Anekdoten zum Jahreswechsel der Wirtschaftsgurus: Prognosen für 2013

by Dirk Elsner on 28. Dezember 2012

imageRegelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich auf Wirtschaftsprognosen stehe, weil sie ein unterhaltsamen Lesestoff bieten. Besonders stehe ich auf Prognosen, die die Gegenwart vorhersagen, stets gut zu beobachten bei Analysen von Aktien.

Zum Jahreswechsel gehört es hier mittlerweile zur guten Übung, wieder einige Gedanken zu Wirtschaftsvorhersagen zu platzieren und diese in den Kästen mit ausgewählten Meldungen zu aktuellen Prognosen zu garnieren.

Der Ökonom Anatole Kaletsky hat einmal gesagt: „Der sicherste Weg, um als Ökonom ernst genommen zu werden, ist, stets Desaster vorherzusagen, egal was sich tatsächlich ereignet.“ Bodo Hombach hat das in einer Kolumne wie folgt ergänzt: „In der Krise mangelt es nicht an Schwarzsehern und Besserwissern. Apokalyptiker haben Hochkonjunktur. Sie lassen den Finger nicht mehr von der Hupe und geben gleichzeitig Gas. Sie haben alles schon immer gewusst und würden so gerne recht behalten.“

2012 war ja bekanntlich wieder ein Jahr der nicht eingetretenen Wirtschaftskatastrophen. So rauchten besonders im Frühjahr die Schlagzeilen: Mit “Die Weltwirtschaft balanciert am Abgrund” beglückte uns das Handelsblatt und führte als Indizien des Abstiegs die Eurokrise und das Straucheln der USA und Chinas an. Auch die sonst eher zurückhaltende FAZ wagte den Blick in den Abgrund. Für die Süddeutsche schrieb Joschka Fischer, dass “Europa in Flammen steht” und die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal befürchtete, dass “Europa droht Deutschland in den Abgrund zu stürzen” und sah außerdem “kein Entkommen vor den Killerzinsen”.

Klar, irgendwann könnten auch die düsteren Prognosen eintreffen. Dann werden vielleicht einige, die mich nicht verstanden haben, mit Häme überziehen wollen, weil ich die Untergangsprognosen immer so abfällig betrachte. Dabei ist gerade für die professionellen Schwarzseher wichtig, dass sie sich nicht präzise auf Inhalte und Zeitpunkte festzulegen. Wenn sie das tun, so stellte dies Tillmann Neuscheler jüngst in der FAZ fest, fallen die Bilanzen professioneller Prognostiker ernüchternd aus.

Noch drastischer drückte es gestern auf Telepolis Tomasz Konicz aus. Er schrieb:

“Alljährlich setzt gegen Jahresende das übliche Ratespiel der Wirtschaftsforschungsinstitute und mehr oder minder bekannter Experten ein, bei dem alle Beteiligten sich mühen, die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr zu erhellen. Dabei haben die Vorhersagen unser modernen Konjunkturauguren in etwa dieselbe Substanz wie die Prophezeiungen ihrer Vorgänger aus dem Altertum oder der Steinzeit, als Schamanen, Orakel und Druiden den Verlauf der Zukunft aus Tiereingeweiden oder dem Schwalbenflug abzulesen hofften: die bis auf die Nachkommastellen präzisierten Konjunkturzahlen, mit denen der positivistische Mythos wissenschaftlicher Exaktheit und Präzision beschworen wird, haben die Aussagekraft eines Zufallsgenerators. Kaum eine Prognose unserer “Wirtschaftsweisen” tritt tatsächlich ein, wobei selbst die wenigen Treffer statistisch betrachtet auch dem schlichten Rateglück geschuldet sein können.”

Der emeritierte Professor Robert Skidelsky trifft eher meine Position. Er stellte jüngst fest, dass die Wirtschaftsprognostik zwangsläufig ein unpräzises Geschäft sei: „Es passieren einfach zu viele Dinge, als dass die Forscher sie alle vorhersagen könnten. Also sind Ahnungen und Ermessensentscheidungen ein unweigerlicher Bestandteil „wissenschaftlicher“ Wirtschaftsprognosen.“ Leider findet die Unsicherheit kaum Niederschlag, wenn über einzelne Prognosen selbst berichtet wird. Ich schrieb  dazu vor ein paar Wochen:

“Um so bemerkenswerter ist es, dass sich das veröffentlichte Prognosewesen der Volkswirte immer noch nicht weiter entwickelt hat. Wie so etwas aussehen könnte hatte ich im letzten Jahr einmal in diesem Beitrag dargestellt. Darin ging es vor allem darum für Prognosen Spannbreiten oder besser noch Risikomaße anzugeben, die man z.B. über Simulationen ermitteln könnte.”

Und trotzdem ist die Nachfrage nach wirtschaftlichen Prognosen ungebrochen hoch. Das gilt zumindest für die Politik und die Berichterstattung der Medien.

Was mir übrigens auffällt, dass nur noch wenig Auguren sich mit der Eurokrise befassen. Das erstaunt mich vor allem deswegen, weil einer der Hauptindikatoren der Krise, nämlich die Defizite in den Leistungsbilanzen, weiter auf Alarm steht. Weder die USA noch der Euroraum haben bisher mit ihrer Antikrisenpolitik überzeugen können, wie Stefan L. Eichner vor Weihnachten auf Querschüsse festgestellt hat. Vermutlich muss es erst wieder an den Finanzmärkten knallen, bis uns die ersten “Experten” hier vor “neuen” Fehlentwicklungen warnen.

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