Sorgt der “Draghi-Put” für das abgeblasene Armageddon an den Märkten oder verschiebt er das nur?

by Dirk Elsner on 24. September 2012

Der DAX hat in der vergangenen Woche seine “Aufholjagd” mit großem Elan fortgesetzt. Ich habe am Wochenende einmal geschaut, wann der jüngste Aufschwung eigentlich genau los gegangen ist. Es war ziemlich exakt der 5. Juni 2012.

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Das war interessanterweise genau der Tag, an dem ich in meinem Blog die düsteren Schlagzeilen der Wirtschaftsmedien aufgespießt hatte. Für die jüngeren Leser hier ein kleiner Auszug:

“Mit “Die Weltwirtschaft balanciert am Abgrund” beglückte uns das Handelsblatt in der vergangenen Woche und führte als Indizien des Abstiegs die Eurokrise und das Straucheln der USA und Chinas an. Auch die sonst eher zurückhaltende FAZ wagt den Blick in den Abgrund. Für die Süddeutsche schreibt Joschka Fischer, dass “Europa in Flammen steht” und die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal befürchtet, dass “Europa droht Deutschland in den Abgrund zu stürzen” und sieht außerdem “kein Entkommen vor den Killerzinsen”. Gestern legte das Handelsblatt noch einmal nach mit “Explosives Gemisch” und bebilderte dies mit einem Blick in einen Vulkankrater, der scheinbar kurz vor dem Ausbruch steht.

Mit diesen und ähnliche apokalyptischen Schlagzeilen bibbern wir uns in diesen Tagen durch das Netz. Eine echten Tatterig bekam ich als vom Crash-Propheten Hannich las: Die Weltwirtschaft bricht zusammen – DAX 1.000 Punkte. Das toppt selbst die FAZ-Online nicht, wo man am Sonntag nur über “Bankenbeben, Börsenabsturz, Euro-Schwäche” lesen konnte. Eine Schwäche vermutet man allenfalls bei Senioren, beim Euro lockt das doch keinen Leser mehr hervor.”

In den letzten Wochen fällt nun auf, dass die Stimmung sich gedreht hat. Der Gruselfaktor ist längst verschwunden. Mit Ausnahmen der folgenden Schlagzeilen würde ich die Lage aber noch nicht als Euphorie deuten.

Das sind zwar die optimistischen aber keinesfalls repräsentative Schlagzeilen. Sie spiegeln letztlich nur das wider, was an den “Märkten” zu beobachten ist: Neue Zuversicht, weil Zentralbanken und Steuerzahler die Ausfallrisiken übernommen haben.

Ich hatte aber bereits hier am letzten Montag drauf hingewiesen, dass sich aber an der eigentlichen Lage in Euro-Land nichts geändert hat. Immerhin findet man diese Töne weiterhin. Sie sind aber leiser geworden. Focus Money weist darauf hin, dass sich die Euro-Krise weiter durch Europa frisst. Die FAZ stellt einmal mehr die Zweifel an Griechenland in den Blickpunkt und berichtet über eine “Neue Debatte über Schuldenschnitt”.  Auf dem Blog Querschüsse findet man die gewohnte Sammlung an Moll-Nachrichten aus der europäischen Wirtschaft. Und in den USA fragt man sich, ob die vielen Hilfen der Notenbanken nicht auch bedeuten, dass es mehr Hilfsbedürftigkeit gäbe.

Man kann sich natürlich wundern über die gute Stimmung. Ich habe mich aber eher über die besonders negative Stimmung im Frühjahr gewundert. Damals wurde Endzeitstimmung verbreitet. Relativ unstrittig dürfte sein, dass der “Draghi-Put” (in Anlehnung an den Greenspan-Put) derzeit die Unsicherheit aus den Märkten genommen hat. Die Frage ist nur für wie lange.

Ich will mal den Miesepeter spielen und bei der Gelegenheit an einen Text von Olaf Storbeck aus dem August erinnern, in dem er über eine Studie berichtet, wie die Geldpolitik der US-Zentralbank FED erst die Finanzkrise 2007 ermöglicht hat. Er schrieb u.a.:

“Alan Greenspan habe mit seinem Vorgehen die Banken dazu animiert, übermäßige Risiken einzugehen, argumentieren die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des „Journal of Political Economy“, einer der renommiertesten ökonomischen Fachzeitschriften. Diamond und Rajan untermauern ihre These mit einem theoretischen Modell, in dem sie den „Greenspan-Put“ simulieren. … Die Analyse der beiden Forscher zeigt: Die Akteure auf den Finanzmärkten antizipieren, das Verhalten der Zentralbank und passen ihr Verhalten entsprechend an: Sie verschulden sich stärker und kaufen viele illiquide Vermögenswerte.”

Glaubt man der Untersuchung, dann führt früher oder später der Put letztlich die Situation selbst erst herbei, die er eigentlich bekämpfen soll. Strengere Bankenregulierung allein löse das Problem nicht, weil die Finanzmärkte stets Wege finden, die Regeln zu umgehen. Über die Abfolge immer größerer Finanzmarktblasen als wichtigste Nebenwirkungen der ultra-lockeren Geldpolitik hat Patrick Welt auf FAZIT weitere Arbeitspapiere besprochen, die hier große Gefahren sehen (siehe dazu Der Keim des künftigen Unglücks).

Und in der Tat wirft die aktuelle Geldpolitik viele Fragen auf, die niemand gern beantworten will. Was passiert nach dem Auslaufen der expansiven Geldpolitik, insbesondere den LTRO-Programmen? Wie reagieren die Märkte, wenn die EZB eines Tages ankündigt, sie stelle die Käufe von Staatsanleihen unter dem ESM-Programm wieder ein?

Eine zu große Stimmungseuphorie ist mir jedenfalls genau so suspekt wie tiefe Stimmungsdepression. Und wie letzte Woche geschrieben, es kommt darauf an, dass die inhaltlichen Probleme im Euroland angegangen werden. Genau darüber wird aber viel zu wenig gesprochen.

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