Die deutsche Finanzkrise beginnt im Jahr 1998 in Wilmington (4)

by Gastbeitrag on 18. Oktober 2012

Mit diesem Teil endet der endet der exklusiver Auszug aus dem 6. Kapitel des Buches: Der größte Raubzug der Geschichte* von Matthias Weik und Marc Friedrich 

Teil 1 hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier zum Nachlesen.

Die Dresdner Bank hat die Gefahr ebenfalls erkannt

 

Im Mai 2004 warnt die Dresdner Bank in einer Untersuchung vor
einer Immobilienblase in den USA, Großbritannien und Spanien.
„Es ist davon auszugehen, dass auf allen drei Märkten inzwischen eine
spürbare Überbewertung im Wohnsegment anzutreffen ist.“ (Quelle: Spiegel). Die Warnung verhallt im „Off“!

Dublin, August 2004

Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG kontrolliert im Auftrag der BaFin die Geschäfte der Sachsen LB. „Die Bonner Bankenkontrolleure wollen wissen, ob die Staatsbank die Risiken der komplexen Finanzprodukte beherrscht, das heißt: ob sie sie gesetzeskonform ‚steuert
und überwacht‘.“ (Quelle: Spiegel)

Die Wirtschaftsprüfer kommen zu dem Ergebnis, dass es „erhebliche Unzulänglichkeiten in der Dokumentation“ gebe und dass der Verwaltungsrat den „Gesamtüberblick“ verloren habe. Laut Bericht führten Kreditpapiere im Wert von mehr als 13 Milliarden Euro in den Büchern der Bank eine Art „Eigenleben“. Wesentlich bedenklicher sei der Zustand der 13 von den Sachsen in Irland aus gegründeten Zweckgesellschaften. Diese halten zusammen 30 Milliarden Euro in hochriskanten Wertpapieren. Jedoch lassen sich die Prüfer von der Triple-A-Bewertung dieser Papiere täuschen. Niemand will bemerkt haben, dass selbst US-Ramschhypotheken durch die Verbriefung als
Premium-Papier mit Triple-A-Bestnote in den Depots auftauchten. Vielen war der Wert der Ratings bekannt. „Bereits am 17. Juni 2004 – also drei Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise – bemängelten Mitarbeiter der Sachsen LB das Rating-System und die dubiosen Praktiken der Agenturen. In einem Bericht des Kreditrisikomanagements stellten die Experten der Bank fest, dass die verfügbaren Statistiken wesentlich durch zurückgezogene Ratings beschönigt sind, deren Häuigkeit z. B. bei Moody’s in jeder Ratingklasse um ein Vielfaches über den gemessenen Ausfallraten liegt.“ (Quelle: Spiegel)

Deutschland im Herbst 2005: Deutsche Landesbanken werfen mit Geld um sich

 

Die deutschen Landesbanken steckten im Jahr 2005 Milliarden in riskante Papiere, obwohl sich bereits die ersten Krisensymptome zeigten. Sie konnten sich ein letztes Mal mit billigen Krediten eindecken, denn aufgrund eines Beschlusses der EU-Kommission werden Landesbanken zukünftig mit Privatbanken gleichgestellt und somit entfällt die Staatsgarantie und damit der Zugrif auf billiges Geld.

Laut einem Untersuchungsbericht beschließt der Vorstand der staatlichen BayernLB eine Ausweitung des Geschäfts mit „Forderungsbesicherten Wertpapieren“. „Künftig sollen dafür bis zu maximal 58 Milliarden Euro bereitstehen, 28 Milliarden mehr als bisher, und sie sollen in ‚deutlich risikoreichere Papiere‘ ließen, wie später ein Untersuchungsbericht feststellt.“ (Quelle: Spiegel)

Auch die anderen Landesbanken wie WestLB, HSH Nordbank und LBBW haben sich dem Wahnsinn hingegeben. Die Sachsen LB schoss jedoch den Vogel ab: Sie hat die Liquiditätslinie für ihre irische Schattenbank Ormond Quay kurzerhand verneunfacht. Diese durfte jetzt mit 41 Milliarden Euro zocken – bei einem Eigenkapital von 1,5 Milliarden Euro. Und das als staatliche Bank!

Leerverkäufe

 

„Bei einem Leerverkauf verkauft man beispielweise Aktien, die man (noch) gar nicht besitzt. Es handelt sich dabei also um eine Art von Termingeschäft, da man die Aktien auf Termin verkauft. Der Leerverkauf wird in der Börsensprache in der Regel als Shortverkauf oder auch als ‚short gehen‘ bezeichnet. Wenn man sich dazu entscheidet, bestimmte Aktien leer zu verkaufen, tut man dieses, weil man von fallenden Aktienkursen ausgeht. Man hoft also, dass der Kurs der Aktie bis zu dem Datum, wann man sich spätestens mit den Aktien ‚eindecken‘, also diese kaufen muss, um die ofene Position ausgleichen zu können, fällt. Dann kann man die Aktien zu einem günstigeren Kurs kaufen als man später aufgrund des Verkaufs als Erlös erhält.“ (Quelle: 1×1-boerse.de)

Die große Koalition beschließt den Ausbau des Verbriefungsmarktes

 

Im November 2005 hat Angela Merkel das Zepter von Gerhard Schröder übernommen und die Zeit der großen Koalition beginnt. Im Koalitionsvertrag hat diese den „Ausbau des Verbriefungsmarktes“ beschlossen. Bereits im September 2005 fragt der US-TV-Sender CNN Money: „Ist die Party zu Ende?“ Die ersten smarten Investmentbanker wetten mit Leerverkäufen gegen die Aktien der US-Immobilienvermittler New Century und Indymac. (Der Verbriefungsexperte der Deutschen Bank in New York, Greg Lippmann, geht noch weiter.
Er wettet mit Indizes unmittelbar gegen die Conduits.

Im Dezember 2005 fragte das „Finance Magazin“ sogenannte „Experten“: Was erwartet uns? Werner Taiber, WestLB, zuständig für die SGK–Servicegesellschaft Kreditmanagement, das erste Unternehmen im öffentlich-rechtlichen Bankensektor für den Ankauf und die Verwertung von Non Performing Loans –, antwortet: „Schätzungen zufolge beläuft sich das Volumen notleidender Kredite allein im öffentlich-rechtlichen Bankensektor auf 60 bis 100 Milliarden Euro. Das Gesamtvolumen für alle Banken in Deutschland dürfte bei annähernd 300 Milliarden Euro liegen. Dennoch ist der Markt zur Bearbeitung dieser Kredite in Deutschland erst in der Entstehung. Vor allem wegen der von 2007 an geltenden strengeren Vorschriften für die Kreditvergabe durch Basel II steigt das Interesse der Banken, Non Performing Loans auszugliedern und professionell verwerten zu lassen.“ (Quelle: Finance Magazin).

Wieso haben nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt alle Alarmglocken geschrillt? Wird ein Kredit weniger Not leidend, wenn man ihn ausgliedert?

Ende des 6. Kapitels und dieser Reihe



Der Text ist urheberrechtlich geschützt. Der Auszug aus dem Buch erfolgt exklusiv und mit Genehmigung der Autoren und des Verlags. Ich hatte nach einem Mailaustausch mit Marc Friedrich gefragt habe, ob ich dieses Kapitel für den Blick Log übernehmen kann. Dieser Abschnitt enthält an verschiedenen Stellen Anmerkungen zu den Quellen der Aussagen. Aus Vereinfachungsgründen habe ich mich entschieden, die Anmerkungen aus diesem Blogtext rauszulassen. Auch technischen Gründen sind die Kurzzusammenfassungen an den jeweiligen Seitenrändern als Zwischenüberschriften eingefügt.

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