Grundannahmen der Ökonomie: Nichtwissen – Ein unumgängliches Risiko

by Gastbeitrag on 21. Dezember 2012

Gastbeitrag von Agora 42*

Frank Hyneman Knight hatte einen messerscharfen Verstand und einen klaren Blick fürs Ökonomische. Sah man ihm an sonnigen Tagen in die Augen, blickte man in ein ungetrübtes und klares Blau. Eines jedoch war dieser kompromisslose Denker ganz sicher nicht: blauäugig. Bedeutet das, dass er alles wusste? Ganz im Gegenteil – was er wusste, war, dass er nichts wusste.

Frank Knight (1885–1972) war ein amerikanischer Ökonom, der wie ein Philosoph dachte. Für ihn spielte sich das Leben der Menschen in einer ökonomischen Welt ab. Wie eine Zukunft in dieser ökonomischen Welt aussieht, lässt sich nicht sicher sagen. Selbst wenn wir all unsere Erfahrungen und all unser Wissen in die Waagschale werfen, um ein detailliertes Bild der Zukunft (der Entwicklung der Märkte, der politischen Lage, etc.) zu zeichnen, können wir dennoch nie gewiss sein, dass unser Bild einmal Wirklichkeit wird. Über diese einfache Wahrheit klärt uns Knight in seinem Buch Risk, Uncertainty and Profit (1921) mit nüchterner Gelassenheit auf. Dass er die weit verbreitete Illusion einer berechenbaren Zukunft zerschlägt und dadurch den geliebten Wunsch
nach Sicherheit und Herrschaft über die eigene Zukunft als Kinderei enttarnt, macht ihm anscheinend nichts aus. Ganz im Gegenteil: Jemand, der wie Frank Knight die Wahrheit liebt, freut sich darüber, wenn es ihm gelingt, eine angenehme Lüge gegen eine unangenehme
Wahrheit einzutauschen.

Knight sah den Grund dafür, dass wir mit unseren Vorstellungen der Zukunft manchmal mehr und manchmal weniger daneben liegen, in der ungenauen Art und Weise, in der wir Schlüsse ziehen und uns die Welt erklären: Er bescheinigt unserem Denken ein nicht unerhebliches Maß an Begrenztheit, sagt, wir würden die Zusammenhänge vereinfachen, um für unser tägliches Leben eine brauchbare Palette an Daumenregeln an der Hand zu haben; er unterstellt uns eine zwanghafte Neigung, die Welt, die uns umgibt, als dauerhaft und unveränderlich begreifen zu wollen. Bei all diesen menschlichen Fehlern könnte man erwarten, dass Knight dem wissenschaftlichen Drang, dem viele seiner Wissenschaftskollegen an der Chicago University folgen, ebenfalls nachgibt und die Fehlbarkeit unseres Denkens und unserer Vorstellungen in mathematische Formeln gießt, um sich ihrer durch mathematische Tricks – eine Gleichsetzung
hier, eine Umstellung da – zumindest auf dem Papier zu entledigen.

Zu einer solchen Vertuschungstat lässt sich Knight jedoch nicht hinreißen. Stattdessen dreht er den Spieß um und befreit sein Menschenbild vom hehren sowie unrealistischen Ideal der Allwissenheit. Diese Befreiung hat allerdings ihren Preis. Frei vom Druck der Allwissenheit, führt Knight seine Schäfchen auf das unebene und karge Terrain des Nichtwissens, auf das schon Sokrates, etwa 400 Jahre vor Christus, seine Mitbürger in Athen geführt hatte – ein Terrain, das seitdem für eine Vielzahl der Menschen kein bisschen an Attraktivität hinzugewonnen hat. Sokrates wurde damals wegen seiner Beharrlichkeit, den Menschen ihr Nichtwissen vor Augen zu führen, per Gerichtsprozess zur Selbsttötung verurteilt.

Sokrates lebte von 469 v. Chr. bis 399 v. Chr. in Athen. Er war ein antiker Denker, der durch die überlieferten Schriften seines Schülers Platon das abendländische Denken bis in unsere Zeit hinein beeinflusst. Ihm wurde wegen des verderblichen Einflusses auf die Jugend und der Missachtung der griechischen Götter der Prozess gemacht. Sokrates vertrat sich im Prozess selbst und entschied sich, nachdem er vom Gericht zum Tode verurteilt worden war (er sollte einen Giftcocktail einnehmen), gegen die Möglichkeit einer Flucht. Seine Begründung dafür lautete, dass er unter den Gesetzen Athens aufgewachsen sei, diese ihn zeitlebens geschützt hätten und er, wenn die Gesetze es so verlangten, bis in den Tod nach ihnen lebe.

Knight hingegen wurde wegen derselben Beharrlichkeit zu einem der erfolgreichsten und höchst angesehenen Ökonomen des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Argumente, warum wir uns – vor allem, was die Zukunft betrifft – eher als Unwissende denn als Wissende bezeichnen sollten, erscheinen durchaus einleuchtend.

Die Begrenztheit des möglichen Wissens

Knight nahm den Ariadnefaden des Sokrates wieder auf. Dieser führt aus dem Labyrinth der falschen Wahrheiten direkt an die Grenzen des menschlichen Denkens. Und wenn es darum geht, die Grenzen des menschlichen Denkens und den Abgrund des Nichtwissens zu veranschaulichen, führt am deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) kein Weg vorbei.

Ariadnefaden: In einem griechischen Mythos heißt es, dass die minoische Prinzessin Ariadne dem Athener Theseus ein Knäuel aus rotem Wollfaden als Geschenk gab, bevor dieser ins Labyrinth aufbrach, um den Minotaurus zu töten. Theseus befestigte den Faden am Eingang des Labyrinths und fand, nachdem er den Minotaurus getötet hatte, entlang des roten Fadens unversehrt den Weg zurück.

Wie Kant geht auch Knight davon aus, dass die Farben und Formen, die wir mit unseren Augen sehen, die Klänge, die wir hören, und die Düfte, die wir riechen, eine Menge von Eindrücken sind, die wir später zu unserem Bild von der Welt zusammenfügen. Dieses Bild ist bei genauer Betrachtung sehr begrenzt. Beispielsweise sehen wir die winzigen Lichter der Sterne nur während
der nächtlichen Dunkelheit. Während des Tages werden sie von den Sonnenstrahlen überdeckt. Stellen wir uns vor, ein Mensch würde an einem Ort auf der Welt leben, an dem es immer Tag wäre und es keine Nacht gäbe, dann würde dieser Mensch die Sterne niemals zu Gesicht bekommen – er würde nicht einmal wissen, dass sie existieren. Nun kann man zu Recht einwenden, dass es keinen Ort gibt, an dem es immer Tag ist. Dies ändert allerdings nichts daran, dass de facto manches für unser Auge unsichtbar ist, was aber von dem einen auf den
anderen Moment unser Leben verändern kann. Denken wir beispielsweise an Atomteilchen, die, obwohl für unser bloßes Auge unsichtbar, im Fall des Zerfalls ihrer Kerne eine gigantische Kraft entfesseln, die auf einen Schlag alles Leben in ihrer Umgebung vernichtet.

In Wissenschaft und Forschung, aber auch im alltäglichen Leben machen wir die Erfahrung, dass, was vor Kurzem noch verborgen war und wovon ich mir keinerlei Vorstellung machen konnte, plötzlich real und wichtig wird. Die Begrenztheit unserer Wahrnehmung ist einer der Gründe, warum wir nicht alles wissen.

Vereinfachung

 

Des Weiteren greift Knight ein Argument seines Zeitgenossen Henry Bergson (1859–1941) auf. Bergson schildert, wie bereits eine einfache Rose bei genauer Betrachtung zu einem unendlich komplizierten Gegenstand wird: Betrachtet man die Anzahl der Rosenblätter, die Unterschiede der einzelnen Blätter, die kleinen Risse, die feinen Farbabstufungen, die Einmaligkeit genau dieser einen Rose in genau diesem einen Garten, in diesem Land, auf diesem Kontinent, sowie all die anderen zu beobachtenden Eigenschaften, könnte man allein über diese Rose ein dickes Buch schreiben. Und wenn Bergson sich bereits schwer damit tut, alles über diese eine Rose zu wissen, wie sollte es da möglich sein, über die restlichen Gegenstände der Welt alles wissen zu können?
Knight zieht daraus den Schluss, dass wir diese enorme Reichhaltigkeit in unserem Denken und unseren Vorstellungen vereinfachen, um der geballten Informationsvielfalt Herr zu werden und im täglichen Leben handlungsfähig zu bleiben. Wir ordnen verschiedene Gegenstände einer überschaubaren Gruppe zu und geben dieser einen Namen. Zum Beispiel fassen wir Rosen, Tulpen und Nelken unter der Kategorie „Blumen“ zusammen; oder Arbeiter, Maschinen und Gebäude unter der Kategorie „Firma“ beziehungsweise „Unternehmen“. Mittels der Mathematik entwickeln wir Zahlenmodelle, in denen wir Unternehmen als vergleichbare und gleiche Gegenstände behandeln. Wir gehen davon aus, dass wir alle Unternehmen ausnahmslos kennen und diese sich heute wie auch morgen auf eine bestimmte Weise verhalten werden. Wir haben Zahlenmodelle geschaffen, in denen wir alles wissen und alles kontrollieren.

Was aber, wenn wir die Vereinfachung so weit getrieben haben, dass wir versehentlich Äpfel mit Birnen verglichen haben? Oder vielleicht sogar Äpfel mit Steinen? Dann sind wir dem Risiko der Vereinfachung aufgesessen. Eine Vereinfachung, die allerdings unvermeidlich ist, weil wir ohne sie handlungsunfähig wären.

Nichts bleibt, wie es ist

 

Nicht nur, dass wir meinen, wir könnten die Anzahl an Gegenständen und aktuell ablaufenden Prozessen überschauen, sondern auch die generelle Annahme, die Dinge würden so bleiben, wie sie in der Vergangenheit waren, führen dazu, dass sich Fehleinschätzungen in unsere Weltbilder einschleichen. Nehmen wir zum Beispiel mein Auto. Ich habe es in der eleganten Farbe Schwarz gekauft. Tag für Tag und gleich, wo sich mein Auto befindet, gilt: Mein Auto ist schwarz. In Wahrheit aber ist es so, dass es über die Jahre seine schwarze Farbe verliert. Im Laufe der nächsten 30 Jahre werden die Lackschichten Stück für Stück von der Witterung zersetzt. In 100
Jahren wird sich mein schwarzes Auto in einen rotbraunen Rosthaufen verwandelt haben. Kein Gegenstand hält ewig. Es gibt nichts, was nicht dem Zerfall preisgegeben wäre oder sich vor dem Wandel schützen könnte. Indem wir in unsere Vorstellungen von der Zukunft die schleichende Veränderung nicht miteinbeziehen, sitzen wir dem nächsten Risiko auf. Wir setzen auf Dauerhaftigkeit, wo eigentlich schleichende Veränderung oder plötzlicher Wechsel dominieren. Nehmen wir den plötzlichen Siegeszug der Jeans in Deutschland: Die deutsche Textilindustrie war bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Produktion von Stoffhosen eingestellt. Durch ein paar GIs, die in ihrer Freizeit ihre coolen Jeans durch deutsche Straßen trugen, änderte sich der Modegeschmack – plötzlich wollte jeder Jeans. Diejenigen Textilhändler, die diesem Trend nicht schnell genug folgen konnten, gingen bankrott.

Der ständige Wandel verhindert, dass unser Wissen aus der Vergangenheit ausreicht, um alles wissen zu können. Hieraus resultiert ein Nichtwissen, welches unser Verhalten beeinflusst.

Franks unperfekte Welt

 

Was für unser tägliches Leben gilt, lässt sich auch auf den Markt übertragen. So ist aus Frank Knights Überlegungen eine ganz eigene ökonomische Theorie erwachsen, die das Nichtwissen – und hier ist gerade das Nichtalles-wissen-Können gemeint – zum eigentlichen Motor des Marktes macht. Ich weiß etwas, das du nicht weißt, und du weißt etwas, das ich nicht weiß. Durch diese
unterschiedliche Informationsverteilung erklären sich auch die unterschiedlichen Preise für ein und dasselbe Produkt. Würde jeder wissen, wo das iPhone am wenigsten kostet, und könnte jeder problemlos in diesen Laden kommen, würde wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit der Menschen das Produkt in besagtem Laden kaufen. In Wirklichkeit aber kennt man von den Hunderten Anbietern für das iPhone nur eine Handvoll und in Laufweite gibt es meist nur einen Laden. Sprich: Die Welt und die Märkte sind nicht perfekt. Deshalb war für Knight klar: Das Bild vom perfekten Markt, in dem jeder vollkommen informiert ist, in dem alles absolut effizient organisiert ist, in dem der Mensch frei in all seinen Entscheidungen ist und die Gerechtigkeit und politische Macht über alle Bürger gleich verteilt ist, kann nichts anderes sein als ein (platonisches) Ideal – welchem wir uns nur unter größter Anstrengung und nur für eine kurze Phase annähern können.

Das Nichtwissen birgt Überraschungen, und deshalb bleibt das Plötzliche ein festes Element unseres Lebens. Das Phänomen jedoch, dass sich in den Märkten die finanzielle und politische Macht nicht über alle Menschen gleich verteilt, sondern immer wieder kleine mächtige Gruppen (Machtmonopole) entstehen, zählt Knight nicht zu den plötzlichen Geschehnissen. Statt-
dessen sind sie der Klüngelei unter den Führungspersonen sowie dem Festhalten an veralteten und unreflektierten Vorstellungen und Weltbildern geschuldet. In Knights unperfekter Welt veralten selbst die Vorstellungen über das gemeinsame Zusammenleben unter den Menschen. was gestern funktionierte, führt vielleicht schon heute zu schaden und elend. Eine Zeit lang verharren wir im Dogma, dass alles wie gehabt bleiben kann, selbst wenn sich die Spirale nach unten dreht. Es kommt aber der Punkt, an dem es Knight zufolge unvermeidlich wird, sich um ein neues Denken zu bemühen. Um zu Offenheit und gegenseitiger Achtung zu gelangen, verlangt uns Knight ein riskantes, aber notwendiges Unterfangen ab: Wir müssen uns für eine gewisse Zeit gegen unsere eigenen Vorstellungen –  und damit gegen uns selbst – zur Wehr setzen. So lange,
bis wir wieder zukunftsfähig sind.

* Dieser Beitrag ist in Agora 42, Ausgabe 5/2011 erschienen und von der Redaktion verfasst. Agora ist ein zweimonatlich erscheinendes Print-Magazin für Ökonomie, Philosophie und Leben. Der Beitrag ist urheberrechtlich geschützt und mit Erlaubnis der Redaktion hier exklusiv online gestellt. Die aktuelle Ausgabe der Agora 42 trägt das Titelthema “Gerecht Wirtschaften”.

Previous post:

Next post: