Entspannung bei den Kreditausfallversicherungen: Hat die Schuldenkrise den Zenit überschritten?

by Dirk Elsner on 13. August 2012

Die europäische Schuldenkrise treibt weiter die Schlagzeilenproduktion. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) befasste sich gestern auf einer Doppelseite mit verschiedenen Anlagestrategien für “Ängstliche”. Im Handelsblatt kaut Fondverwalter seine wöchentliche Warnung „Euro in „existenzieller Gefahr.“

Persönlich sehe ich das Glas ja lieber halbvoll als halbleer, was sich für einen Blog eigentlich gar nicht gehört. Aber der Soziologe Frank Furedi stellte in einem Interview ebenfalls mit der FAS fest, dass wir dazu neigen bei Problemen die schlechtest mögliche Entwicklung zu erwarten und wir uns ständig bedroht fühlen. Ich glaube außerdem, dass viele Medien dieses Bedrohungsempfinden ausgezeichnet zu bedienen wissen mit ständig neuen Horrorszenarien, die Talkshownomaden und Untergangsgurus verbreiten. Ich versuche mich da von der Ansteckung frei zu machen.

Aber in diesen Zeiten ist es nicht ganz einfach, eine wirklich sachgerechte Einschätzung zu erhalten. Tatsächliche Gefahr und empfundene Bedrohung sind nämlich zweierlei (so Furedi im FAS-Interview). Nach dem Beitrag am vergangenen Mittwoch über die “Befürchtungen einer Italien-Pleite” wage ich bei all dem Krisengerede der letzten Wochen daher einen weiteren Blick auf die Märkte für Kreditversicherungen. Und siehe da, dort sieht es weniger bedrohlich aus, als vermutet.

Ich habe als Nachrichtenkonsument bei den meisten Meldungen, die mit Krisen- und Untergangsprognosen aufmachen, das Problem, diese richtig einordnen zu können. Viele Aussagen werden so präsentiert, als sei das schlimmstmögliche Szenario am wahrscheinlichsten. Erst wenn man sich die Mühe macht und die Details der Aussagen nebst Annahmen untersucht und hinterfragt, gelangt man zu einer sachgerechteren Bewertung. Aber wer hat schon immer dafür Zeit? Ich jedenfalls nicht. Daher hilft mir ein Blick auf die Märkte. Sie kennen zwar die objektive “Wahrheit” auch nicht (über die verfügt ohnehin niemand), ein Blick dorthin hilft aber für eine schnelle und zeitsparende Orientierung.

Interessant ist, dass das, was ich bereits über Italien geschrieben habe, sich auch für andere Länder bestätigt. Die Kapitalmärkte haben sich in den letzten Wochen entspannt im Hinblick auf die Schuldenkrise in Europa. Ich bewerte dies für diesen Beitrag einmal allein an den Preisen für die berühmt berüchtigten Kreditausfallversicherungen, mit denen sich Gläubiger gegen einen Ausfall eines Staatsschuldner absichern können. Ich hatte an vielen stellen hier bereits erklärt, dass sie ein recht nützliches Fieberthermometer darstellen.

Auf der Seite “Ausgewählte CDS-Preise” habe ich in einem Beitrag (Danke noch einmal an Alex13wetter) ausgewählte Links auf die Preise für sogenannte Credit Default Swaps zusammen gestellt. Man braucht diese Papiere nicht im Detail zu verstehen, für diesen Beitrag reicht es zu wissen: je niedriger der Preis, desto geringer schätzt der “Markt” die Ausfallrisiken ein:

Land Hoch aktuell
Belgien 413 167
China 205,06 105,07
Deutschland 121,6 65,55
Frankreich 252,77 146,64
Irland 942 466
Italien 595 454
Portugal 1583 767
Spanien 646,8 514
USA 58,99 42,08

Quellen: Bloomberg

Die Zahlen sprechen für sich. Für alle Nationen haben sich die Prämien im Vergleich zu den Höchstständen zurück gebildet. Das ist ein positives Zeichen. Wem oder welchen Maßnahmen das zu verdanken ist, werden uns Analysten spätestens dann erklären, wenn der Trend anhält. Ich suche dafür heute keine Erklärung, sondern stelle die Entspannung nur fest.

Natürlich ist es lukrativer für Medien und meist auch für Ökonomen und Analysten, wenn die Lager dramatischer dargestellt wird. Das gibt einfach mehr Klicks und Diskussionsstoff. Für die Wirtschaftspraxis und die Menschen ist es aber eindeutig besser, wenn sich die Lage entspannt und das Vertrauen wieder zunimmt. Als ein mögliches Ergebnis dieser Beruhigung könnte ein Teil der Milliarden, die derzeit von Unternehmen und Investoren an Liquidität gehortet werden, endlich wieder in Investitionen der Realwirtschaft fließen.

Ob die Schuldenkrise damit ihren Zenit überschritten hat lässt sich freilich daraus nicht ableiten. Zu unübersichtlich ist die EUROpäische Gemengelage und das Vorschlags- und Maßnahmengestammel. Verlässlichkeit ist da noch lange nicht zu erwarten. Und wenn man mal einen Blick auf einzelne Länder wirft, dann sieht man, wie weit die noch vom “Vorkrisenniveau” entfernt sind. Irland soll ja bekanntlich Fortschritte machen. Das Land wird für Anleger mittlerweile wieder interessant. Das zeigt sich in dem deutlichen Rückgang der Risikoprämien.

image

Quelle: Bloomberg

Ob Irland wirklich über den Berg gekommen ist, muss man sehen. Das Vorkrisenniveau der Risikoprämien ist noch weit entfernt (und ob dies überhaupt in den nächsten Jahren erreicht wird, würde ich stark anzweifeln). In der FAZ wurde Ende Juli gemutmaßt, das Land könne noch weitere Hilfen gebrauchen.

Man sollte bei dem Bewertungsmaßstab Ausfallversicherung ohnehin differenzieren: Er ist nur ein Indikator dafür, dass Anleger die vereinbarungsgemäße Rückzahlung der Landdesschulden erwarten und nicht dafür, dass es dem Land insgesamt und den Menschen dort besser geht.

Interpretiert man wie ich die Schuldenkrise vor allem als eine Leistungsbilanzkrise und nicht allein als durch den Euro verursacht, dann gibt es erste zarte Pflänzchen der Hoffnung, wie Businessweek kürzlich feststellte. Danach werden einige Länder wettbewerbsfähiger, was allerdings meist nur an einem Rückgang der Lohnstückkosten (halte ich nicht für ausreichend) gezeigt wird. Darunter befindet sich auch Spanien. Zu feiern gibt es hier allerdings wenig, denn der Preis, den Europa dafür gerade zahlt, ist erschreckend, wenn man dem Beitrag im Wall Street Journal über Supermarkt-Plünderungen glauben mag.

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