Die Märkte haben in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer, wie ein solches Konzept konkret aussehen soll. Diese Feststellung ist auch nicht besonders originell. Doch manchmal vermitteln die Berichte den Eindruck, die Märkte hätten ganz konkrete inhaltliche Vorstellungen, über das was getan werden müsste. Aber käme irgend jemand auf die Idee, dass einer der Analysten, die etwa gerade Facebook unter die Lupe nehmen, genau weiß, wie Zuckerberg sein Unternehmen führen sollte? Wohl nicht.

“Märkte” sind kein homogener Haufen mit einer einheitlichen Position. Sie treffen sich auch nicht zu konspirativen Sitzungen, um den Euro zu zerstören oder Länder in den Abgrund zu schicken. Die “Märkte” bestehen aus Millionen von Einzelinteressen (siehe auch Update: Und wer sind nun eigentlich “die Märkte”?). Die Einzelinteressen wollen an den Finanzmärkten ihr Geld anlegen, die Risiken kennen und kalkulieren können und meistens gerade nicht ihr Vermögen halsbrecherisch riskieren.

Für die “Märkte” scheint es daher nur wichtig zu sein, dass es überhaupt ein Konzept gibt, dieses realistisch klingt (was nicht bedeutet, dass es realistisch sein muss) und konsequent umgesetzt wird. Der größte Feind der Märkte ist echte Unsicherheit (keine kalkulierbaren Wahrscheinlichkeiten, Schwarze Schwäne oder unknown unknowns). Märkte mögen Risiken, aber nur wenn diese (und sei es auch nur scheinbar) kalkulierbar sind. Können sie gar nichts kalkulieren, dann ziehen sich viele Marktteilnehmer solange zurück, bis sie etwas kalkulieren können (Investoren, die genau auf solche Unsicherheiten warten und in unknown unknowns investieren, gibt es freilich auch).

Die Lektion, die die europäische Politik daraus möglicherweise zieht ist, dass es gar nicht darauf ankommt, welches Konzept umgesetzt wird, sondern nur, dass ein hinreichend glaubwürdiges Konzept existiert und dieses gemeinsam getragen und so idealerweise nach einem Plan umgesetzt wird. So könnte man z.B. Finanzminister Schäuble interpretieren, wenn er sagt: “Wir brauchen ein Gipfel-Ergebnis, das an den Finanzmärkten neues Vertrauen weckt und müssen Entscheidungen vermeiden, die neue Unsicherheit erzeugen.” Bedenklich daran ist, dass so vermutlich gerade nicht die Konzepte abgestimmt werden, die die Probleme lösen. Welche das wiederum sind, darüber gibt es die unterschiedlichsten Vorstellungen und auch unter Ökonomen weiterhin heftige Debatten.

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